Musica viva im Herkulessaal: Neue Musik, voll und süffig
"Klanglich rauschhaft, voll, süffig", nennt Lisa Streich ihr Klavierkonzert "Black Swan". Und das ist es auch. Der Solopart beginnt mit lyrischen Einzeltönen über einer Streicherklangfläche. Später donnern wuchtige Prokofjew-Bässe im Orchester.
Dazu spielt die Solistin Tamara Stefanovich gebrochene Akkorde im Fortissimo. Die Mikrotonalität legt einen Weichzeichner über die Musik, den die Schlagzeuger mit Heulschläuchen weiter absoften.
Das geht ans Herz wie selten in der Neuen Musik. Aber "Black Swan" leidet am Problem vieler Klangflächenstücke. Ein Block endet, dann kommt eine Verschnaufpause, dann folgt der nächste Abschnitt. Nach etwa der Hälfte wird der Anfang variiert, was eine Schlusswirkung suggeriert, die aber nicht eintritt. Und so mäandert das Stück vor sich hin, bis sich zuletzt der Dirigent Matthias Pintscher zur Solistin ans Klavier setzt und "Black Swan" vierhändig und zart zu Ende bringt.

Kunst mit Krücke
Jüri Reinveres "Lied von den zwei Erden" spielt trotz seines Titels kaum auf Mahler an. Eher schimmert der Richard Strauss der Orchesterlieder und der "Frau ohne Schatten" durch.
Der estnische Komponist und Lyriker hangelt sich an einem eigenen Text entlang, der Eindrücke der monumentalen Landschaft Spitzbergens poetisch überhöht – einschließlich eines polaren Seesturms. Ausrine Stundyte hielt hochdramatisch entgegen, als gelte es, die Färberin zu verkörpern. Das einzige Wort, das verständlich artikuliert wurde, war der Begriff "Sextant".

Ach ja, eine Instrumentalsolistin wirkte auch mit: Kristi Mühling spielte zwischendrin Kannel, eine zarte estnische Zither, die wie ein Spinett klingt und die verstärkt werden musste, um überhaupt wahrnehmbar zu sein. Die Verstärkung ohne Klangdesign ist eine Krücke. Das allein hätte den Komponisten auf die Idee bringen müssen, dass da eine gewaltige Kluft zu den Orchestermassen klaffte. Beides zusammengebracht wurde nicht, es existierte ungestaltet nebenher.
Mehr Richard Strauss
Zum Abschluss dirigierte Pintscher Hans Werner Henzes Tondichtung "Heliogabalus Imperator". Das Stück hatte schon einen Beigeschmack von spätem Richard Strauss, als es vor über 50 Jahren von Georg Solti und dem Chicago Symphony Orchestra uraufgeführt wurde. Heute ist es eine virtuose Orchesteretüde, die vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks naturgemäß mit leichter Hand dargeboten wird. Und auch hier stört ähnlich wie bei Reinvere, dass die Komposition altmeisterlich Bilder aus dem Leben eines antiken Kaisers abarbeitet, als wäre seit 100 Jahren nicht eine ganze Menge Zeit vergangen.
Die musica viva hat ihre Programmhefte neuerdings ins Internet verbannt. Dagegen spräche nichts, und immerhin wird online nicht nur ein PDF zur Verfügung gestellt. Aber bevor diese Sparmaßnahme auch bei anderen Konzerten des Bayerischen Rundfunks eingeführt wird, sollten ihre Erfinder sie einmal selbst mit dem eigenen Smartphone testen.

Denn jedes Mal, wenn man etwas nachschauen möchte, was bei der musica viva und bei Werken mit Gesang öfter vorkommt, muss man die Seite im Internet aufrufen, das im Herkulessaal zwar gut funktioniert, aber nicht in der Isarphilharmonie. Ein Layout gibt es auch nicht. Und zum Lesen braucht man am Smartphone eine Lupe. Dass Gesangstexte gratis auslagen, spricht für ein Unbehagen an einer Idee, die nicht ganz zu Ende gedacht ist und der ihre Erfinder nicht wirklich trauen.
Die neue Saison der musica viva beginnt am 6. September mit Wolfgang Rihms "Tutuguri" mit dem Lucerne Festival Contemporary
Orchestra unter Jörg Widmann in der Isarphilharmonie

