Paul McCartneys neues Album: Der Winter kann kommen

Paul McCartney hat die Coronazeit genutzt, um seinen Garten zu bestellen und ein neues Album aufzunehmen. "McCartney III" ist das dritte Werk, das er vollständig allein aufgenommen hat.
| Dominik Petzold
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Sir Paul McCartney konnte keine Konzerte geben und hat daher ein neues Album aufgenommen.
Sir Paul McCartney konnte keine Konzerte geben und hat daher ein neues Album aufgenommen. © Mary McCartney

Wer 78 Jahre alt ist und somit zur Corona-Risikogruppe gehört, tut gut daran, zu Hause zu bleiben. Das gilt auch für einen Weltstar wie Paul McCartney. Der verbrachte die Monate seit Ausbruch der Pandemie auf seiner Farm in Sussex.

Von Song "When Winter comes" hin zu einem ganzen Album

Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, pflanzte er Gemüse für seine Familie und baute einen Tisch, wie er dem Magazin "Uncut" erzählte. Und er ging in sein Heimstudio, um den Song "When Winter Comes" fertigzustellen, den er 1992 mit George Martin begonnen hatte. Als er das Stück abgeschlossen hatte, arbeitete er einfach weiter an anderen unfertigen Stücken. Bis er schließlich ein Album komplett hatte.

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"McCartney III" ist das dritte Werk, das er vollständig allein aufgenommen hat. Es erscheint zufälligerweise zu einem Jubiläum: Mit dem ersten hatte er vor genau einem halben Jahrhundert seine Solokarriere begonnen. Als die Beatles auseinanderbrachen, zog er sich trauernd ins Studio zurück und nahm "McCartney" auf: Es war ein Gegenentwurf zur Grandezza des Beatles-Finales "Abbey Road", war ein so hemdsärmlig wie heimelig klingendes Werk - und enttäuschte viele Hörer und Kritiker, die Pauls Pop-Perfektion gewöhnt waren. Im Lauf der Jahrzehnte aber entdeckten viele Indie-Musiker dieses frühe Lo-Fi-Album, und mit "Maybe I'm Amazed" war einer der genialsten Rocksongs überhaupt darauf versteckt.

McCartney: In der Corona-Pandemie wieder alleine am Werk

1980 folgte "McCartney II": Paul hatte daheim zum Spaß ein paar Songs aufgenommen und dabei viel mit Synthesizer und elektronischen Sounds experimentiert. Nach viel gutem Zuspruch veröffentlichte er diesen Mix aus Proto-Electronica, großartigem Pop und schrulligem Gedudel. "Coming Up" wurde ein Welthit, doch davon abgesehen brauchte die Musikwelt auch diesmal eine Weile, bis sie McCartneys Heim-Sound zu schätzen lernte. Erst in diesem Jahrtausend brachten DJs die Menschen mit "Temporary Secretary" zum Tanzen.

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"Chaos And Creation In The Backyard" nahm McCartney im Jahr 2005 ebenfalls nahezu allein auf, allerdings unter dem strengen Blick des Produzenten Nigel Godrich und mit vereinzelter Unterstützung anderer Musiker. Erst die Pandemie führte dazu, dass er wieder alles im Alleingang machte, genauso wie vor vierzig und fünfzig Jahren. "McCartney III" klingt völlig anders als beide Vorgänger, auch weil die Studiotechnik viel mehr Möglichkeiten bietet, und doch gibt es eine Parallele: Wenn Paul nur mit sich selbst musiziert, schafft er einen ganz eigenen Sound, den er mit anderen Musikern niemals hinbekäme.

Neues Album "McCartney III": Balladen, Neo-Soul und R&B

Stark klingt das auf "Lavatory Lil": Da rockt er eckig-schroff, trommelt kerzengerade und haut auf die Becken, wenn er sein packendes, bluesiges Gitarrenriff raushaut. Im Hintergrund multipliziert er seine Stimme zu einem beseelt grölenden Männerchor. Auch "Slidin'" rockt kräftig, man würde es gern in voller Lautstärke in einer Arena oder auf der Tanzfläche hören.

Fad ist der Neo-Soul von "Deep Down", schön dagegen die Balladen "Pretty Boys" und "Women And Wives". Am meisten sticht "Deep Deep Feeling" heraus: Anfangs klingt es wie McCartneys Interpretation von zeitgenössischem R'n'B, mit minimalistischem Tom-Tom-Beat, interessanten Piano-Akkorden, Falsett-Gesang und bedrohlich wabernden Sample-Sounds. Doch dann treibt er den Song in immer neue Richtungen, volle acht Minuten lang. Gesangsmotive tauchen auf, verschwinden wieder, ploppen an unerwarteter Stelle erneut auf. Und am Ende dieses psychedelischen Hin-und-her schrammelt er das Stück auf der akustischen Gitarre.

Paul McCartney: Er war "ein verrückter Professor"

Er habe sich gefühlt "wie ein verrückter Professor, der in seinem Labor herumexperimentiert", sagte McCartney dem "Uncut"-Magazin. Und tatsächlich hat der 78-Jährige seinem Spieltrieb und seinem Einfallsreichtum freien Lauf gelassen: Mal lässt er psychedelische Flöten umherschwirren, dann Synthie-Bläser dröhnen. Den ganz eigenen Sound des rockigen "Find My Way" schafft er mit der ungewöhnlichen Kombination aus Cembalo, mit Tape-Delay-Effekt beladenen E-Gitarren und dem Kontrabass von Bill Black, der bei Elvis Presleys weltverändernden Sun-Aufnahmen zum Einsatz kam und den Linda McCartney ihrem Mann später zum Geburtstag schenkte. Beim instrumentalen "Long Tailed Winter Bird" schiebt sich der unverkennbare, wohlige Sound eines noch viel legendäreren Instruments ins Klangbild: seines Höfner-Basses. Auch andere Instrumente der Beatles-Zeit kamen zum Einsatz, etwa ein Mellotron.

McCartneys Stimme ist freilich nicht mehr die gleiche wie damals, seit Jahren hat sie an Volumen und Umfang verloren. Doch das ist nicht weiter schlimm, denn er weiß sie smart einzusetzen und beschränkt sich eben auf die Register, die ihm geblieben sind. Den Unterschied hört man bei der Schlussnummer, mit der alles begann: Auf dem großteils Anfang der Neunziger aufgenommenen "Winter Bird - When Winter Comes" tönt seine Stimme noch voll. Die nur mit Akustikgitarre begleitete Ballade ist der perfekte, zarte, trostreiche Abschluss dieses tollen Albums. Da singt der Erzähler mit warmherzigen Worten, was er noch alles in Heim und Garten erledigen müsse. Denn es stehe ein kalter Winter an, und es werde Zeit, sich ins Haus zurückzuziehen.


Paul McCartney: "McCartney III" (Capitol Records/Universal).

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