Nur 60 Gäste? Die Spider Murphy Gang begeht ihren 50. Geburtstag

Ein akrobatisch hochbegabter Mann aus dem Al-Capone-Clan diente 1976 als Inspiration für die Namensgebung der berühmtesten bairischsprachigen Rock’n’Roll-Band weit und breit. Der Legende nach war jener auch von Elvis in „Jailhouse Rock“ besungene Gangster, der aufgrund seiner Geschicklichkeit den Spitznamen „Spider Murphy“ erhalten hatte, ein ebenso gewitzter wie fingerfertiger Ganove. Er verstand sich vorzüglich im Erklettern von Hausfassaden, erleichterte manchen reichen Geschäftsmann um den Inhalt seiner Taschen und fand mühelos aus Gefängniszellen wieder heraus.

Seine musikalischen Namensvettern aus München beherrschen seit einem halben Jahrhundert ein ganz ähnliches Kunststück: Mit Virtuosität, herzerfrischendem Einfallsreichtum und einer Prise Schlitzohrigkeit erobern sie die Herzen ihres Publikums, verfrachten ihre Melodien in die Hitparaden und beweisen, wie man mit der Mischung aus Dialekt und genialen Melodien einen ganz beträchtlichen Wirbel veranstalten kann.
Lambrusco und eine Dose Ravioli
Damals standen jene vier jungen Münchner Musiker im Übungsraum der Pfarrei Allerheiligen und arbeiteten fleißig an Rock-Coverversionen, um sie später für ein paar Mark und einen Schwung Freigetränke auf kleinen Bühnen und in Kasernen zu präsentieren. Tagsüber entspannte man sich im Englischen Garten mit einer zwei Liter Lambrusco-Bombe und einer Dose Ravioli, zu der leider der Öffner fehlte. Aber irgendwie bekam man das verreckte Glump schon auf.

Die angefertigten Demo-Musikcassetten fanden nirgends so rechten Anklang, doch die Jungs spürten, welches Potenzial in ihnen steckte. So begannen sie, eine für damalige Zeiten ungewöhnliche Mischung aus fetten Drumbeats, satten Gitarrenriffs und bairischer Sprache zu spielen. Seinerzeit existierten in München noch zahlreiche Live-Musik-Bühnen, so zogen der gelernte Bankkaufmann Günther Sigl und sein Freund und Bandkollege Barney, hauptberuflich Fernmeldehandwerker durch die Clubs, um Gigs an Land zu ziehen. In der Occamstraße 8 befand sich die gemütliche Kneipe Dr. Flotte, dort wo einst die Schwabinger Gisela den Nowak besang.
Der Betreiber Fritz Kremmler hatte keine Einwände gegen einen Frühschoppen-Auftritt der flotten Band. Vor allem, weil sie als Band mit einer Gage von 350 Mark einverstanden waren. Das Konzert war ein schöner Erfolg. Kurz darauf fiel ein paar Häuser weiter, im Memoland (später Tomate) ausgerechnet zur Faschingszeit die gebuchte Kapelle aus. Die Spider Murphy Gang wurde engagiert und mauserte sich in kürzester Zeit zur Hausband. Es folgten größere Auftritte und irgendwann wurde folgerichtig der Bayerische Rundfunk auf die Band aufmerksam. Bald erschien das erste Album, dann das zweite und schließlich der Jackpot: „Dolce Vita“, eine perfekt abgemischte Schallplatte voller Esprit und einer beachtlichen Reihe an Superhits wie „Schickeria“, „Wer wird den woana“, „Herzklopfen“ und „Skandal im Sperrbezirk“. Es wurde das bestverkaufte Album des Jahres 1982.
Nur die Wurstbrote werden gegessen
Und jetzt, zum fünfzigjährigen Jubiläum, spielen sie dort, wo sie einst begonnen hatten: in der Occamstraße 8, ein Nachmittags-Jubiläumskonzert. Dort steht seit zwei Jahrzehnten das Schwabinger Vereinsheim, eines der gemütlichsten Livelokale der Stadt. Das Lokal fasst rund 60 Besucher, die Stimmung ist fröhlich, leicht übermütig, aber dennoch gelassen. Es gibt belegte Semmeln aller Art, allerdings werden nur die mit Wurst belegten verzehrt.
Ein paar einführende Worte vom Management und vom Booker Lothar Schlessmann finden wonnevolle Worte, dann erzählt Günther Sigl von den Anfängen, wo er in eben jenen Räumlichkeiten seine heutige Frau kennenlernte und einen legendären Auftritt mit der Schauspiel-Legende Lee Marvin, der mit den Spiders hier nach ein paar Guinness und etwas Gin seinen Welthit „I was born under a Wand’rin’ Star“ zum Besten gab. Sigl gelingt es, die tiefe Bass-Stimme Marvins auf sehr lustige Weise zu imitieren und sorgt für große Freude im Zuschauerraum. München war halt schon immer eine Weltstadt, wenn sich Filmgrößen zur richtigen Uhrzeit ins richtige Wirtshaus verirrten.
Wie man 50 Jahre zurückspringt
Zehn Jahre zuvor feierten sie hier ihr Vierzigjähriges, und bis heute haben sie ihre Rock’n’Roll-Schuah nicht ausgezogen. Bevor das Lied beginnt, möchte Günter Barney ein Bussi auf die Schläfe geben, doch Barney bemerkt schmunzelnd: „Die Zeiten san vorbei, Günther“, worauf Günther den Song mit „Auf geht’s Barney“ startet, und das Vereinsheim sich ins Jahr 1976 zurückverwandelt.

Das Faszinierende an dieser Gruppe ist: Sie scheinen nicht zu altern. Seit Anbeginn erinnern sie auf gewisse Weise an die australischen Kollegen von AC/DC. Barney ein bisserl an Brian Johnson, aber auch an Malcolm Young, Günther an Angus. Früher, so verrät der Frontmann, ist er noch locker dreißig Zentimeter in die Höhe gesprungen. Heute sind es ein paar Zentimeter weniger, aber er springt noch voller Elan und landet sicher auf den Bühnenbrettern. Sie verbindet die unerschütterliche Liebe zur Musik. Bodenständig, sympathisch, immer nah an den Fans, niemals haben sie den Eindruck erweckt, sich für den Mittelpunkt der Schöpfung zu halten. Der Mittelpunkt eines Konzertabends genügt ihnen vollkommen. Sei es in der Olympiahalle, sei es beim Gräfelfinger Kulturfest, sei es im Vereinsheim Schwabing.
Auch die übrigen Musiker bilden eine grandiose Begleitband, deren Können ausdrücklich gewürdigt wird. Das Zusammenspiel der Spiders ist hinreißend, sie ergänzen sich, werfen einander Blicke zu, nehmen sich auf herzige Art gegenseitig auf den Arm.
Kein wichtiger Song wird ausgelassen
Kein wichtiger Song wird ausgelassen, bei „Sommer in der Stadt“ füllen sich manche Augen der Zuschauerschaft mit Tränen der Rührung und Sehnsucht nach Sommer, Freiheit, Jugend und dem natürlichen Münchner Glücksgefühl. Die Zeit vermag manches zu verändern, den Menschen, seine Hoffnungen und selbst seine Erinnerungen; doch ein wahrhaft schönes Lied überdauert sie alle, weil in ihm etwas fortlebt, das weder altern noch sterben kann.
Die kleine, intime Show im Vereinsheim ist der Auftakt für eine Reihe von Konzerten, 38 Gigs sind gebucht, dreizehn davon in Bayern. Und die Olympiahalle gleich zwei Mal hintereinander, am 30. Und am 31. Oktober. Der Vorverkauf sei seit zwei Minuten eröffnet, meldet der Konzertveranstalter. Wer vorne sitzen wolle, möge sich beeilen.
Fünf Jahrzehnte Spider Murphy Gang, vollgepackt mit Spaß, Unbeschwertheit, Liedern, Erinnerungen jener Selbstironie, die verhindert, dass aus verdienten Musikern verstaubte Denkmäler werden.