Kritik

Rattle im Herkulessaal: Ein Orchester aus Solisten

Geschmackssicher: Simon Rattle und das BR-Symphonieorchester mit eigenen Solisten und der britischen Pianistin Imogeen Cooper im Herkulessaal.
von  Michael Bastian Weiß
Die britische Pianistin Imogeen Cooper.
Die britische Pianistin Imogeen Cooper. © Severin Vogl

Ein breites Publikum weltweit ist dem Kosmos der Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart zum ersten Mal mit Imogen Cooper als Solistin begegnet, als sie den Film "Amadeus" von 1984 sahen, zu dessen Tonspur die englische Pianistin seinerzeit beitrug. Zeigt die gesamte Kinoproduktion auch ein arg verfremdetes Bild des Komponisten, war diese musikalische Besetzung doch ein Glücksfall – wie sehr, begreift man erst rückwirkend, wenn man die englische Pianistin heute hört.

Mozart sehr stimmungsvoll

Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Simon Rattle spielt Imogen Cooper Mozarts letztes Klavierkonzert Nr. 27 und macht dabei einfach alles richtig. Mit ihrer erlesenen Anschlagskultur und ihrem wunderbar reichen Ton verwirklicht sie im Herkulessaal selten stimmungsvoll die einzigartige Licht- und Schattendramaturgie dieses Spätwerks.

Im Herkulessaal.
Im Herkulessaal. © Severin Vogl

Das Figurenmaterial spult Imogen Cooper nicht geläufig ab, sondern nimmt es motivisch ernst, ja, lädt es geradezu arios auf und macht somit die Tonketten zu Koloraturen einer geheimen Arie. Eine Art wortloser, deutlich melancholisch gefärbter Königin der Nacht erscheint hier in voller Gestalt.

Ungeahnte Tiefen

Besser könnte man Mozarts Bühnenhaltung, die auch seine Instrumentalmusik prägte, nicht treffen, zumal Imogen Cooper das imaginäre Theater mit ihrem Dirigenten im perfekten Einklang inszeniert. Wie hypnotisiert hört Simon Rattle seiner Solistin zu, folgt ihr, wenn sie die Bewegung in mutigem Rubato fast anhält und lässt mit den hochkonzentrierten Musikerinnen und Musikern des BR-Symphonieorchesters dabei ungeahnte Tiefen aufbrechen, die ureigener Mozart sind und deswegen, auch, wenn das heute so scheinen mag, nicht etwa als "romantisch" missverstanden werden dürfen.

Simon Rattle mit Flötist Henrik Wiese.
Simon Rattle mit Flötist Henrik Wiese. © Severin Vogl

Dass Rattle dann in der zweiten Hälfte den subtilen Final-Scherz der Symphonie Nr. 90 von Joseph Haydn noch grobschlächtiger zu Tode reitet als Barbara Hannigan vergangene Woche mit den Münchner Philharmonikern, sei nicht verschwiegen. Es kann aber in den Hintergrund gedrängt werden, weil der Chefdirigent und sein Orchester mit einer besonders hübschen Programmidee für diese völlig un-haydneske Klammotik entschädigen.

Ein Orchester aus wunderbaren Solisten

Vor einigen Jahren hat der Brite Kenneth Hesketh drei konzise Werke für Bläser und Klavier des frühen Henri Dutilleux (1916 - 2013) orchestriert, klanglich so transparent wie differenziert, und somit ganz im Geiste dieses bedeutenden französischen Modernen. Zum Ende des Abonnement-Kalenders demonstriert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch einmal aufs Schönste, welche exquisiten Solisten es versammelt.

Feinsinnige Kammermusik macht der Flötist Henrik Wiese in einer bezaubernden Sonatine. In dem barock angehauchten Satzduo "Sarabande et cortège" erstaunt Jesús Villa Ordónez, indem er sein Fagott als markige und amourös kantable Über-Männerstimme präsentiert. Und Ramón Ortega Quero macht mit einer Ausdruckspalette, die von durchdringender Theatralik bis zum Elegischen reicht, aus einer Sonate ein veritables Oboenkonzert. Eine solche Bildhaftigkeit, gepaart mit sicherem Geschmack, hätte wohl auch Haydn und Mozart gefallen.

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