Osmanische und venezianische Musik in Frauenchiemsee

Von Venedig nach Istanbul: Musik aus der Zeit der Seeschlacht von Lepanto in der Klosterkirche von Frauenchiemsee
| Robert Braunmüller
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Die Ensembles Concerto Romano und Alla Turca Kollektif beim Schlussapplaus.
Klaus Rünagel Die Ensembles Concerto Romano und Alla Turca Kollektif beim Schlussapplaus.

Früher hieß sie noch „Unsere liebe Frau vom Sieg“, heute spricht die katholische Kirche vom Rosenkranzfest. Aber die barocken Madonnen treten noch immer mit dem Fuß auf den Halbmond. Zum kirchlichen Feiertag wurde der 7. Oktober am ersten Jahrestag der Schlacht von Lepanto, in der eine christliche Flotte im Ionischen Meer 1571 die Türken besiegte – dank der Fürsprache der Muttergottes.

In der Pfarrkirche von Prien am Chiemsee hat Johann Baptist Zimmermann die kämpfenden Galeeren an die Decke gemalt, samt dem siegreichen Admiral Don Juan d’ Austria und Papst Pius V., der im Vatikan den Gebetssturm mit dem Rosenkranz anführt.

Keine halbe Stunde mit dem Schiff weiter erinnerten die Festspiele Herrenchiemsee an die Schlacht von Lepanto: mit venezianischer und osmanischer Musik, gespielt in der Klosterkirche von Frauenchiemsee.

Das Vokal- und Instrumentalensemble Concerto Romano begann mit dem Kyrie einer Messe von Pierluigi da Palestrina. Dann folgte, in harter Fügung, ein muslimischer Gebetsruf. Später wechselten sich Madrigale und Instrumentalsätze aus dem italienischen Frühbarock mit osmanischer Hofmusik ab, die das dreiköpfige Ensemble Alla Turca Kollektif interpretierte: meist eher kehlige Gesänge mit kreisenden Melodien, begleitet von Laute, Zither und einem großen Tamburin. Reizvolle, fremde Klänge im Kirchenraum.

Orient und Okzident

Die solistische Besetzung von Concerto Romano schärfte die westliche Musik zu, ohne sich an den Orient anzubiedern. Die Dramaturgie des Programms spannte den Bogen klug vom Frieden über die Schlacht bis zum Sieg und der stillen Trauer. Gegen Ende interpretierte das von Alessandro Quarta geleitete Ensemble das Madrigal „Asia Felice“, welches Andrea Gabrieli für die Siegesfeier in Venedig komponierte. Vom gleichen Musiker stammte auch das „Cantiam in Dio“. Auf dieses pompös, ja anmaßende Stück antwortete dann nur noch ein schlichtes, unbegleitetes islamisches Totengebet.

Ein bewegender Augenblick am Ende eines klug zusammengestellten Konzerts. Musik der osmanischen Tradition ist bei uns kaum zu hören. Dabei spricht ihr fremder, herber und auch karger Klang kaum weniger zum Herzen des Hörers als die opulente Polyphonie des italienischen Frühbarock.

Festspiele in der Krise

Wo kann man sonst so etwas hören? Dafür sind Festspiele da, aus diesem Grund werden sie von der Öffentlichkeit unterstützt. Es wäre der Weg, von dem man sich wünschen würde, dass ihn Enoch zu Guttenbergs Festspiele Herrenchiemsee weiter beschreiten würden.

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Aber wieder einmal droht das Aus. Nach dem Verlust des Hauptsponsors sprang für zwei Jahre der Staat ein, was von der Landtags-Opposition heftig kritisiert wurde. Die Breitenwirkung des Festivals ist nicht groß. Die Fixkosten für die Bespielung von Schloss Herrenchiemsee schlucken den Großteil des Budgets von 1,6 Mio, Euro. Und Guttenberg möchte die Eintrittspreise niedrig halten, um nicht als elitär zu gelten. Was löblich ist.

Leider leistet sich das Festival seit Jahren programmatische Blößen: Man spielt Reißer, obwohl sich die Karten fast von selbst verkaufen. Wer braucht einen halbszenischen Puccini oder Verdi im Spiegelsaal des Schlosses? An Oper herrscht dank Immling und Erl im Chiemgau kein Mangel. An Barockmusik und originellen Ansätzen dagegen schon. Die Spielorte sind die schönsten der Welt, und die Überfahrt mit dem Schiff zur Herren- und Fraueninsel ersetzt einen ganzen Urlaub.

Deshalb wäre es jammerschade, wenn dieses Festival einmal nicht mehr da wäre. Es muss die Kurve kratzen. Robert Braunmüller

Festspiele Herrenchiemsee, noch bis 26 Juli, Infos unter www.herrenchiemsee-festspiele.de

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