Musiker in der Corona-Krise: Almosen an der Abendkasse

Der Freistaat will Musikern mit Konzerten im Brunnenhof der Residenz helfen, doch bei den Künstlern kommt nicht viel Geld an.
| Robert Braunmüller
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Der Brunnenhof der Residenz bei einem Konzert in der Vor-Corona-Zeit.
Der Brunnenhof der Residenz bei einem Konzert in der Vor-Corona-Zeit. © Hannes Magerstaedt

München - Mit dem Brunnenhof Open Air 2020 in der Residenz möchten der Münchener Konzertverein und Kunstminister Bernd Sibler gezielt freiberufliche Musikensembles aus Bayern unterstützen. Weil die Konzerte an der frischen Luft stattfinden, gibt es 398 statt der in Innenräumen bisher zugelassenen maximal 200 Plätze. Der Erlös aus dem Kartenverkauf kommt - abzüglich der Vorverkaufsgebühr - den Musikern zugute.

 

Das klingt zuerst einmal nicht schlecht, weil freischaffende Künstler in Bayern bei den Corona-Hilfen kurz gehalten werden. Und es ist auch nicht schlecht, Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen, zumal das Kunstministerium die Organisations- und Sachkosten weitgehend übernimmt. Maximal 98.000 Euro hat das Ministerium dafür bewilligt, und Bernd Sibler hat sich als Eröffnungsredner persönlich für die bis Anfang Oktober anberaumte Konzertreihe eingesetzt.

Musiker beklagt sich nach Auftritt auf Facebook

Nur ist, wie so oft, gut gemeint nicht gleichbedeutend mit gut. Diese Erfahrung machte ein Musiker, der auf einer halben Stelle in einem Münchner Orchester spielt und daneben freiberuflich arbeitet. Er beklagte in einem mittlerweile gelöschten Facebook-Posting nach einem Auftritt im Brunnenhof einen Verlust von mehreren tausend Euro, weil nur knapp 100 Besucher erschienen seien, er nun aber trotzdem die von ihm engagierten freiberuflichen Mitspieler bezahlen müsse. "Das redliche Ziel, den freischaffenden Musikern eine Bühne zu geben und ihnen die Einnahmen des Abends zukommen zu lassen, kann nur dann aufgehen, wenn im Zweifel diese freischaffenden Musiker auch finanziell auf ihre Kosten kommen", sagt der Musiker, der auch erklärt, dass die Solisten des Abends auf ihre Gage verzichtet hätten.

Der Münchner Konzertverein erklärt dazu, dass die Konzertreihe im Brunnenhof lediglich eine Auftrittsmöglichkeit biete. Der Musiker habe die Bedingungen des Auftritts durch die Vertragsunterzeichnung anerkannt. Der Veranstalter sage kein Honorar zu und sichere lediglich die Ausschüttung der Einnahmen an der Kasse zu. Wenn der Musiker mit Kollegen in Kammerorchesterstärke auftrete, sei das sein wirtschaftliches Risiko. Außerdem habe er auf erhöhten Eintrittspreisen zu maximal 45 Euro pro Platz bestanden.

Den Musiker wiederum ärgert, dass durch das Brunnenhof Open Air der Eindruck geweckt werde, die Politik fördere mit diesen Konzerten in Not geratene Freiberufler. Tatsächlich klingt die (maximale) Fördersumme von 98.000 Euro gewaltig. Man muss sie allerdings - wegen der Anzahl der Konzerte - durch 30 teilen.

Finanziert wird mit diesem Geld die Bühnentechnik, ein mit den Corona-Bedingungen vertrauter Bühnenmeister, der Ordnungsdienst und weitere Details der Infrastruktur. Für Gema-Gebühren, Werbung, den Druck von Programmheften und den Transport von Instrumenten fallen weitere Kosten an.

Die übernimmt der Münchner Konzertverein, der auf Spenden angewiesen ist, die im Moment nicht besonders üppig fließen. Vom Veranstalter ist zu hören, dass er auf solidarische Kartenkäufe von Besuchern gehofft habe, die jedoch bislang ausgeblieben seien. Er fürchte angesichts des verunsicherten Publikums, dass es auf längere Sicht kaum mehr privatwirtschaftlich veranstaltete Konzerte gebe und nur noch der staatsnahe Bereich der öffentlich geförderten Orchester übrig bleibe. Diesen Pessimismus muss man nicht teilen. Das ausbleibende Publikum bei Freiluftkonzerten mag genausogut mit der Jahreszeit und der mangelnden Ausweichmöglichkeit bei Regen zu tun haben. Aufs Wetter wettet niemand gern.

Corona-Hilfen landen primär bei der Infrastruktur

Aber diese Geschichte zeigt das grundsätzliche Problem staatlicher Corona-Hilfen, weshalb sie hier erzählt wird, ohne mehr Namen als notwendig zu nennen: Fördermittel landen primär bei der Infrastruktur. Das ist im Veranstaltungsbereich zwar nicht grundsätzlich falsch, weil auch hier viele Freiberufler arbeiten.

Dass die Musiker aber am Ende auf die Abendkasse angewiesen sind, während die Technik auf Fixpreise aus der staatlichen Förderung zählen kann, lässt sich als Geringschätzung verstehen. Und da wäre es an der Zeit, dass das Kunstministerium nachjustiert. Übrigens sind die drei Monate, für die maximal je 1.000 Euro Künstlersoforthilfe ausbezahlt werden sollen, längst verstrichen.

Im Moment ist es relativ leicht, Geld für den Einbau einer Lüftungsanlage zu bekommen, während Künstler ohne Betriebsstätte seit Monaten auf die unbeliebte Grundsicherung verwiesen werden. Gut belüftete Veranstaltungsräume sind wichtig. Aber es sollte in einem Jahr auch noch Künstler geben, die dort auftreten.


Die Konzerte im Brunnenhof der Residenz finden bis 3. Oktober täglich statt. Termine auf www.konzert-verein.de, Karten unter Telefon 089 54 81 81 93 und muenchenticket.de

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