Kritik

Ohne Ohrenklingeln: Tugan Sokhiev dirigiert Prokofjew

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit französischer und russischer Musik im Herkulessaal
Robert Braunmüller
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Tugan Sokhiev und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal.
Tugan Sokhiev und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal. © Astrid Ackermann/BR

Wenn Kunstmusik des 19. Jahrhunderts exotisch wird, schmeckt das wegen der dabei üblichen harmonischen Mischungen immer ein wenig nach Paprika. Das Klavierkonzert Nr. 5 von Camille Saint-Saëns mit dem Beinamen „Ägyptisches“ könnte daher auch „Ungarisches“ heißen. Oder, wenn man einen wiederholten Glöckchen-Effekt denkt, auch „Javanisches“ oder „Chinesisches“.

Dieses Konzert ist nicht so theatralisch wie die Nr. 1 von Peter Tschaikowsky und nicht so schwer zu spielen wie die Nr. 2 von Johannes Brahms. Und auch nicht ganz so problembelastet und daher auch leider nicht ganz so interessant. Wenn derlei aber klar gespielt wie von Alexandre Kantorow und transparent begleitet wird wie vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Tugan Sokhiev, erweist es sich als originelle Farbe im Konzert-Allerlei. Das mitreißende Finale löste im Herkulessaal Begeisterungsstürme aus, die der französische Pianist elegant und sensibel mit dem Prélude op. 45 in cis-moll von Fryderyk Chopin beantworte.

Davor erklang im gleichen Geist bereits die Suite aus Gabriel Faurés Schauspielmusik für Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“, danach hatte sich Sokhiev eine Suite aus Sergej Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“ vorgenommen. Letzteres kann im Herkulessaal leicht als Drohung verstanden werden: einerseits wegen des für massive Lautstärken ungeeigneten Saals, andererseits wegen der auftrumpfenden Musik, aus der sich interpretatorisch nicht viel herausholen lässt.

Es geht auch ohne Krach

Denkste. Sokhiev - der 2027 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren wird - widerlegte beide Vorurteile. Weil der Dirigent das Orchester eher abdämpfte als anfeuerte, wurde es nur dort laut, wo es sinnvoll ist. Und Lautstärke ist immer auch relativ: Jeder Hörer versteht auch ohne Klingeln in den Ohren, dass die beiden Crescendi am Beginn von „Die Montagues und die Capulets“ sagen wollen, dass die Geschichte am Ende tragisch ausgehen wird.

Der Pianist Alexandre Kantorow.
Der Pianist Alexandre Kantorow. © Astrid Ackermann/BR

Sohievs Auswahl aus den drei vom Komponisten selbst zusammengestellten Orchestersuiten bot das übliche „Best of“ der ernsten Szenen mit flockigen Genretänzen als Kontrast. Der Dirigent formte die Musik mit beiden Händen frei, ohne es mit der Romantisierung zu übertreiben, wobei ihm die Musikerinnen und Musiker willig folgten. Beim Auftritt des Bruders Lorenzo wurden die subtilen Klangmischungen deutlich, in der Abschiedsszene kam die düstere Vorahnung eines Nicht-Wiedersehens in den tiefen Streichern heraus.

Wie in allen selbst zusammengestellten Suiten stand Tybalt effektvoller Tod am Ende. Hier machte Sokhiev hörbar, dass es sich eigentlich um einen Trauermarsch handelt. Und so sehr sich John Williams aus dieser Ballettmusik bedient hat: Prokofjew komponierte nicht „Star Wars“ und Weltraumschlachten, sondern die Geschichte von Romeo und Julia. Sokhiev machte das mit Genauigkeit hörbar. Und womöglich war es dabei hilfreich, davor eher sensible französische Musik zu spielen.

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