"Musik für Flugräder": Musikalisch abheben

Maxi Pongratz und Micha Acher entwerfen mit befreundeten Künstlern "Musik für Flugräder".
| Dominik Petzold
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Micha Acher (links) und Maxi Pongratz.
Micha Acher (links) und Maxi Pongratz. © Abzocker-Verlag

München - Das Flugrad hob einfach nicht ab. Jahrzehntelang werkelte Gustav Mesmer an seinen Konstruktionen, doch die Schwerkraft konnte er nicht überwinden, nicht für eine Sekunde. Ein Misserfolg? Mühe ohne Sinn? Mitnichten. Noch zu seinen Lebzeiten (1903 -1994) wurden seine Fluggeräte und die Skizzen dazu als das erkannt, was sie gar nicht sein sollten: als Kunstwerke. Und weil die Wege der Kunst verschlungen sind, haben seine schön-skurrilen Fluggeräte nun noch ein weiteres künstlerisches Werk inspiriert: die "Musik für Flugräder" von Maxi Pongratz und Micha Acher.

 

Micha Acher stieß auf Gustav Mesmers Flugräder

Letzterer war auf Gustav Mesmers Flugräder gestoßen, als er vor einigen Jahren mit The Notwist auf Tour war und in Luzern eine Ausstellung mit Art Brut-Kunst besuchte, Kunst von gesellschaftlichen Außenseitern. Das war Mesmer wahrlich: Er wurde 1903 in einem oberschwäbischen Dorf geboren, als eines von zwölf Kindern, musste nach nur fünf Schuljahren als "Verdingbub" auf Höfen schuften und ging dann ins Kloster, wo er es fast sechs Jahre lang aushielt. 1929 störte er in der Dorfkirche eine Konfirmationsfeier und verkündete, "dass hier nicht das Blut Christi ausgeteilt werde und sowieso alles Schwindel sei". Daraufhin wurde er in eine psychiatrische Anstalt eingesperrt.

"Schizophrenie, langsam fortschreitend, bei einem von Haus aus vielleicht schon schwachsinnigen Menschen", lautete die Diagnose. Später wurde ihm noch "Erdfinderwahn" attestiert: Denn Mesmer hatte sich dem Bau von mechanischen Fluggeräten verschrieben. Richtig loslegen konnte er erst 1964, fast schon im Rentenalter, als er dank der Hilfe einer Verwandten endlich aus der psychiatrischen Anstalt entlassen wurde und in ein Altersheim zog. Nun werkelte er jahrzehntelang an seinen Flugrädern, die Materialien holte er oft aus dem Müll, die Tragflächen baute er aus Plastiksäcken und Planen.

Ein Mesmer'sches Flugrad wurde auf Weltausstellung präsentiert

Seine Flugräder blieben zwar am Boden, doch der Designer Stefan Hartmaier, der Mesmer schon als Junge gekannt hatte, erkannte deren skurrile Schönheit. Er organisierte eine Ausstellung und schließlich wurde ein Mesmer'sches Flugrad sogar im deutschen Pavillon der Weltausstellung in Sevilla 1992 präsentiert. Bis heute kümmert sich die von Hartmaier gegründete "Gustav Mesmer Stiftung" um dessen Andenken, um über tausend Zeichnungen, Skizzen und Bilder und natürlich die Flugräder selbst. Mesmers Werke wurden unter anderem in Wien, Paris und New York ausgestellt. Und in Luzern, wo Micha Acher sie entdeckte.

Irgendwann dachte der musikalische Tausendsassa bei Mesners Rädern an seinen Kollegen Maxi Pongratz, dessen Solo-Album er produziert hatte wie auch alle drei Alben von dessen seit längerem pausierender Band Kofelgschroa. Auf dem Cover von deren zweitem Album sitzt Pongratz auf einem Fahrrad. "Irgendwann später habe ich mir gedacht, krass, das passt ja so gut zusammen. Der Typ hat die Räder für den Maxi gebaut, wenn das funktionieren würde, das wäre dem Maxi sein Fortbewegungsmittel", wird Acher im Pressetext in bairischer Grammatik zitiert. Mit Verstärkung von Musikern wie Maria Hafner, Matthias Meichelböck und Cico Beck nahmen er und Pongratz das Album "Musik für Flugräder" auf: Es ist nach Selbstauskunft der "persönliche Soundtrack zu den filmisch festgehaltenen Flugversuchen Gustav Mesmers".

 

Akkordeon, Geige und Bläser sorgen für warmen Klang

Und der ist sehr stimmig geraten. Akkordeon, Geige, Bläser und dezente Perkussion sorgen für einen erdigen, organischen, warmen Klang: Bei der Instrumentierung verzichten Acher und Pongratz ebenso auf Elektronik wie Mesmer bei seinen rein mechanischen Gerätschaften. Die Stücke sind so harmonisch-schön wie Mesmers Skizzen ("Montag Wind"), so schrullig-spinnert wie dessen Unterfangen ("Schwingen Flugfahrrad"), so tief melancholisch, wie dessen Lebensgeschichte stimmt ("Luftsieb Frachter"). Und bei den spannungsreichen Klängen, etwa in dem Stück "Wirklich frei ist, wenn der übernächste Tag auch noch frei ist", denkt man an Mesmers Reibung mit der Gesellschaft, die einen wie ihn einfach aussortierte.

"Musik für Flugräder" sollte man wie ein Soundtrack hören

Der Hörer sollte sich idealerweise nicht allein auf diese instrumentale Musik konzentrieren, sonst wird es schnell etwas eintönig. Man sollte "Musik für Flugräder" tatsächlich wie einen Soundtrack hören, als Tonspur zu den Bildern Mesmers oder eben zu den Filmaufnahmen von dessen Flugversuchen.

Die sind im Video zu "Elias" zu sehen, dem spannendsten und besten Stück des Albums. Das beginnt mit Dissonanzen, entfaltet dann einen drahtigen Groove und mit dem sehr schönen Refrain-artigen Abschnitt schaffen Acher und Pongratz das passende Andenken für Gustav Mesmer und seine Bemühungen: Hier, wie auch in manch anderen Momenten, hat ihre "Musik für Flugräder" etwas Schwebendes.


Maxi Pongratz, Micha Acher & Verstärkung: "Musik für Flugräder" (als CD, LP oder digital, bei Trikont)

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