Murray Perahia über Beethovens Klavierkonzerte

Von der Natur des Menschen: Murray Perahia spielt in dieser Woche alle fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven in der Phiharmonie
| Robert Braunmüller
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Der Pianist Murray Perahia ist ein nachdenklicher Virtuose.
Felix Broede Der Pianist Murray Perahia ist ein nachdenklicher Virtuose.

Heute, am Freitag und am Sonntag führt der Pianist Murray Perahia im Gasteig die fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven auf. Er wird begleitet von der Academy of St. Martin in the Fields, die er selbst dirigiert.

AZ: Mr. Perahia, was macht für Sie Beethovens Größe aus?

MURRAY PERAHIA: Seine Meisterwerke beschäftigen sich auf poetische und philosophische Weise mit der Natur des Menschen. Beethoven ist wie William Shakespeare. Und seine Klavierkonzerte sind große Musik. Keine Note ist verzichtbar.

Die Klaviersonaten, Streichquartette und Symphonien haben Beethoven bis an sein Lebensende begleitet. Warum hat er schon 1810 das letzte Klavierkonzert komponiert?

Er schrieb die frühen Konzerte für sich selbst, um sich den Wienern als Virtuose vorzustellen. Mit zunehmender Taubheit waren diese Auftritte nicht mehr möglich. Deshalb gibt es wohl kein spätes Konzert für Klavier.

Warum fühen Sie die Konzerte trotzdem zyklisch auf?

Der Hörer kann so die künstlerische Entwicklung Beethovens miterleben. Übrigens stimmt die traditionelle Nummerierung nicht: Das zweite Konzert ist eigentlich das erste: Es ist sehr geradeheraus komponiert, hat aber einen wunderbaren Humor. Die Nr. 1 ist ein sehr dramatisches Konzert, Nr. 3 dunkel und düster. In den letzten beiden Konzerten überhöht Beethoven die Ideen der frühen Werke.

Sie haben die Konzerte schon mit Neville Marriner, Wolfgang Sawallisch oder Lorin Maazel aufgeführt. Warum dirigieren Sie nun selbst?

Meine Beziehung zur Academy ist sehr eng: Ich bin ihr erster Gastdirigent. Wir kennen uns gut, deshalb wird die Aufführung mehr eine groß besetzte Kammermusik. Aber ich gebe zu: Die Nr. 4 und dem „Emperor-Konzert“ Nr. 5 ohne Dirigent ist heikel.

Worin besteht die Schwierigkeit?

Ich nehme das Tempo im „Emperor“-Konzert freier. Aber das ist kein Problem, da wir es schon öfter zusammen gespielt haben. Das Konzert Nr. 4 mache ich in München zum ersten Mal ohne Dirigent. Und da ist der zweite Satz schwierig, weil da das Orchester einsetzt, während der Pianist noch spielt.

Wie lösen Sie das Problem?

Die Academy spielt allein.

Der Satz soll angeblich Orpheus und die Furien darstellen. Ist das wichtig für Sie?

Das ist eine gute Beschreibung für das, was in dem Satz passiert. Aber es ginge meiner Ansicht zu weit, das ganze Konzert als Vertonung des Orpheus-Mythos zu verstehen. Möglicherweise liegen Beethovens Musik teilweise poetische Inhalte zugrunde. Aber ich finde viel interessanter, mit welcher Frische Beethoven seine Themen behandelt. Immer ereignet sich etwas Unvorhersehbares – wie bei Mozart, dessen Einfluss bei den frühen Konzerten oft betont wird, den ich bei den späten untergründig aber viel stärker wahrnehme.

Im englischen Sprachraum gilt die Nr. 5 als „Emperor“-Konzert. Ist dieser Name zutreffend?

Der Name geht auf Beethovens Zeit zurück. Keine Frage, das Konzert ist ein heroisches Stück, das mit der zeitweisen Bewunderung Napoleons durch den Komponisten zu tun hat. Und es steht in Es-Dur, wie die „Eroica“. Daher passt es.

Wie wichtig ist Virtuosität bei diesen Konzerten?

Im fünften gibt es viele brillante Passagen und Läufe. Aber sie sind Teil des Dramas. Virtuosität ist bei diesen Konzerten kein Selbstzweck, sondern ein Weg, mit dem sich das Klavier musikalisch vom Orchester abgrenzt: wie Menschen, die über ein bestimmtes Thema aus verschiedenen Sichtweisen debattieren. Und einer davon, der Pianist, ist ein besonders brillanter Geist.

Beethoven wollte sehr schnelle Tempi. Wie stehen Sie dazu?

Ich sympathisiere mit der historisch informierten Richtung. Aber man sollte die Metronomangaben nicht wie Glaubensartikel behandeln. Die schnellen Tempi der Hammerklaviersonate sind übertrieben. Aber sie zeigen, was Beethoven hasste: Pomp und noble Langsamkeit.

Warum variieren Sie das Tempo innerhalb der Sätze?

Beethovens Musik ist vorwärtsdrängend, aber nicht verrückt schnell. Mir geht es um Flexibilität: Wenn sich die Harmonik von der Grundtonart weit entfernt, kann man diese musikalischen Strukturen mit Hilfe des Tempos abbilden.

Sie haben die Konzerte zum ersten Mal 1985 mit Bernard Haitink aufgenommen. Hat sich Ihre Deutung seither verändert?

Genau kann ich das nicht beschreiben. Ich glaube, dass ich heute freier spiele und die Musik Beethovens heute dramatischer sehe. Auch der große Zusammenhang ist mir heute wohl wichiger. Doch das ist mehr ein unbewußter Prozess.

Gasteig, Mi. und Fr. 20 Uhr, So. 15 Uhr, Restkarten für Mi und Fr. an der Abendkasse ab 19 Uhr und unter Telefon 93 60 93

 

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