Olivia Rodrigo: Disney-Prinzessin auf Abwegen
Es ist ja immer wieder erstaunlich, wie gut die "Disney-Star wird Popstar"-Maschine seit Jahrzehnten geölt ist. Britney Spears, Christina Aguilera, Miley Cyrus, Selena Gomez, Sabrina Carpenter - alle wurden sie vom Konzern der Comic-Maus zu den größten Popstars der Welt. Auf Disney-Prinzessinnen (und Prinzen) ist eben Verlass.
Auch Olivia Rodrigo (23) entstammt dieser Tradition. Fünf Jahre, nachdem sie mit "Drivers License" über Nacht vom "High School Musical"-Star zum Popstar wurde, hat sich die US-Amerikanerin ihren Platz in dieser Popstar-Auflistung redlich verdient. Mit ihren ersten beiden Alben "Sour" (2021) und "Guts" (2023) erreichte sie Platz eins der US-Charts, steuerte Hits wie "Good 4 u" oder "Vampire" zu den weltweiten Hitparaden bei und wurde bereits mit drei Grammy Awards geehrt. Auch live zählt sie mittlerweile zu den größten Namen im Popgeschäft. An diesem Freitag erscheint ihr drittes Studioalbum: "You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love".
Ein Babydoll-Kleid wird zum Skandal
Mittlerweile ist die Sängerin in einer Liga angekommen, in der sie das halbe Internet mit einem Outfit gegen sich aufbringen kann. Nach einem Auftritt in Barcelona wurde Rodrigos Babydoll-Outfit im Mai wochenlang kontrovers diskutiert. Kritiker warfen der Sängerin vor, sich bewusst zu infantilisieren. Im Podcast der "New York Times" wies die 23-Jährige die Vorwürfe zurück, erklärte, das Outfit sei nicht das Problem gewesen und konterte mit Feminismus: Sie wolle nicht, dass jungen Frauen vermittelt werde, sie seien für die Sexualisierung ihres Körpers selbst verantwortlich.
Den Babydoll-Look trugen zudem schon ihre Vorbilder, die den ein oder anderen überraschen dürften: Musikerinnen wie Courtney Love und Bikini-Kill-Sängerin Kathleen Hanna gehören dazu. Bei Rock-, Punk- und New Wave-Musikern guckt sich Rodrigo aber mehr ab als nur die Kleidung. Zu ihren Lieblingsbands gehören auch Rage Against The Machine, No Doubt, Green Day oder The White Stripes. Manchen Songs ihrer Diskographie hört man ihre Vorliebe für alternative Musik deutlich an: In "All-American Bitch", von Hole inspiriert, schreit sie sich im Brückenteil die Seele aus dem Leib. "Brutal" spielt mit Grunge-Elementen und klingt, als wäre er während einer Garagen-Band-Probe aufgenommen, "Ballad Of A Homeschooled Girl" atmet 90s-Alternative-Rock. Und trotzdem sind die Rock-Momente bisher eher Ausnahmen, die das makellose Pop-Gewand vor allem kurz durchschütteln.
Einer ihrer größten Fans: Gothic-Urgestein Robert Smith
Offenbar ist dieses Gewand aber so gut gemacht, dass sogar The-Cure-Frontmann Robert Smith zu Rodrigos Bewunderern gehört. Das Gothic-Urgestein schwärmte laut "Vogue" über ihre ersten Alben: "Auch wenn die meisten Songs auf diesen beiden Alben eigentlich nicht 'auf meine Zielgruppe zugeschnitten' sind, sind sie doch alle so gut, dass man sich kaum dagegen wehren kann, sie ins Herz zu schließen." Auf dem Glastonbury-Festival 2025 erwies ihr Smith sogar die Ehre, zwei Cure-Songs mit ihr zu covern. Wer Smith nicht kennt: So etwas hat der Musiker in seiner nun 50-jährigen Karriere nur sehr, sehr selten getan.
Dabei ist davon auszugehen, dass die meisten Rodrigo-Fans keine Ahnung hatten, wer der geschminkte Mann mit der Vogelnest-Frisur ist, der dort plötzlich neben ihrer Disney-Prinzessin auf der Bühne stand. Doch die musikalische Erziehung nimmt Rodrigo offenbar gerne auf sich: Auf dem Primavera-Sound-Festival im Juni 2026 stand Smith wieder mit ihr auf der Bühne. Diesmal performten die beiden den neuen Song "What's Wrong With Me" - das erste Duett, das die Sängerin überhaupt je aufgenommen hat. Was auch immer aus dieser kreativen Freundschaft und aus Rodrigos Karriere noch entstehen sollte, Disney hätte es sich nicht besser ausdenken können.
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