Kritik

Neues Album, neuer Film: "Man On The Run" - Paul McCartneys Leben nach den Beatles

Ein Dokumentarfilm porträtiert den Musiker in den 1970ern – als er Soloplatten aufnahm und eine neue Band gründete. Neben seiner Tochter Stella McCartney kommen auch Kollegen wie Mick Jagger zu Wort.
von  Dominik Petzold
Paul und Linda McCartney mit Familie in ihrem Haus und Hof 1974.
Paul und Linda McCartney mit Familie in ihrem Haus und Hof 1974. © IMAGO/mptv /Gunther

Kann nach den Beatles noch etwas kommen im Leben? Paul McCartney hatte große Zweifel. Die Band war seit seinen Teenagertagen sein ganzer Lebensinhalt gewesen, und als sie sich auflöste, fiel er in ein tiefes Loch. Er zog sich mit Ehefrau Linda auf seine schottische Farm zurück, nahm dann wie John, George und Ringo Soloplatten auf – und fasste schließlich einen leicht exzentrischen Plan: Er gründete die Wings und wollte mit der Band noch mal ganz von vorn anfangen, so wie ein Jahrzehnt früher mit den Beatles.

Paul McCartney 1975 in der "Saturday Night Live"-Show in New York.
Paul McCartney 1975 in der "Saturday Night Live"-Show in New York. © imago images/Everett Collection

Davon erzählt Regisseur Morgan Neville in seinem Dokumentarfilm "Man On The Run". Paul McCartney ist als Produzent am Film beteiligt und spricht aus dem Off. Zu Wort kommen auch seine Familie, Kollegen wie Mick Jagger, Chrissie Hynde oder Nick Lowe sowie alle Mitglieder der Wings. Und sie betonen, wie künstlich das Bandkonzept war. Da konnte sich Paul noch so sehr bemühen, die Wings nach innen und außen wie eine Gruppe von Gleichberechtigten erscheinen zu lassen: Er war nun mal der Über-Star, die Keyboarderin seine Frau – und alle anderen waren Begleitmusiker.

Die Wings blieben immer im Schatten

Daran sollte sich bis 1980 nichts ändern, wie der Film erzählt, das Rampenlicht gehörte Paul, die Wings waren ein Vehikel für seine weiterhin sprudelnde Kreativität. Sie hatten zahlreiche große Hits, "Mull of Kintyre" wurde die bis dahin erfolgreichste englische Single überhaupt, und bei der Welttournee 1975 füllten die Wings riesige Arenen. Doch als sie in New York Halt machten, diskutierten die Medien nur über ein Gerücht: Würde John Lennon auf die Bühne kommen?

Das Cover der Album-Auskoppelung aus dem Film
Das Cover der Album-Auskoppelung aus dem Film © Universal Music

Die Wings blieben also immer im Schatten der Beatles - und waren zugleich höchst erfolgreich. Und so blickt Paul McCartney in dem Film zufrieden auf das Jahrzehnt zurück, ebenso seine Tochter, die 1971 geborene, berühmte Modedesignerin Stella McCartney: Es sei die allerschönste Zeit der Familie gewesen.

Zwei Stunden ein Jahrzehnt

Regisseur Morgan Neville schafft es elegant, in weniger als zwei Stunden ein Jahrzehnt zu durchschreiten und viele Details auszubreiten - und das flüssig und ohne Hektik. Er spart auch einige fragwürdige Projekte nicht aus: Einmal nahm McCartney das Kinderlied „Mary Had A Little Lamb“ auf, setzte im Video eine Clownsnase auf und steckte die Bandkollegen in Vaudeville-Kostüme, ein anderes Mal produzierte er eine Fernsehsendung im Revuestil. Da resümiert der Künstler selbst schmunzelnd und treffend: Wenn man so berühmt sei wie er, sage einem niemand mehr, dass eine Idee schlecht sei.

„Man On The Run“ zeigt ungesehene private Aufnahmen, hochauflösend restaurierte Konzertmitschnitte und viele poppig-schöne Animationen. Das Ergebnis ist für Fans und andere Interessierte gleichermaßen sehenswert, und die Musik ist wundervoll: Die Ausschnitte im Film sind meist nur kurz, doch zum Weiterhören gibt es ein knackiges Soundtrack-Album.

Hervorragende Zwölf Stücke 

Im Film werden Dutzende Stücke angespielt, das Album beschränkt sich auf zwölf, die eine prominente Rolle spielen. Die Auswahl ist hervorragend: Sie enthält einige der besten Hits wie „Coming Up“ und „Band On The Run“, aber auch unbekanntere Perlen der frühen Siebziger wie „Long Haired Lady“, „Too Many People“, „That Would Be Something“ und „Big Barn Bed“. Da baut McCartney gegen Ende Schicht um Schicht aufeinander: der polyphone Pop eines Genies.

Auch „Silly Love Songs“ hat einen kontrapunktischen Teil mit drei parallelen Melodien, und der kommt hier in einer Demoversion besonders schön zur Geltung. Diese und weitere unveröffentlichte Aufnahmen machen die Kompilation lohnend für Fans. Und für alle anderen ist sie ein perfekter Einstieg in McCartneys Werk der Siebziger. 

Paul McCartney: "Man On The Run – Music From The Motion Picture Soundtrack" (LP, CD oder digital, Capitol Records/Universal)

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