Mit Gustavo Dudamel in München

Schauerneigung in klarer Bergluft Gustavo Dudamel und die Wiener Philharmoniker mit Brahms im Gasteig
| Robert Braunmüller
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Gustavo Dudamel als Dirigent der Wiener Philharmoniker, hier beim Neujahrskonzert von 2017
dpa Gustavo Dudamel als Dirigent der Wiener Philharmoniker, hier beim Neujahrskonzert von 2017

Das hätte aufregend werden können. Einerseits Gustavo Dudamel, der ehemalige Geiger eines Jugendorchesters und venezolanischer Nationalheld. Das Symbol eines Traums, dass man sich aus dem lateinamerikanischen Slum nicht nur durch Fußball, sondern auch mit Klassik hocharbeiten kann. Andererseits die traditionsreichen Wiener Philharmoniker, deren Ur-Ur-Großväter von Johannes Brahms persönlich erklärt bekamen, wie seine Musik zu klingen habe.

Aber leider dekorierte Dudamel nur das Gastspiel des berühmtesten Orchesters der Welt im ausverkauften Gasteig. Man fühlte sich an die von Richard Strauss überlieferte Anekdote erinnert, bei der ein Passant einen Wiener Philharmoniker fragt, was der berühmte Virtuose heute Abend dirigieren würde. „Was er dirigiert, wissen ma net, aber wir spiel’n die Achte“, war die Antwort.

Interpret ohne Interpretation

Im Gasteig spielten die Wiener ihren Herzenskomponisten Brahms, ohne sich von Dudamel groß stören zu lassen. Los ging es mit der Akademischen Festouvertüre. Warum nur? Als Hommage an die Machtübernahme der Burschenschaftler in Österreich? Eine künstlerische Begründung für die Wahl dieses Nebenwerks war nicht zu erkennen. Der wie ein zu volles Bierglas überschäumende Jubel dieses Potpourris studentischer Sauflieder stellte sich kaum ein.

Die Wiener Philharmoniker prunkten dafür mit einem kantablen Mezzoforte, das Münchner Orchester so schön auch am Sonntag und bei Sonnenschein nie hinbekommen. In der Nr. 4 der Haydn-Variationen gab es ein Nebeneinander der Bläser, aber kein echtes kammermusikalisches Zusammenspiel. Die Wiederkehr des Themas strahlte eher stumpf.

Klangwunder der Flöten

Im zweiten Satz der Symphonie Nr. 1 glänzten die rohrige Wiener Oboe, die speziellen Hörner und der seidige Klang des Orchesters. Aber Dudamel gestaltete nichts. Er gab das Tempo vor, die Musiker guckten in die Noten. Das Finale steigerte sich nicht als interpretatorische Entscheidung oder als von Dirigenten nachgezeichnete kompositorische Entwicklung, sondern lediglich durch den Einsatz der Posaunen, die in den Sätzen davor schweigen.

Mittendrin geschah ein Wunder, als die Flöten den Alphorn-Choral der Hörner im Forte wiederholten: rein und klar wie die Bergluft auf 3000 Meter Höhe. Das schaffen nur die Wiener Philharmoniker. Ihren Anteil am Konzert stellte der Dirigent beim Schlussapplaus als Rosenkavalier gerechterweise gebührend heraus. Dann Zugaben von Leonard Bernstein und Johann Strauss. Da war zu ahnen, wo Dudamels Stärken liegen: kaum bei Brahms, eher bei Mahler und der klassischen Moderne.

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