Peter Dijkstra dirigiert Bachs Messe in h-moll

70 Jahre Chor des Bayerischen Rundfunks: Peter Dijkstra leitet im Herkulessaal Bachs Messe h-moll
| Michael Bastian Weiß
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Der Dirigent Peter Dijkstra (re.) mit Mitgliedern des BR-Chors. Bach singen sie in der Straßenbahn allerdings nicht.
BR/Wilschewski Der Dirigent Peter Dijkstra (re.) mit Mitgliedern des BR-Chors. Bach singen sie in der Straßenbahn allerdings nicht.

Mit dem 70-jährigen Jubiläum des Chores des Bayerischen Rundfunks fällt das Ende der über zehnjährigen Ära seines Leiters Peter Dijkstras zusammen. Man kann nicht sagen, dass der BR sein hauseigenes Eliteensemble nicht gebührend zu würdigen wüsste. Zu Recht verweist Intendant Ulrich Wilhelm in seiner Gratulationsrede darauf, dass führende Dirigenten diesen Chor als weltbesten bezeichnen. Nachdem das Ensemble seinen Geburtstag kürzlich schon mit wunderbar durchsichtig genommenen Opernchören gefeiert hatte, wird nun in dieser aufwändigen Aufführung von Johann Sebastian Bachs Großer Messe h-moll in vollem Ausmaß deutlich, wie grundlegend Dijkstra den Klangkörper verändert hat.

Schon unter den Händen seines Vorgängers Michael Gläser schien das Niveau nicht mehr steigerbar. Persönlichkeiten wie Leonard Bernstein zog es immer wieder zu der warmen, dunklen Fülle, die Gläser so unwiderstehlich herstellen konnte. Doch das herrschende Ideal hat sich mittlerweile gewandelt, es verlangt, auch wenn mancher es bedauern mag, nach eher geraden, schlanken Stimmen. Ohne die bereits vorhandene Ausgeglichenheit des Chores zu stören oder seine spezifische Farbigkeit auf’s Spiel zu setzen – und damit seine Identität –, hat Dijkstra ihn doch subtil historisiert und damit paradoxerweise modernisiert.

Keiner spielt sich nach vorne, aber alles hat eigenen Charakter

So mischt er sich mit den Spezialisten von Concerto Köln völlig mühelos zu einer Einheit, obwohl diese auf Alten Instrumenten spielen und der Chor mit gut über 40 Köpfen für eine historisch angehauchte Aufführung untypisch groß besetzt ist. Beide Ensembles agieren gemäßigt, die von einer bemerkenswert impulsreichen Konzertmeisterin angeführten Instrumentalisten lassen gesangliche Linien zu, der Chor darf Schlussakkorde auch einmal stimmhaft in den Herkulessaal nachhallen lassen. Überhaupt leitet Dijkstra den Apparat angenehm besonnen. Die beiden Kyrie-Fugen etwa entwickeln sich ungehetzt, es stellt sich eine herbstlich milde Atmosphäre ein. In den virtuosen Nummern aber, dem „Cum sancto spiritu“ aus dem Gloria etwa oder dem Auferstehungsbild aus dem Credo bewegen sich die jeweils fünf Stimmregister in virtuoser Klarheit gegeneinander: ein begeisterndes Farbenspiel.

Auch die Solisten hat Dijkstra so gut ausgesucht wie konzeptionell eingebunden. Tenor Kenneth Tarver und der Bass Andreas Wolf intonieren eher mit durchgehaltener Kraft als vermeintlich originale Klangrede zu betreiben. Auch die Sopranistin Christina Landshamer und der Mezzo Anke Vondung setzen vokale Juwelen. Wenn sie zusammen singen, verschmelzen sie in seltener Perfektion, solistisch leuchtet Frau Landshamer in heller Unbeschwertheit, während Vondung in der Agnus Dei-Arie mit einem unerhört leisen, emotional still erfüllten Vortrag beglückt wie fesselt.

Peter Dijkstra hinterlässt mit dieser sorgfältigen und durchdachten Aufführung tiefe Eindrücke. Vielleicht ist dem Niederländer auf lange Sicht soetwas gelungen wie der pragmatische und damit höchst musikalische Beginn einer Aussöhnung von konventioneller und historisierender Aufführungspraxis.

 

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