Oper "Lear" im Nationaltheater: Mit Marthaler im Museum

Wiedersehen nach über 40 Jahren: Aribert Reimanns Oper "Lear" in einer Neuinszenierung mit Christian Gerhaher im Nationaltheater.
| Robert Braunmüller
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Tod im Museum: Christian Gerhaher (Lear) mit Hanna-Elisabeth Müller (Cordelia) am Ende von Aribert Reimanns Oper im Nationaltheater.
Tod im Museum: Christian Gerhaher (Lear) mit Hanna-Elisabeth Müller (Cordelia) am Ende von Aribert Reimanns Oper im Nationaltheater.

München - Der Schlussmonolog ist noch immer eine eindrucksvolle, nein, die eindrucksvollste Versöhnung zwischen dem Komponieren des 20. Jahrhunderts und der Operntradition.

Dauer-Forte: Christian Gerharer meistert Rollen-Kraftakt 

Erst begleiten nur Gongs den hochpathetischen Gesang des sterbenden Lear. Dann stimmen die tiefen Streicher zum Gesang eine Klage an, ehe flirrende Streicher einen Hauch von Versöhnung und Todesfrieden andeuten.

Christian Gerhaher gestaltet diese für Dietrich Fischer-Dieskau komponierte Rolle in dieser 1978 im Nationaltheater uraufgeführten Shakespeare-Oper auf der Höhe seiner Kunst. Die Rolle ist mit ihrem Dauer-Forte ein Kraftakt: Gerhaher interpretiert sie mit seiner dunklen Baritonstimme, soweit möglich, maximal nuanciert, ohne irgendwo an konditionelle Grenzen zu stoßen. Die Deklamationskunst überwiegt - anders als beim großen Vorläufer - nie das Musikalische. Auch von opernhafter Theatralik und Heldenjammergeschrei hält sich der Sänger in seinem geradezu heiligen Kunsternst fern.

Lears Wahnsinn naturalistisch wie eine Demenz dargestellt

Aber Gerhaher ist nicht nur ein großer Sänger, sondern auch ein herausragender Darsteller, der sich voll auf Christoph Marthalers Inszenierungsstil einlässt. Alt ist vor allem sein schwer-schwankender Gang.

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Gerhaher hat den Mut, Lears Wahnsinn naturalistisch wie eine Demenz darzustellen und im Anzug ohne Hosen über die Bühne zu laufen. Gerade weil alles wohlerwogen von innen kommt, wirkt es völlig schlüssig, dass Lear am Ende wie in einer Übersprungshandlung ungerührt ein Insekt in die Vitrine stellt. Denn so geht diese Figur mit allem Menschlichen um.

Finale reißt maximal erwartbare Marthaler-Inszenierung heraus

Es ist eine Stärke von Christoph Marthalers Inszenierung, das ganz große Pathos von Reimanns Musik nicht bis in Peinliche zu doppeln, sondern zu unterlaufen. Manches bleibt allerdings eine Notlösung: Die nicht wenigen Grausamkeiten wirken eher läppisch. Im zweiten Teil überwiegt der Leerlauf, bis die Figuren gegen Ende alle angesichts der Häufung an Katastrophen wie gelähmt kaum mehr vom Boden hochkommen.

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Das reißt es dann heraus. Sonst bleibt Marthalers Inszenierung maximal erwartbar, einschließlich einer leichten Ironisierung. Der Einfall, die Geschichte in ein Museum zu verlegen und die Figuren mit Möbelrollern zu bewegen und gelegentlich auch in Kisten zu verpacken, wirkt allerdings ein wenig unfrisch. Seine Dauer-Ausstatterin Anna Viebrock fügte ihrem ans Baseler Naturkundemuseum angelehnten Raum für "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" (Berliner Volksbühne, 2016) einfach nur einen Balkon hinzu, und fertig war das Bühnenbild.

In Reimanns Oper wird vor allem laut gesungen. Die zur Lady Di frisierte Hanna-Elisabeth Müller mobilisiert als Cordelia dramatische Reserven, die man dieser lyrischen Sängerin kaum zugetraut hätte. Angela Denoke (Goneril) und Ausrine Stundyte (Regan, mit Haaren wie Elena Ceausescu) singen hochdramatisch und exaltiert, ohne zu kreischen.

Auch den Herren gelingt das gut. Vor allem Matthias Klink schafft es, den Schurken Edmund bei allem tenoralen Extremgesang nicht als Karikatur zu verunstalten.

Die vielfach geteilten Streicher des Bayerischen Staatsorchesters füllen mit den Holzbläsern den Orchestergraben vollständig, Blech und Schlagzeug werden aus dem Probengebäude übertragen. Das funktioniert ungewöhnlich gut und ohne jede hörbare technische Krücke, auch wenn unter Jukka-Pekka Sarastes musikalischer Leitung längst nicht alles so differenziert klingt wie Christian Gerhahers Gesang.

Eher untergründige, gepresste Gefährlichkeit

Es ist kaum ein Verlust, dass die sehr massiven, streckenweise an fernes Maschinengewehrfeuer erinnernden Schlagzeugattacken nicht direkt auf das Zwerchfell wirken: Das sorgt für eine eher untergründige, gepresste Gefährlichkeit, die zur Anti-Psychologie Marthalers besser passt als das direkte Fortissimo, mit dem Reimann nicht gespart hat, auch wenn er ihm ungewöhnliche farbliche Nuancen abgewann.

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Es gab im letzten halben Jahrhundert eine ganze Menge Uraufführungen im Nationaltheater. Aribert Reimanns "Lear" ist die einzige Oper, die im internationalen Repertoire geblieben ist und nicht nur Experten anspricht. Auch dem heute 85-jährigen Komponisten gelang kein zweiter Wurf dieser Art. Man mag sich heute darüber wundern, dass der Librettist Claus H. Henneberg bisweilen die Vorlage so radikal verknappte, als gelte es eine Fassung für Playmobil-Figuren zu erstellen. Die Musik hat in Verbindung mit den Figuren Shakespeares ihre schon 1978 wirksame Unmittelbarkeit nicht verloren. Dass Marthaler sie in ein Museum stellt, ist daher ein wenig unfair. 


Wieder am 26., 30. Mai, 1., 3. und 7. Juni, Restkarten. Die Vorstellung vom 30. Mai ab 18 Uhr im Hörfunk auf BR Klassik und als kostenloser Video-Livestream auf staatoper.tv

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