Interview

Neues Album von Hannes Ringlstetter: Tschingderassabumm mit Gefühl

Hannes Ringlstetter über seine neue Platte "Heile Welt", frühe Helden und Gastspiele im Niederbayerischen.
| Thomas Becker
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Zwischen Rock, Country-Songs, Hip-Hop, Reggae: Hannes Ringlstetter bei einem Konzert auf der letzten BR-Radltour.
Zwischen Rock, Country-Songs, Hip-Hop, Reggae: Hannes Ringlstetter bei einem Konzert auf der letzten BR-Radltour. © Philipp Kimmelzwinger

München - Am 7. Mai erscheint mit "Heile Welt" das neue Album von Hannes Ringlstetter. Ein Gespräch über Biedermeier und BAP, über Gitarren-Soli und Tom Waits, und die ewige Frage, wie man auf den Punkt kommt.

AZ: Herr Ringlstetter, mitten in der Pandemie taufen Sie Ihr neues Album ausgerechnet "Heile Welt". Was will uns der Künstler damit sagen?
HANNES RINGLSTETTER: Das Pikante ist ja, dass der Titel schon vor Corona feststand, seit Oktober 2019.

Verdammt lang her.
Mein Gedanke war: Nach dieser Proklamation von "Fürchtet euch nicht" (dem Vorgänger-Album, Anm. d. Red.) braucht es jetzt was Gegenteiliges, was Kleineres. Das war auch so die Zeit, in der sich sehr viele Leute aus meinem Bekanntenkreis ins Private zurückgezogen haben. Weil alle so überlastet waren vom Job. Da war dann so ein Biedermeier-Feeling, ein Heile-Welt-Stricken. Dann ging Corona los, und ich dachte: ‚Jetzt wird's wirklich krass mit dem Begriff.' Dass die Welt nicht heil ist, wissen wir ja schon immer und hat mit Corona nichts zu tun. Aber plötzlich wünschten sich das alle: Dass alles wieder heil wird. Fand ich krass, wie schnell so etwas switched.

Ringlstetter: "Wahrscheinlich bin ich ein Prophet"

Und nach einem Jahr Pandemie ist die Sehnsucht ja noch viel größer geworden.
Aber man weiß trotzdem auch, dass es sie wieder nicht geben wird - und das ist fast schon der Schlusspunkt der Überlegung. Es gibt einfach keine heile Welt. Geht nicht. Es ist ein Sehnsuchtsort, was eh schön ist. Sehnsuchtsorte sind super, weil jeder damit machen kann, was er will.

Heißt, das Album ist sozusagen nach und nach entstanden. "Heller Schein" zum Beispiel kennt man schon eine Weile.
Bis auf drei, vier Lieder habe ich alles zwischen Oktober 2019 und März 2020 geschrieben, also vor Corona. Dann haben die aber alle plötzlich eine andere Bedeutung bekommen. Auch "Heller Schein" hat so eine Bedeutungsschwangerheit erhalten. Ursprünglich war das ein total privater Gedanke zu jemandem, dem es einfach nicht gut ging. Und dann wurde das plötzlich so groß. So ging es mit einigen Liedern, auch das Titellied, das eigentlich die Klima-Problematik und die egoistische Gesellschaft zum Thema hat, samt apokalyptischem Abgesang im Refrain: letzte Party, dann ist es eh vorbei. Jetzt sehen viele darin eine Nachschau: Bis letztes Jahr war Party, und nun ist die vorbei. Wahrscheinlich bin ich ein Prophet.

Einfach zeitlos, dieser Ringlstetter.
Komisch, gell?

Aber wie cool, dass der eigene Text überdauert. Dass man ihn einfach stehen lassen kann, nicht mehr nachbessern muss.
Darauf bin ich bei dieser Platte auch ein bisschen stolz: Dass die Texte von Anfang an so eine Eindeutigkeit hatten, nicht mehr verhandelbar sind. Weil die für mich einfach auf den Punkt waren - wahrscheinlich weil ich selber mehr auf den Punkt bin.

"Es sind zwei, drei Nummern drauf, die einfach rocken"

So gereift.
Gereift finde ich schrecklich. Präziser halt. Das finde ich aber ganz gut.

Von der Musik her ist ganz schön viel drin, nicht nur gewohnt Gefühliges wie in "Family", "Hinterher" oder "Endlich Nacht", sondern auch reichlich Tschingderassabumm. Oder wie es im PR-Text heißt: "Exotischer Bossa mit einem Touch Chanson und Gitarren im Latin-Jazz-Style. Dazu lässige Bläsersätze und ein Piano, das an einen nostalgischen Vergnügungspark erinnert."
Die Mischung aus Tschingderassabumm und Gefühligkeit finde ich super! Es ist auf jeden Fall die Platte, bei der ich am meisten dachte: "Ich mag wieder Rock-Musik hören!" Es sind zwei, drei Nummern drauf, die einfach rocken, Punkt. Auf der anderen Seite habe ich auch keine Angst mehr vor den Tom-Waits-Momenten. Das darf dann schon alkokol- und nachtschwanger sein. Das waren schon immer meine Favorites, weil da meine Stimme am meisten rauskommt. Und weil das auch eine Seite von mir ist, die die Comedy- und Fernseh-Welt von mir überhaupt nicht kennt, weil die dort nicht existiert. Das mag ich an der Platte: Dass alle Seiten von mir drin sind. Das ist cool. Da fühle ich mich wohl.

Hannes Ringlstetter: "Endlich wieder ein Solo auf einer Platte"

Nur Stimme samt Gitarre wäre nicht der ganze Ringlstetter?
Gerade in den letzten zwei Jahren habe ich gemerkt: Dieses Liedermacher-Image brauche ich überhaupt nicht! Das war ich noch nie, das will ich auch nicht. Ich liebe zum Beispiel den Song "Radl am See", weil das diese Nostalgie hat - und dann kommt einfach so ein 80er-Jahre-Gitarrensolo! Sich davor nicht zu fürchten, finde ich super. Einfach mal drei Minuten Gitarren-Solo, bis der Arzt kommt, wie in "November Rain". Weil der Jochen, unser Gitarrist, das halt auch kann! Dann soll er es auch machen. Endlich wieder ein Solo auf einer Platte - das traut sich ja keiner mehr.

Wo wir schon in den 80ern sind: Wer waren Ihre frühen Helden?
Eine Mischung aus Pink Floyd und Led Zeppelin auf der internationalen Seite, aber gleichzeitig diese ganzen Austro-Pop-Typen von Ambros über Ludwig Hirsch bis Georg Danzer. Und natürlich auch die Ringsgwandls und Fredl Fesls. Und Haindling und BAP.

Das sagt Hannes Ringlstetter über Wolfgang Niedecken

Beachtlich: Kölsche Leeder wurden auch in Niederbayern gehört!
Das fand alles im Nachgang der WAA-Bewegung statt. Das WAA-Festival hatte all diese deutschsprachigen Rock- und Punk-Bands hochgespült, und so ist das in unser Bewusstsein übergegangen. Die waren auf einmal so wichtig. Deshalb war es nicht entscheidend, wie sie es singen, sondern ob es zur Weltanschauung passt.

Kaum 40 Jahre später stehen Sie gemeinsam mit Wolfgang Niedecken auf der Bühne!
Das ist krass, immer wieder. Oft denke ich mir: "Jetzt steh' ich da mit dem Wolfgang: krass!" Den mag ich voll gern, ein super Typ. Ist gerade 70 geworden: Wahnsinn!

"Jetzt freue ich mich einfach, wenn überhaupt was ist"

Wie haben Sie im vergangenen Sommer Ihre Flying-Circus-Open-Air-Tour durch Niederbayern und den Bayerischen Wald erlebt?
Es war ein bisschen wie früher: kein gescheites Backstage, kein gescheites Licht, keine gescheite Bühne, aber irgendwie auch schön. Letztes Jahr war es noch ein bisschen komisch, weil man anderes gewöhnt war - jetzt ist man überhaupt nichts mehr gewöhnt, jetzt freue ich mich einfach, wenn überhaupt was ist.

Davor müssen Sie aber noch die neue Platte promoten, durch die Talkshows tingeln. Aber wofür hat man schließlich eine eigene!
Das geht ja nicht! Mir reicht's eigentlich, wenn ich mit Ihnen ein schönes Interview gemacht habe. Danach streiche ich alle weiteren Promo-Termine!

Abgemacht! Dann rühren wir noch die Werbetrommel für Ihre BR-Show: Am 29. April haben Sie einen eher seltenen Talkshow-Gast: Till Hofmann. Der hatte Ihnen vor 15 Jahren die Moderation der Mixed-Show "Blickpunkt Spot" im Schwabinger Vereinsheim anvertraut - der Anfang von vielem für Sie.
Wir haben in der Tat eine lange gemeinsame Geschichte. Zum Sommer hin hat auch eine Sendung wie meine die Aufgabe, die Kultur mal wieder zu thematisieren, und da ist mir einfach kein Besserer eingefallen als der Till. Es wird sicher auch lustig. Ich bin sehr gespannt.


"Heile Welt" bei F.A.M.E als CD und Vinyl-LP. Am Donnerstag um 22 Uhr spricht Hannes Ringlstetter in seiner Sendung im BR Fernsehen mit dem Kleinkunst-Impresario Till Hofmann.

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