Neues Album von Rainald Grebe: "Popmusik" - zwei Kugeln Pferdefleisch Lakritz

Der Kabarettist und Chansonier Rainald Grebe liefert jetzt schon mal die CD für den Sommer. Dabei klingt seine "Popmusik" vor allem nach Neuer Deutscher Welle
| Michael Stadler
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Rainald Grebe im heimatlichen Tonstudio.
Rainald Grebe im heimatlichen Tonstudio. © Alessandro De Matteis

Irgendwann ist dieses vermaledeite Frühjahr vorbei, dann kommt der Frühling und der Sommer, es wird wärmer, man darf (hoffentlich) raus und es gibt Eis. Wie bereits einige berühmte Sänger vor ihm, etwa Rapper Vanilla Ice ("Ice ice Baby) oder Bürger Lars Dietrich ("Sexy Eis"), hat Deutschlands heißester Kabarettist und Chansonier Rainald Grebe ein Lied über den kalten Genuss auf der Zunge geschrieben, "eis", klein geschrieben, wie alle Songtitel seines neuen Albums, was cool ausschaut.

Und während ein Glockenspiel klingelt, als ob der Eismann gerade mit seinem Wägelchen vorbeikommt, und der Beat so trocken dumpf klingt wie Trockeneis, legt Grebe seine Stimme drüber, schraubt sie herunter auf Tiefen, die an Friedrich Lichtenstein erinnern. Nur, dass Grebe nicht wie Lichtenstein alles Mögliche, vermutlich auch Billig-Angebote eines Supermarkts, als "supergeil" besingt, sondern den alles verteuernden Wandel der Zeiten. "Früher 20 Pfennig, heut 5 Mark".

Rainald Grebe bringt den Dadaismus auf den Level der Satire

Dass Grebe ein paar neumodische Eis-Sorten auflistet, die ganz real ("Blueberry Cheesecake") oder doch erfunden ("Rosskastanie Rosmarin") oder völlig gaga ("Pferdefleisch Lakritz") klingen, bringt den Dadaismus auf den Level der Satire. Was der Hipster mit gesteigertem Genuss leckt, weil die Geschmackskombination auch noch fesch klingt, ist für Grebe Anlass zur stoischen Verarsche, wobei der Synthie-Sound so billig klingt, als ob er dazu noch den kommerzialisierten Pop veräppeln will.

"Popmusik" heißt Grebes neues Werk, schlicht und auf jeden Fall ergreifend. Da erobert sich jemand selbstbewusst ein ganzes Genre, ja, eine richtige Ansage ist das: Grebe will offenbar endlich in den Mainstream; von einer Rezension im "Rolling Stone"-Magazin soll er sogar träumen. Was man dann aber in zwölf Liedern hört, hat mit zeitgenössischer Musik so viel zu tun wie die Rolling Stones mit Jung-Träne Billie Eilish. Die Grebe übrigens einmal, in "meganice zeit", erwähnt: "Schalt das Radio ein und die Sonne scheint wie Billie Eilish und du fragst, muss man die kenn, und ich sag Eilish freilish"

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Mit "Popmusik" zurück zur Neuen Deutschen Welle

Ja, freilish: Mit frühreifer Melancholie hat Grebe eher wenig am Hut, am 14. April feiert er immerhin seinen 50. Geburtstag. Statt den Kopf und die Haare also tief hängen zu lassen (was er eh nicht kann), reicht Grebe seinen Zuhörern galant die Hand und geleitet sie zurück in die Zeit der Neuen Deutschen Welle, als es noch ausreichte, auf dem Keyboard einen Beat einzustellen und diesen durchfiepsen, -bumsen, -hüpfen zu lassen.

Das simple Oktaven-Hin-und-Her vom eingestrichenen zum zweigestrichenen "g", das man von Trios "Da da da" kennt, hat Grebe für seinen Hit "der klick" einfach mal geklaut und besingt ein Heute, in dem quasi jede Handlung mit einem "Klick" einhergeht.

Thematisch ist Grebe dann doch auf der Höhe der Zeit, nimmt unter anderem die AfD und den Calvinismus unserer Leistungsgesellschaft aufs Korn, hat sogar noch einen Song während der Pandemie geschrieben, den er an den Anfang setzt ("wissenschaft ist eine meinung", zur Freude aller Querdenker). Das ganze Album aufgenommen hat er in der Uckermark, wo der gebürtige Kölner, der mit seinem Brandenburg-Lied bekannt wurde, einen Zweitwohnsitz neben Berlin hat. Dabei arbeitet Grebe mit alten Bekannten: Martin Bechler, der die Songs produziert und arrangiert hat, kennt er seit zwanzig Jahren. Was Grebe über seinen (Sprech-)Gesang und manches Tastenspiel hinaus an analogen und elektronischen Sounds benötigte, hat Bechlers Band Fortuna Ehrenfeld beigesteuert.

Ein bisschen Hoffnung bei aller Verzweiflung

Einmal darf auch der Männergesangsverein "Harmonie" aus Lünen sein Scherflein beitragen und singt zwei Strophen von "die rose", Grebes Männer-Variante auf jenen Song, mit dem schon Janis Joplin, Bette Midler und, auf Deutsch, Nana Mouskouri Furore machten. Wenn wackere Ruhrgebiets-Männer eine hollywoodeske Ballade singen, mag das auch nicht ganz ernst gemeint sein, aber die Wehmut in Grebes, hier mal ganz fein austarierten, Stimme klingt aufrichtig: "Doch vergiss' nicht an dem Zweig dort, der im Schnee beinah erfror, blüht im Frühling eine Rose, so schön wie nie zuvor."

Ein bisschen Hoffnung gibt es also, vielleicht, bei aller Eiseskälte und in Ironie verkleideter Verzweiflung an der Welt. In einem Lied lässt Grebe die Karriere einer Flugbegleiterin zu einem Pathos trunkenen Finale kommen - es klingt erst beschaulich nach Reinhard Mey, am Ende brummen sublim die Posaunen. Das Stewardessen-Dasein war bei wechselnden Flugzielen ein einziger Service-Loop, aber es dreht sich ja jeder Beruf in Schleifen, auch das (Tour-)Leben des Musikers, das er später besingt: "Hallo Darmstadt, ich danke ihnen: Sie hatten Freude, wir Routine." Es könnte also alles weiter gehen, wenn es jetzt nicht den Virus gäbe und das Ende, das jeden erwartet. Dem Tod widmet Grebe am Schluss eine Ode, das Wurlitzer-E-Piano klingt jedoch weiterhin heiter belebt. Wie schön.


Rainald Grebe: "Popmusik" (Tonproduction Records/Rough Trade), bestellbar u.a. auf rainald-grebe.de. Für den 31. Juli ist eine Liveshow mit Rainald Grebe auf der Berliner Waldbühne geplant

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