Interview

"Dreiviertelblut - Weltraumtouristen" : Lustig und schön traurig

Der Musikfilm "Dreiviertelblut - Weltraumtouristen" kommt in die Kinos.
| Volker Isfort
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Gerd Baumann ist aus dem All zurückgekehrt und trifft in einer Waldhütte Sebastian Horn. Damit sind schon ein Drittel von Dreiviertelblut beisammen.
Südkino Filmproduktion Gerd Baumann ist aus dem All zurückgekehrt und trifft in einer Waldhütte Sebastian Horn. Damit sind schon ein Drittel von Dreiviertelblut beisammen.

Für den niederbayerischen Krimi "Sau Nummer vier" dachte sich Filmkomponist Gerd Baumann vor zehn Jahren ein paar Songs aus, die wie Volksmusikklassiker klingen sollten. Bananafishbones-Sänger Sebastian Horn schrieb Texte dazu und legte seine dunkle Gothic-Stimme über die Songs. So entstand ein Soundtrack, der letztlich nachhaltiger wirkte als der Film von Max Färberböck, denn immer mehr Menschen wollten diese Musik hören.

Baumann und Horn gründeten Dreiviertelblut und fügten der Volksmusik eine große Prise schwarze Poesie hinzu. Nun hat Marcus H. Rosenmüller, zu dessen Filmen Gerd Baumann stets die Musik beisteuert, einen Musikfilm über die Band gedreht. "Dreiviertelblut – Weltraumtouristen" ist der fantasievolle Versuch, die kreative Magie der Band einzufangen.

AZ: Herr Baumann, Sie haben im Juli mit Dreiviertelblut wieder ein paar Konzerte geben können, wie war die Erfahrung?
GERD BAUMANN: Ganz allgemein ist doch jeder ausgehungert, wieder ein bisschen Normalität zu haben und gemeinsam mit anderen Menschen ein Erlebnis zu teilen. Das ist ja das, was uns Menschen ausmacht. Ich habe erst nach dreieinhalb Monaten Konzertpause gemerkt, wie sehr mir das gefehlt hat. Das war am Anfang, in der Phase der kollektiven Angst, nicht so. Da gab es bei mir allerdings noch eine viel größere Hoffnung auf eine positive Nachwirkung des erzwungenen Stopps. Ich hatte gedacht, wir würden als Gesellschaft jetzt viel mehr darüber reflektieren, wie wir wirklich leben sollten.

Diese Hoffnung hat sich schon eingetrübt?
Leider ja, weil man merkt, wie stark der Wunsch ist, wieder in die Vor-Corona-Zeit zurückzukehren, samt allen Fehlern. Ich habe ja selber gemerkt, dass mein Leben eigentlich vorher zu schnell war, mit zu vielen Projekten und Terminen. Der Wachstumsgedanke ist unser Grundproblem: Alles muss immer besser und größer werden. Aber wie soll man so jemals das Gefühl der Zufriedenheit erreichen?

Im Film sieht man, dass es ein Wunschtraum von Ihnen und der Band war, im Circus Krone zu spielen. Genügt das, oder müssen Sie demnächst die Olympiahalle füllen?
Ehrlich gesagt, mache ich mir darüber keine Gedanken. Man macht sich dann erst Gedanken über die Entwicklung einer Band, wenn keiner sie mehr hören will. Am besten sind die Konzerte ohnehin, wenn wir alle um einen Tisch herum sitzen und akustisch spielen. Es klingt nie besser. Aber leider kann man das nie auf eine Halle übertragen.

"Weltraumtouristen" ist kein Konzertfilm und keine herkömmliche Doku über eine Band. Wie kam es zu diesem leicht spinnerten Ansatz?
Auf meinen gemeinsamen Lesungen mit Rosi haben sich im Laufe der letzten zehn Jahre sehr viele Geschichten entwickelt, die ich immer weiter ausführe. Ein Zweig davon ist meine Karriere als Astronaut bei der Nasa, und es war naheliegend, dass wir mich im Film in den Astronautenanzug stecken, weil ich im vom Weltall zurück in die Waldhütte komme.

Man sieht Sie auch bei irdischen Problemen mit Sänger Sebastian Horn: Eine Textzeile gefällt Ihnen nicht.
Wie sind ein gutes Team, der Sebastian und ich, auch weil wir uns nicht schonen und uns sehr direkt sagen, wenn uns etwas nicht gefällt. Sebastian bezeichnet sich ja selbst nicht einmal als Musiker, dem muss man jetzt nicht mit Noten kommen oder schwierigen Intervallsprüngen, aber er hat einen sehr intuitiven Zugang zu den Liedern.

In fröhlichen Zeiten ist die Dreiviertelblut-Schwermut ja ein großer Kontrast. Müssten Sie in diesen schwermütigen Zeiten nicht fröhlicherer Musik machen?
Ich glaube nicht. Wir versuchen das Programm ja so zu gestalten, dass wir es selber emotional packen. Die Mischung aus schweren und tanzbaren Stücken, in denen man ein bisschen Dampf ablassen kann, ist uns selber wichtig. Wir wissen schon, dass wir live nicht nur diese Angststücke oder politisch schwere Stücke wie den Song über Elser machen können. Wir sind ja keine Band, die sich einen besonderen Moralanspruch auf die Fahne schreibt. Es soll uns gefallen, und wenn es dann auch noch anderen gefällt, dann ist es herrlich.

In diesem Monat ist eine große Studie veröffentlicht worden, nach der Menschen vor allem die Musik mögen, die von Künstlern stammt, die ihnen charakterlich ähnlich sind. Wie ist denn der Charakter von Dreiviertelblut?
Schwierig zu beantworten, aber ich würde sagen, wir sind verletzlich, lustig und schön traurig.

Und bayerisch?
Wir werden häufiger gefragt, warum wir Bairisch singen. Aber warum sollte Sebastian nicht so singen, wie er spricht? Menschen, die normalerweise keinen Dialekt sprechen, tun dies in emotionalen Ausnahmesituationen, dann schießt der Dialekt durch. Das macht was mit einem. Sebastian verhält sich anders, wenn er in seiner Ur-Sprache singt. Sein Timbre ist auch ganz anders, wenn er mit den Bananafishbones Englisch singt.

Der Film stellt auch die Frage nach dem integren Künstler. Was ist denn integre Musik?
Darüber rede ich viel mit meinen Studenten an der Musikhochschule. Ob sich etwas echt anfühlt, kann nur jeder für sich selbst beantworten. Wenn ich ehrlich bin, meine ich, was ich sage. Beim komponieren ist das auch nicht anders. Man kann sich auf den "so tun als ob Modus" stürzen, meinetwegen so spielen wie sein Idol, oder man kommt an den Punkt, wo das, was man spielt und das, was man ist, zusammenfällt. Ein Schriftsteller hat mal gesagt, wenn du willst, dass bei der Lektüre deines Buches die Leser weinen, musst du erst mal selber weinen beim Schreiben.

In "Weltraumtouristen" philosophieren Sie über Kunst: Wir machen nicht Kunst, damit sich die Menschen Fragen stellen, sondern im Gegenteil, damit man von den wirklichen Fragen abgelenkt ist.
Jede Art von Beschäftigung, die über die bloße Nahrungsbeschaffung und Fortpflanzung hinaus geht, ist ja eine Art von Abwehrreaktion oder Übersprungshandlung, damit wir nicht durchdrehen. Wir erfinden uns alle möglichen Geschichten, spielen Musik, schreiben Bücher, damit wir kollektiv beschäftigt sind und nicht verrückt werden. Ein Blick in den Sternenhimmel zeigt doch: Wenn man sich wirklich bewusst macht, wo wir eigentlich sind in diesen Weiten, dann ist das ein existenzielles Erlebnis, das man erst einmal verkraften muss.

Wie weit beeinflusst ihre Arbeit als Filmkomponist die Arbeit mit Dreiviertelblut?
Es ist schon hilfreich, wenn man ein bisschen Erfahrung hat mit atmosphärischer Musik und auch für andere Instrumente schreiben kann.

Sie arbeiten gerade am Soundtrack zum Film "Rotzbub", wovon handelt der?
Das ist eine österreichisch-bayerische Koproduktion, ein Animationsfilm über die Kindheit von Manfred Deix. Alle Figuren in dem Film sind im Deix-Stil animiert, eine phantastische Arbeit. Der Film beschränkt sich auf die 60er Jahre und zeigt Deix in einem Dorf, in dem noch sehr viele Alt-Nazis leben, die sich an einem Sinti- und Romalager im Ort stören. Es geht um Ausgrenzung und Ausländerhass, was diesen Film leider auch sehr aktuell macht.

Regie: Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser (Bay 87 Min.). Kino: Cincinnati, Cinemax, City, Sendlinger Tor, Kino Solln, Leopold, Mathäser, Monopol, Neues Maxim, Rio Filmpalast; live spielen Dreiviertelblut am 12. August im Innenhof des Deutsches Theaters

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