Mehr Politik war nie: Das Wiener Neujahrskonzert unter Yannik Nézet-Séguin
Seit 1997 erst können auch weiblich gelesene Personen Mitglied der Wiener Philharmoniker werden. Kaum weitere 30 Jahre dauerte es, nämlich bis letztes Jahr, bis erstmals ein Werk einer Komponistin in das Programm des Neujahrskonzerts aufgenommen wurde. Mit Josephine Weinlich und Florence Price sind es Anfang 2026 nicht nur gleich zwei Tonsetzerinnen, die zu Gehör kommen. Letztere Komponistin, für deren Werk sich der Dirigent Yannick Nézet-Séguin schon seit geraumer Zeit mit Verve einsetzt, war zudem auch Afro-Amerikanerin.
Damit sind die Bemühungen um Diversität im Musikbetrieb bei einem längst fälligen Aspekt angekommen, nämlich demjenigen der ethnischen Zugehörigkeit, verbunden mit der Frage sozialer Ausgangsbedingungen. Die Polka „Sirenen-Lieder“ von Josephine Weinlich, einer Musikerin, die im Wien des 19. Jahrhunderts wirkte, ist ein reizvolles Genrestück, das aus dem üblichen Repertoire der Wiener Neujahrskonzerte nicht heraussticht.
Anders verhält es sich mit dem „Rainbow Waltz“ von Florence Price (1887 - 1953), mit dem die Philharmonikerinnen und Philharmoniker großzügig demonstrieren, dass man auch anders walzern kann als wienerisch, und harmonisch nicht weniger raffiniert: titelgemäß bunt wie der Regenbogen, dem internationalen Zeichen für Toleranz und Vielfalt. So politisch war das prestige- und finanzträchtige Unternehmen „Wiener Neujahrskonzert“, das in gut 150 Länder übertragen und von 50 Millionen Menschen gesehen wird, im Verlauf seiner mittlerweile über 80-jährigen Geschichte lange nicht mehr - wohlgemerkt im guten, menschenfreundlichen Sinne.
Aufmunternde Impulse
Und die ästhetische Dimension? Wie spielen die Wiener Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin, der heuer zum ersten Mal zu diesem Anlass eingeladen wurde? Der Kanadier schlägt kaum den Takt, dirigiert weniger, als dass er - übrigens durchweg auswendig - aufmunternde Impulse gibt: Mit geschlossenen Augen wiegt er sich, genießerisch lächelnd, wenn in der Ouvertüre zu „Indigo und die vierzig Räuber“ die betörenden Wiener Hörner zu singen beginnen, hält beim „Egyptischen Marsch“ den Stab wie eine Pinzette und erzielt mit dieser Gestik immaterielle Pianissimo-Effekte, macht in der „Fledermaus-Quadrille“ die jeweiligen Ausdruckswerte mimisch vor.
Kurzum: In allen diesen drei Stücken von Johann Strauß Sohn vermittelt Yannick Nézet-Séguin den Eindruck, dass er gerade an keinem anderen Ort der Welt mehr Spaß haben könnte als auf der Bühne des Wiener Musikvereins. Dazu passt, dass er wie schon länger kein Neujahrs-Dirigent mehr zu allerlei Schabernack bereit ist. Im „Kjöbenhavns Jernbane-Damp-Galop“ von Hans Christian Lumbye bedient er nicht nur die Trillerpfeife, sondern hält auch, strahlend wie ein Kind, das Eisenbahner spielt, verschiedene Signalkellen hoch: eine grüne, wenn das Stück an Fahrt aufnimmt, eine rote, wenn es am Ziel angekommen ist.
Sanft vermitteln
Klanglich fällt im Walzer „Donausagen“ von Carl Michael Ziehrer oder in der Ouvertüre „Die schöne Galathée“ von Franz von Suppé die extreme orchestrale Delikatesse und Duftigkeit auf, eine Tendenz, die, wie oft bei diesem Dirigenten, mit einer gewissen rhythmischen Nachgiebigkeit einhergeht.
Der 50-jährige Kanadier ist nicht der Typ, der ein Tempo mit Strenge einhält. Auch ist das Tutti des Orchesters weniger stolz und zeigefreudig, sondern, etwa im Walzer „Frauenwürde“ von Josef Strauß, durchlässig, freundlich, ja, bisweilen gar bescheiden. Diese seine verbindliche Art dürfte ein Stück weit auch Programm sein: hilft sie doch, die unleugbare politische Dimension sanft zu vermitteln anstatt sie plakativ durchzusetzen.
Für die obligatorische Zugabe verlässt Yannick Nézet-Séguin sogar die Bühne, begibt sich dirigierenderweise ins Parkett, ist den Menschen im Goldenen Saal ganz nah - und vermag sie so auf seine humanistische Mission mitzunehmen.
Das Neujahrskonzerts erscheint am 16. Januar als CD bei Sony Classical
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