Kritik

Rainhard Fendrich auf dem Tollwood: „Ich wäre gern Münchner geworden“

Austro-Pop und viele Klassiker: Rainhard Fendrich begeistert in der Musik-Arena auf dem Tollwood-Festival.
von  Christoph Streicher
Rainhard Fendrich auf der Bühne beim Tollwood-Festival.
Rainhard Fendrich auf der Bühne beim Tollwood-Festival. © Jens Niering

Wer 45 Bühnenjahre auf dem musikalischen Buckel hat, den erschüttert so leicht nichts mehr. Dass Rainhard Fendrich ausgerechnet bei einem Indoor-Konzert mal im Regen stehen gelassen wird, hätte sich die Austro-Pop-Legende aber wohl auch nicht träumen lassen. Pünktlich zum Konzertstart zog ein kühlender Schauer über das Tollwood-Gelände. Durch den Temperatursturz kondensierte zusätzlich die tropische Luft im Zelt schlagartig an der Decke und es fing über der Bühne an zu tröpfeln. Rain hard beim Rainhard. Fendrich nahm es mit Humor. Unter dem Gejohle des Publikums zog er grinsend sein Mikrofon samt nassem Hemd einfach ein paar Meter ins Trockene.

Es war die sportlichste Einlage des Abends. Der Bewegungsradius des 71-Jährigen ist inzwischen spürbar kleiner geworden, große Choreografien braucht dieser Mann aber ohnehin nicht mehr. Hits wie "Macho, Macho" oder "Blond" kann längst nicht mehr nur die ältere Generation mitsingen. Und "Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk" kennt man in München vom emotionalen Oktoberfest-Kehraus. Auf dem Tollwood wurde die Hymne ganz ohne Wunderkerzen, dafür aber auch mit Kloß im Hals und untergehaktem Nachbarn zelebriert.

Fendrich, der den Abend an der Akustikgitarre bestritt, punktete mit Wiener-Charisma und einer vierköpfigen, exzellenten Live-Band, die seinen Klassikern ein frisches, zeitloses Gewand verpasste. Gekonnt balancierte der Wiener zwischen treibendem Pop-Rock wie bei "Kein schöner Land" und intimeren Momenten neuerer Nummern wie "Nur ein Wimpernschlag". 27 Songs lang spielte er sich quer durch seine Vita und streute in den zwei Konzertstunden immer wieder persönliche Anekdoten ein: "Man stirbt einen kleinen Tod, wenn man auf die Bühne geht, und wird wiedergeboren durch den Applaus und die Musik", rief er in das restlos ausverkaufte Zelt.

Rainhard Fendrich bei seinem Tollwood-Auftritt.
Rainhard Fendrich bei seinem Tollwood-Auftritt. © Jens Niering

Wer einen laschen, bestuhlten Liederabend im Rentner-Modus erwartet hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Der Sänger zog topfit ein blitzsauberes, energiegeladenes Pop-Konzert durch. Mit Stehplätzen frei nach dem Motto "Es lebe der Sport" oder kollektivem Gruppenkuscheln bei "Manchmal denk I no an di".

"I am from Austria" mit politischer Ansage 

Dabei wurde es auch immer wieder politisch. Vor seinem Hit "Haben Sie Wien schon bei Nacht geseh’n?" erzählte Fendrich von der Vertreibung seiner Mutter aus dem Sudetenland: "Hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, wäre ich kein Wiener geworden. Ich durfte in einer Stadt aufwachsen, die mir alle Chancen gegeben hat. Ich wäre aber auch gern Münchner geworden!" , rief er als Liebesbeweis an die Isar-Stadt.

Austro-Pop und Tollwood: Das passt einfach. Wenn die Macher des Festivals die Künstler aus der Alpenrepublik einladen, ziehen sie die Massen an. Zuletzt bei Pizzera & Jaus oder dem ehemaligen "Austria 3"-Kollegen Wolfgang Ambros.

Einige Fans kamen im Trikot der österreichischen Nationalmannschaft oder trugen Hüte in den Nationalfarben.

Passend zum rot-weiß-roten Patriotismus gab es die inoffizielle Hymne der Alpenrepublik: "I am from Austria" . Doch Fendrich nutzte den emotionalen Höhepunkt für eine unmissverständliche Ansage gegen die Vereinnahmung des Songs durch rechte Randgruppen. Er habe das Lied deshalb eine Zeit lang gar nicht mehr gespielt", erklärte er dem stillgewordenen Zelt, und betonte unter großem Jubel: "Man kann seine Heimat auch lieben, ohne andere zu hassen." Starke Stimme und noch stärkere Aussage.

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