Interview

Livestream-Konzerte aus der Pasinger Fabrik: Aus der Not zur Lösung?

Die Kunst in Zeiten von Corona musste lernen, sich anders zu präsentieren. Aber an der Frage des Streamings hängen viel mehr Probleme, als man denkt.
| Adrian Prechtel
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Dimitri Lavrentiev, Takeo Sato, Klaus Wladar - alle mit klassischer Gitarre.
Dimitri Lavrentiev, Takeo Sato, Klaus Wladar - alle mit klassischer Gitarre. © Pafa

München - Der erste Lockdown kam schnell und plötzlich. Vom Publikum abgeschnitten versuchten viele Künstler, ihre Präsenz ins Netz zu verlagern.

Die Pasinger Fabrik - mit ihren Ausstellungen, Theaterstücken und Konzerten - hatte schon Ende März begonnen, ein schnell entworfenes Konzertprogramm live zu streamen und dafür auch die Abendzeitung gewonnen. Jetzt, im zweiten Lockdown, gibt es noch einmal zwölf Konzerte - und alles hat sich verändert: die Technik, die Qualität, das Publikum. Ein Interview mit Thomas Linsmayer von der Pasinger Fabrik.

AZ: Herr Linsmayer, man denkt ja, Veranstaltungen zu streamen ist kein Hexenwerk und geht billig her: Webcam, Mikro plus Internet.
THOMAS LINSMAYER: Das ist der große Irrtum, auch wenn es am Anfang genau so losging. Künstler und Publikum waren erst einmal glücklich, dass es irgendwie weiterging. Aber bald hat man gemerkt: So funktioniert es nicht. Weder finanziell noch ästhetisch.

Thomas Linsmayer: "Es gibt ein viel zu großes kostenloses Angebot"

Weil im Netz schwieriger Eintritt verlangt werden kann?
Das auch. Anfangs haben die Zuschauer im Netz durchaus auch gespendet, wenn man dazu aufgerufen hat. Es gab diese Solidarität. Aber das kann man nicht mit einer Tournee vergleichen, wo man jeden Abend eine feste Gage hat. Und wenn man als Künstler alles kostenlos ins Netz stellt, ruiniert man sich letztlich. Deshalb sind ja auch Bezahlplattformen entstanden, wo man eine virtuelle Eintrittskarte als Zugang kaufen muss. Die Staatsoper macht das, wenn man die live noch kostenlose Aufführung Tage später erneut sehen will. Große Institutionen, die schon immer Konzerte aufgenommen haben, tun sich da leichter. Auch jemand wie die Sopranistin Simone Kermes, die ein Livekonzert auf der Plattform "dreamstage" veranstaltet hat. Aber kleinere und mittlere Institutionen tun sich schwer, ein Publikum zu finden, das auch noch zahlt. Es gibt ja ein viel zu großes kostenloses Angebot.

Weil Sie die Technik nicht haben?
Uns war es anfangs nicht klar, was Streamen doch für einen technischen Aufwand bedeutet. Live hat man den Künstler, einen Tontechniker, einen Beleuchter und noch jemanden am Einlass. Für eine gute Aufzeichnung hat man noch mindestens zwei Kameraleute im Theater und auch bei vielen Konzerten noch einen Bildregisseur. Im Theater wird das besonders viel revolutionieren, weil man ja jetzt oft zwei Regisseure braucht: den für die Bühneninszenierung und den für die Bildregie. Man muss jetzt ja beides denken. Und wenn man nicht live streamt, braucht man auch noch zusätzlich die ganze Studiotechnik: Schnitt, Tonmischung, Bildmischung. Das dauert zwei bis drei Tage, die Künstler gehen da ran wie bei einer Studioaufnahme und spielen alles ein paar Mal, bis es perfekt ist. Man kann sich also vorstellen, wie teuer alles wird. Und die Künstler sind damit ja auch noch nicht bezahlt. Da werden viele Institutionen nicht dauerhaft mitmachen können.

"Eine bearbeitete und erst dann gestreamte Aufnahme hat eine höhere Qualität"

Aber geht es im Lockdown nicht gerade fürs Publikum darum, live dabei zu sein?
Ja, deshalb muss man eben auch eine Ausstrahlung einer vorgefertigten Aufnahme wie ein tagesaktuelles Ereignis terminieren und limitieren. Aber eine bearbeitete und erst dann gestreamte Aufnahme hat eine höhere Qualität. Und das wollen viele Zuschauer, damit sie überhaupt dranbleiben. Und viele Künstler wollen es, damit nichts Halbgares im Internet kursiert.

Wie haben denn die Künstler die Zeit ohne Publikum empfunden, wenn sie vor einer Kamera auftreten?
Bei live gestreamten Auftritten habe ich oft eine besonders große Nervosität und Anspannung gespürt: Man weiß, nur das jetzt und das eine Mal zählt, aber das Publikum als Gegenüber und Rückendeckung fehlt, obwohl man auch eine relativ große Zuschauermenge hat.

Thomas Linsmayer: Der 52-jährige Jurist und Kunsthistoriker ist seit 2001 Kurator in der Pasinger Fabrik.
Thomas Linsmayer: Der 52-jährige Jurist und Kunsthistoriker ist seit 2001 Kurator in der Pasinger Fabrik. © Simone Laubach

Und das Publikum?
Es gibt da zwei Gruppen. Das sind einmal diejenigen, die sich das Ereignis fest vornehmen und dann auch konzentriert zuschauen. Einige haben ihr Wohnzimmer mit Beamer aufgerüstet und schließen alles an die Stereoanlage an. Andere übertragen wenigstens das Handybild auf den Fernseher. Allein schon bei der Qualität, wie sich die Leute etwas anschauen, gibt es eine große Bandbreite. Wieder andere schauen halt mal kurz am Handy rein und haken das dann auch schnell wieder ab. Das ist ja auch einer der großen Unterschiede zum Live-Event: Ich kann schnell wieder raus oder konzentriere mich gar nicht so darauf.

Das könnte ja auch so sein wie bei einem Fußballspiel, das man sich mit Freunden anschaut.
Aber die meisten Kulturereignisse brauchen eine größere, durchgehendere Aufmerksamkeit, die zwischen Telefon, Kühlschrank, Bier und Toilette so nicht aufkommt.

"Viele Institutionen werden verstärkt zweigleisig fahren müssen"

Die Pasinger Fabrik hat ja auch ihre Ausstellungen als Rundgang ins Netz gestellt.
Aber natürlich gilt auch hier: Ein Kunstwerk sollte unmittelbar wirken. Große Häuser ergänzen ihre Rundgänge dann durch Möglichkeiten, wie ganz nah an ein Bild ranzoomen, oder gar in die Schichtung eintauchen zu können. Aber letztlich empfinde ich das nur als Inspiration und Ergänzung des wirklichen Besuchs.

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Was zur Frage führt, was passiert, wenn man wieder physisch überall hingehen kann?
Man kann ja fast alles im Netz anschauen. Aber die Leute gehen trotzdem ins Theater, in Museen. Und das wird auch wieder kommen.

Aber dass dann doch viele wegbleiben?
Das ist wahrscheinlich beim Kino viel heikler, wo sich viele jetzt mit Abos für Streamingplattformen eingedeckt haben.

Das Problem gibt es doch genauso bei Konzerten und Theatern.
Die Gefahr ist schon, dass sich die Leute entwöhnen. Gerade viele Ältere haben sich in der Corona-Zeit den digitalen Raum als Erlebnisraum neu erschlossen und ihn zu schätzen gelernt. Das wird dazu führen, dass viele Institutionen verstärkt zweigleisig fahren müssen. Aber das werden sich viele andere finanziell nicht leisten können. Dennoch glaube ich, dass der Hunger nach einem gemeinschaftlichen Live-Erlebnis eines der ganz starken Triebkräfte in uns Menschen ist.


Die Pasinger Fabrik streamt ihr nächstes Couch-Konzert am Freitag, 26. Februar, 20 Uhr, aufgenommen in der Wagenhalle unter www.pasinger-fabrik.de: Das Alegrías Guitar Trio zwischen Klassik und Unterhaltungsmusik.

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