Montreux Jazz Festival: John Legend und Co. verzichten auf hohe Gagen

Das Montreux Jazz Festival kann mit den Gagen der großen Open-Air-Giganten nicht mithalten - und trotzdem reisen Weltstars wie John Legend, Deep Purple oder Nick Cave an. Festivalchef Mathieu Jaton erklärt im Interview, warum das Festival bewusst ein Gegenmodell zur Konzertindustrie ist.
(ili/spot) |
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John Legend kehrt nach 2007 und 2022 in diesem Jahr zum Montreux Jazz Festival zurück.
John Legend kehrt nach 2007 und 2022 in diesem Jahr zum Montreux Jazz Festival zurück. © ddp/abaca/Loona

Das Montreux Jazz Festival feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Festivaldirektor Mathieu Jaton (51) macht im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news deutlich, dass sich das Festival am Genfersee bewusst der Logik der modernen Konzertindustrie entzieht. Während andere Veranstaltungen täglich 50.000, 80.000 oder sogar 100.000 Besucher anziehen, fasst die größte Halle in Montreux nur rund 4.000 Menschen.

Mit den Gagen, die große Open-Air-Festivals zahlen können, kann Montreux nicht mithalten. Und doch kommen Weltstars immer wieder an den Genfersee - in diesem Jahr etwa der US-amerikanische EGOT-Gewinner John Legend (47) am 9. Juli oder der britische Musiker Sting (74) am 4. Juli.

Nicht das Geld entscheidet

"Wir können die Gagen vieler Künstler schlicht nicht bezahlen. Trotzdem kommen sie nach Montreux. Nicht wegen des Geldes, sondern weil sie Teil der Geschichte und Legende des Festivals sein wollen", erklärt Jaton. Für viele sei Montreux kein gewöhnlicher Tourtermin: "Sie kommen hierher, nehmen sich Zeit, entspannen sich, treffen andere Musiker, machen vielleicht eine Jam-Session."

Im Musikgeschäft erkennt Jaton zwei gegenläufige Entwicklungen: "Auf der einen Seite stehen riesige Unterhaltungsproduktionen, Stadiontourneen und große Open-Air-Shows. Auf der anderen Seite stehen Künstler, die bewusst die Nähe zum Publikum suchen und Musik in intimer Atmosphäre erleben möchten." Montreux gehöre eindeutig zur zweiten Kategorie.

Lewis Capaldi, Raye und die Rückkehrer

Als Beispiel nennt Jaton Lewis Capaldi (29). Der schottische Singer-Songwriter füllt große Hallen und Stadien, wollte aber unbedingt nach Montreux zurückkehren. "Als wir sein Management kontaktierten, war unser Angebot deutlich niedriger als andere Angebote. Trotzdem sagte er sofort zu, weil er bereits vor sieben Jahren hier aufgetreten war und dem Festival etwas zurückgeben wollte", berichtet der Festivalchef. Capaldis Auftritt findet am 14. Juli statt.

Ähnlich verhalte es sich mit der britischen R&B- und Pop-Sängerin Raye (28). "Eigentlich ist sie inzwischen fast zu groß für uns geworden", so Jaton. "Aber wir haben sie gefragt, ob sie zum 60-jährigen Jubiläum die Eröffnung frei gestalten möchte. Solche kreativen Freiheiten können wir bieten - und genau das schätzen die Künstler." Für die Opening Night am 3. Juli ist sie als "Raye & Special Guests" angekündigt.

Eine Familie am Genfersee

Dass Weltstars das "sehr familiäre" Montreux Festival schätzen, zeigt für Jaton auch das Beispiel der britischen Rockband Deep Purple. Die Band war 1971 in Montreux, um das Album "Machine Head" aufzunehmen. Während dieser Zeit brannte das Casino ab - das Ereignis inspirierte die Musiker zu "Smoke on the Water", heute gewissermaßen die Hymne des Festivals. Nach der aktuellen Buchung habe die Band gefragt, ob sie mit ihren Familien noch drei zusätzliche Tage bleiben könne, um den See und die Umgebung zu genießen.

Für viele kommerzielle Festivals wäre das wohl keine Option. "Wir sind jedoch eine Stiftung und verfolgen nicht in erster Linie wirtschaftliche Ziele", erklärt Jaton. Natürlich koste das Geld, "aber Deep Purple hat Montreux so viel gegeben, dass ich auf eine solche Anfrage niemals mit Nein antworten würde".

Warum es trotzdem Jazz Festival heißt

Dass die Hymne des Festivals ausgerechnet ein Rockklassiker ist, passt für Jaton ins Bild. "Wenn man darüber nachdenkt, ist das eigentlich verrückt: Die Hymne eines Jazzfestivals ist einer der berühmtesten Rocksongs aller Zeiten", sagt er. Offen für unterschiedliche Musikrichtungen sei Montreux schon immer gewesen - diese Haltung gehe auf Gründer Claude Nobs (1936-2013) zurück, der bereits Anfang der 1970er-Jahre das Spektrum seines Festivals um Latin-Musik und viele andere Genres erweitert habe.

Der Name bleibt für Jaton dennoch berechtigt. "Wenn man sich das Programm genauer anschaut, erkennt man aber einen roten Faden: den Geist des Jazz", erklärt er. Dieser Geist zeige sich in den Künstlerinnen und Künstlern - unabhängig davon, ob sie Rock, Pop, Hip-Hop oder Electro machten.

Bühne für die Stars von morgen

Der Verzicht auf das ganz große Geschäft eröffnet dem Festival nach Jatons Worten auch eine besondere Freiheit. Weil jeder Abend separat verkauft werde, könne Montreux auch Künstlern eine Bühne geben, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. So sei es bei Oscarpreisträger Sam Smith (34) gewesen: "Als Sam Smith vier Grammys gewann [Februar 2015], spielte er bei uns in einem kleinen Saal [Juli 2015]. Nach dem Konzert sagte er zu mir: 'Ich bin so dankbar, denn erstens trete ich in Montreux auf, und zweitens in dieser kleinen Halle, in der ich mich sehr wohlfühle.'" Es gehe also wirklich darum, sich ein wenig vom Musikgeschäft abzugrenzen. "Es geht nicht darum, sich gegen das Musikgeschäft zu stellen, ganz und gar nicht, sondern einfach darum, etwas Abstand zu gewinnen und dem Künstler ein wenig etwas anderes zu bieten", sagt der Schweizer Kulturmanager und Festivalleiter seit 2013.

Genau diese Nähe zwischen den Künstlern und ihrem Publikum will Mathieu Jaton bewahren. "Gerade in einer Branche, in der alles immer schneller, größer und teurer wird, braucht es Orte wie Montreux", sagt er. Sein Ziel sei klar: "Montreux soll eine Oase bleiben."

Fotoband zum Jubiläum

Die Jubiläumsausgabe des Montreux Jazz Festivals findet von 3. bis 18. Juli statt.

Anlässlich des Geburtstags präsentierten Mathieu Jaton und der Fotograf Anoush Abrar (50) Mitte Juni in München den Bildband "The Elegance of Time - Montreux Jazz Festival by Anoush Abrar". Zu sehen sind darin rund 150 intime Backstage-Porträts von Festivalgrößen wie Grace Jones, Quincy Jones, Santana oder Seal sowie 30 begleitende Geschichten, die das hektische Treiben und die Magie hinter den Kulissen einfangen.

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Agentur spot on news. Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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