Pianist Igor Levit im Herkulessaal: Schwer, nicht berührt zu werden

Der Pianist Igor Levit, der Dirigent Klaus Mäkelä und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Mozart, Strawinsky und Bartók im Herkulessaal.
| Michael Bastian Weiß
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Igor Levit und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal der Residenz. Foto: Astrid Ackermann
Igor Levit und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal der Residenz. Foto: Astrid Ackermann © Astrid Ackermann

München - Dass Igor Levit kürzlich das Ziel eines inakzeptablen journalistischen Angriffes geworden ist, hat Wellen geschlagen. Diese Form von toxischer Aufmerksamkeit wünscht man der klassischen Musik nicht.

Levit lenkt Fokus wieder auf seine Kunst

Die Angelegenheit ist damit sogar doppelt unfair, weil es gerade ein Musiker wie Levit, der ständig und mitteilungsfähig über das nachdenkt, was er am Klavier tut, verdient, dass man sich auch primär damit auseinandersetzt. In einem dermaßen aufgeladenen medialen Klima lenkt Levit nun mit einer ungewöhnlich dichten Mozart-Interpretation den Fokus wieder auf seine Kunst.

Die Frage hierbei ist: Wie geht ein Pianist, der sich sonst schonungslos in die Extremsituationen von Beethovens Sonaten stürzt, mit der diskreteren Kunst Mozarts um? Antwort: mit geradezu elektrisierender Konzentration.

Mozart in dreidimensionaler Greifbarkeit

Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur, früher unter dem Beinamen "Jeunehomme" bekannt, beginnt damit, dass der Solist dem Orchester vorlaut ins Wort fällt. Listig widersteht Levit der Versuchung, diese Auffälligkeit durch Überpointierung noch zu verstärken. Nie geht es ihm um den Effekt. Seinen wandlungsfähigen Ton hält er betont klein, sodass er Mozarts Gestik unglaublich reaktionsschnell modellieren und in dreidimensionaler Greifbarkeit in den Herkulessaal schicken kann. Im langsamen Satz artikuliert er die erschütternden Rezitativpassagen mit mikroskopischer Genauigkeit. Das kann man nicht anders als sensationell nennen.

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Dieser hellwachen Gegenwärtigkeit kann Klaus Mäkelä am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks nur bedingt folgen. Man muss dabei berücksichtigen, dass Mäkelä für Yannick Nézet-Séguin einsprang, der wegen pandemiebedingter Reisebeschränkungen nicht nach München kommen konnte. So kann man dafür Verständnis haben, wenn dem 24-jährigen Mäkelä auch im Konzert für Streichorchester von Igor Strawinsky die Feinkoordination stellenweise ein wenig entgleitet.

Emotion pur im Herkulessaal

Besser gelingt das Divertimento von Béla Bartók. Dieses Stück aus dem Kriegsjahr 1939 erweist sich unversehens als perfektes Bild der aktuellen Situation: Nach alarmierenden Schreien und unsicherem Tasten erreicht das Werk einen glücklichen Ausgang, in dem düstere Erinnerungen noch nachwirken.

Mäkelä und die Streicher zeichnen diese Krisenerzählung mit bekenntnishafter Intensität nach. Schwer, davon nicht berührt zu werden.

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