Perfektion auf Venezianisch

Der neue Chefdirigent am Gärtnerplatz hat ein Faible fürs Deutsche – von Brahms bis zur Sprache. Mit der AZ plaudert Marco Comin über Zeitdruck, das Atmen der Sänger und seinen iPod im Kopf
| Christa Sigg
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Das Pianistendasein war ihm auf Dauer zu einsam. Marco Comin, der neue Chefdirgent am Gärtnerplatz, ist ein Teamplayer – das geht bei Proben auch vom Klavier aus.
Das Pianistendasein war ihm auf Dauer zu einsam. Marco Comin, der neue Chefdirgent am Gärtnerplatz, ist ein Teamplayer – das geht bei Proben auch vom Klavier aus.

Dirigenten sind immer in Eile. Heißt es. Doch der Neue vom Gärtnerplatz hat die Ruhe weg. Zum Glück. Mit dem Theater muss er die nächsten drei Jahre quer durch München touren. Die AZ traf ihn zwischen zwei Proben im Garten der ehemaligen Filmhochschule in Giesing. Und was soll man sagen? Marco Comin nahm sich Zeit.

AZ: Herr Comin, Sie müssen sich auf sehr unterschiedliche Häuser einstellen. Ist das nicht ein bisschen nervig?
MARCO COMIN: Nervig vielleicht wegen der ganzen Fahrerei. Natürlich ist es vorteilhaft, ein Zuhause zu haben, bei jeder Produktion neu anzufangen, kann aber auch spannend sein. Das hält die Sinne wach.

Sie müssen schon durch Ihre große Bandbreite ziemlich wach sein. Das geht hier von Donizettis „Don Pasquale” über „Dornröschen” und Honegger bis zur Uraufführung von Friedrich Cerha.
Für mich gehört es unbedingt dazu, so viel wie möglich auszuprobieren. Ich bin zwar ein großer Barock-Fan. Aber wenn ich heute Händel dirigiere und übermorgen Mahler, dann bin ich glücklich. Wichtig ist, dass man macht, was einem gefällt und was einen inspiriert - egal, aus welcher Epoche, aus welcher Richtung die Musik kommt.

Hat dieses Faible für Barock auch mit Ihrer Heimat Venedig zu tun?
Sicher. Von so einer Stadt wird man einfach geprägt. In Venedig ist man ständig von Schönheit umgeben, und ich denke schon, dass ich auch dadurch einen Sinn für Ästhetik entwickelt habe.

Geben Sie’s zu, Sie sind in einem alten Palazzo mit edlen Fresken aufgewachsen.
Nein, das nicht. Aber irgendwie doch, weil ich am Konservatorium in Venedig studiert habe. Ein wundervoller Bau! Insofern bin ich doch in einem Palazzo groß geworden.

Apropos Zuhause, wie schaut’s denn mit der italienischen Oper aus?
Natürlich dirigiere ich das ausgesprochen gerne. Ich habe aber als Pianist angefangen, und die große Klavierliteratur ist ja vor allem eine deutsche, französische... Unabhängig davon waren meine ersten Idole Brahms, Beethoven, Mozart. Die italienische Oper habe ich später entdeckt, allerdings schnell lieben gelernt. Doch meine Beziehung zur deutschen Musik ist so intensiv – das begann schon in Kindertagen mit der „Zauberflöte” – dass ich mich nicht entscheiden möchte zwischen Verdi und Brahms.

Sie haben häufig Sänger am Klavier begleitet, hilft das beim Dirigieren?
Ein guter Freund von mir ist Gesangslehrer, und ich war viel bei ihm im Unterricht. Einfach, um zu sehen, wie ein Sänger funktioniert. Auch psychologisch. Das hat mir wahnsinnig viel gebracht. Auch wenn man nur Orchestermusik dirigiert: Die Art eines Sängers zu atmen, ist nicht sehr viel anders als die eines Bläsers. Und wenn man das schließlich aufs ganze Orchester überträgt, dann kann das nur gut tun.

Mussten Sie überlegen, als die Zusage aus München kam?
Überlegen? Ich hab’ einfach ja gesagt! Eher trieb mich die Frage um, ob das nicht zu früh ist. Aber egal, wie spät oder früh, die erste Chefstelle ist immer etwas Besonderes.

Sie lassen die Dinge wohl gerne reifen, nehmen sich Zeit?
Ich dirigiere lieber weniger, aber das, was ich mache, versuche ich durch und durch zu verstehen, bis ich das Gefühl bekomme, ich hätte mitkomponiert. Wenn’s nicht gelingt, kann ich trotzdem sagen, ich habe alles gegeben.

Der durch die Welt jettende Dirigent mit drei Orchestern wäre also nicht Ihre Sache.
Sicher gibt es Dirigenten, bei denen das gut geht. Aber es ist nicht meine Art. Auch nicht, häufig zu reisen. Ruhe und Konzentration sind mir wichtiger als die Menge. Wenn das Konzert allerdings losgeht, gibt es keine Bremse mehr, da brenne ich lichterloh.

Sind Sie ein Perfektionist?
Eigentlich ja. Schon mein erster Lehrer in Venedig hat seinen Job so besonders ernsthaft gemacht, das hat mich geprägt. Die Grundfrage ist doch immer: Warum machst du das? Was bedeutet diese Phrase? Wohin will die Musik? Viele Komponisten haben so viel Zeit gebraucht, ein Stück zu komponieren, warum soll ich das dann in einer Woche erledigen? Das wäre doch unfair.

Und, können Sie sich in München genug Zeit nehmen?
Die Zeit reicht nie. Im Ernst: Man muss vernünftig proben können, ein gewisser Druck tut aber auch gut. Bernstein hat gesagt, wenn man etwas Schönes erreichen will, braucht man zwei Dinge: einen Plan und nicht genug Zeit.

Gibt es Tage ohne Musik?
Ich weiß nicht, ob ich die Musik beiseite lassen kann. Es ist, als ob ein iPod in meinem Kopf implantiert wäre.

Sie können nie abschalten?
Ich möchte nicht abschalten. Musik ist mein Leben, die Luft, die ich atme. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich keine Musik gehört haben.

Schade eigentlich, dass Sie nicht im Stammhaus anfangen können. Das würde dem Ästheten Marco Comin doch zusagen?
Die Venezianer haben zehn Jahre ohne Teatro La Fenice gelebt, da werden drei Jahre hier wie im Flug vergehen.

Jetzt gehen Sie am Sonntag erst einmal an die frische Luft. Ist ein Open Air für einen neuen Dirigenten nicht ein schwieriger Einstieg?
Im Gegenteil. Wir haben ein buntes, attraktives Programm. Und es ist doch eine schöne Gelegenheit, mich mit dem Orchester einem besonders großen Publikum in München vorzustellen.

Open Air am Gärtnerplatz, Sonntag, 16. September 2012, ab 18 Uhr, mit dem Orchester und den Solisten des Theaters und Musik von Strauß, Elgar, Donizetti, Grieg u.a., Eintritt frei

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