Residenztheater München: Warum die Begleitung des Kritikers bei Georg Ringsgwandl eingeschlafen ist
Kaum hat er mit seiner Band die Bühne des Residenztheaters geentert, schon macht er seinen "Signature Move": der Oberkörper ehrerbietig vor dem applaudierenden Publikum gekrümmt, die Beine überkreuzt, die Arme leicht nach hinten, weit auseinander gen Himmel ausgestreckt. Ein leicht abgerundetes "V" bilden sie, vielleicht ist es ein "V" für "Victory" oder "V" für "Vogel"? Er war und ist ja ein voglwuider Typ, mit seinen 77 Jahren erst recht: Georg Ringsgwandl mit seiner unsterblich schönen Ringsgwandl-Verbeugung.
Manche Dinge verändern sich eben nicht, das beruhigt, auch wenn natürlich alles irgendwann ein Ende hat. Dass er vor kurzem den Bayerischen Kabarettpreis für sein Lebenswerk gewonnen hat – darüber scherzt Ringsgwandl gegen Ende des Konzerts. Das sei schon "hart" gewesen, meint er und ist dabei gnadenlos mit sich selbst.
Für die Kategorien "Newcomer" und "Senkrechtstarter" kommt er nun mal nicht mehr in Frage, und er kann sich schon vorstellen, wie das sonst noch in der Preisjury zugegangen sei. Ja, wem gibt man denn dieses Mal den Preis fürs Lebenswerk? Dem Ringsgwandl! "Moment, ist der nicht schon gestorben?" "Na, den habe ich gestern noch in der U-Bahn gesehen!"
Eine Ode an den arbeitenden Menschen
Das Leben ist nun mal eine einzige Fahrt, vielleicht gibt es ein Licht am Ende des Tunnels. Oder auch nicht. "Schawumm" heißt das neue Album von Ringsgwandl, womit er nicht das finale Zuklappen der Himmels- oder Höllenpforte meint, sondern lautmalerisch jenes Geräusch beschreibt, das erklingt, wenn ein Paketbote die Seitentür seines Transporters zuschmeißt. Der Song dazu heißt "Götterbote", Ringsgwandl und seine Gesellen spielen ihn im rappelvollen Residenztheater. Es ist eine Ode an Menschen, die pflichtbewusst einen ziemlich nüchternen Job verrichten, "Schawumm", der Sound begleitet ihren Alltag.

Kapitalismuskritisch war Ringsgwandl schon immer, "Der Konsumverweigerer" aus dem Jahr 2006 singt er in einem Programm, in dem sich Altes und Neues freundschaftlich die Hand schütteln, weil so richtig verändert haben sich die Haltungen des musikalisch wie medizinisch versierten Liedermachers über die Jahre halt nicht.
Und auch der Blues hat Bestand: Lieder von Bob Dylan, Leon Russell oder Hazel Dickens haben die Fünf in launig verdeutschten Ringsgwandl-Versionen auf Lager und entwickeln einen solch souverän entspannten Klang, dass das Publikum selig-ergriffen lauscht und die Begleiterin des Rezensenten kurz und im vollsten Vertrauen, bestens aufgehoben zu sein, einschläft.
Ein bisserl anti-woke
Bei aller Lässigkeit ist die Band natürlich hellwach: Tommy Baldu, der die Drums zunächst gekonnt mit seinen Händen bearbeitet, um dann zum Besen und anderem Zubehör zu greifen. Nick Woodland, ein Brite in München, schlafwandlerisch sicher im Gitarrenspiel und seit über dreißig Jahren Weggefährte Ringsgwandls. Karl Ritter, ein Virtuose an Gitarre und Mandoline, der zwischendurch ein Solo spielt, das er sich eigentlich mit einem 3D-Drucker ausdrucken und zu Hause eingerahmt an die Wand hängen müsste. Und Christian Diener, der mit seiner Bassgitarre wunderbar eingängige Linien zieht.
"Das sind erstklassige Musiker", stellt Ringsgwandl fest und bedauert sie: "Die müssen sich die ganzen Reden von mir anhören." Gerade in der ersten Hälfte lässt er seine Moderationen munter wuchern, wobei man Geschichten wie jene über seine Zither, die er von seiner Tante erbte, die sie wiederum von einem Holzknecht hatte, der sein Leben durch eine tragische Begegnung mit einem Holzlaster ließ, so oder so ähnlich schon mal gehört hat.

Ein bisserl anti-woke gibt Ringsgwandl sich, wenn er etwa erzählt, dass Chuck Berry einst durch Großstadtstraßen latschte und gar nicht wusste, dass er eine PoC (Person of Color) sei. Durch Selbstironie gerät aber einiges wieder ins Lot: Berrys "Duck Walk" würde Ringsgwandl gerne imitieren, "aber das hat mir mein Orthopäde verboten."
Ein Paradiesvogel geblieben
Dass es jetzt im Körpergebälk knarzen soll, möchte man gar nicht glauben. Fließend sind die Bewegungen Ringsgwandls, seine Finger huschen über die Zither, über die Gitarre, die Flügeltasten mit altersloser Geschmeidigkeit. Seinen Leib lässt er mit der Eleganz eines Clowns in Flugpositionen entgleisen, die er zu Recht mit jenen der artistisch begabten Sängerin Pink vergleicht. Einziger Unterschied: "Sie macht das im Badeanzug."

Sein eigener Look ist im Vergleich zu früher etwas gedeckter geworden, aber er bleibt ein Paradiesvogel, mit tiefem Bewusstsein für das Animalische im Menschen. "Mein Hund wird falsch ernährt", "Leben ois wiera Kuh" oder "Hühnerarsch, sei wachsam" erweisen sich als Evergreens wider den tierischen Ernst. Und es ist natürlich pure Rhetorik, wenn Ringsgwandl sich fragt, ob das okay sei, so zu sein: "komplett gaga im Staatstheater."
Beckett kommt ihm dabei in den Sinn. Sie wissen ja beide, wie verquer-absurd das Dasein ist. "Dass du mi mogst, bei meinem verhauten Leben, unerklärlich, ein Phänomen!", singt Ringsgwandl. Am Ende bejubelt das Publikum ihn, die Band, das ganze Phänomen. Standing Ovations und er nimmt sie mit dieser verflixt graziösen Verbeugung entgegen.
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