Lindsey Stirling: Es fiedelt die Fee

Sie hat den Bogen raus: Die Geigerin Lindsey Stirling begeistert im Zenith.
| Michael Stadler
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Völlig losgelöst: Lindsey Stirling.
PGM Völlig losgelöst: Lindsey Stirling.

München - Wer sich von Kritik stoppen lässt, ist selbst schuld. Vor sieben Jahren, 2010, trat Lindsey Stirling in der fünften Staffel der Casting-Show "America’s Got Talent" auf. Als "Hip Hop Violinistin" firmierte sie dort bald, kam prima an, flog trotzdem im Viertelfinale raus. Begründung der Jury: "nicht gut genug". Und als Geigerin so ganz alleine lässt sich Las Vegas niemals erobern.

Was für ein böses Scheitern – Lindsey Stirling erinnert daran im Zenith und kommt zur Moral von der Geschicht‘: Wer Erfolg haben will, muss Niederlagen einstecken können. Immer wieder aufstehen! Ich mache keine Hallen voll? Lindsey lässt die Scheinwerfer zum Gegenbeweis ins Publikum hineinbrennen. Tobender Applaus.

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Nun ist das Zenith an diesem Abend eher angenehm gefüllt. Was aber wenig ausmacht, weil die 30-jährige Kalifornierin allein mit den Fans, die ihr online folgen, Las Vegas zum Platzen bringen könnte: Acht Millionen Fans haben ihren Youtube-Kanal abonniert, über eine Milliarde Mal wurde der Kanal aufgerufen. Ihre Alben, die Singleauskopplungen verkauften sich millionenfach. Ihr neues Werk "Brave Enough” landete auf Anhieb an der Spitze der US-Charts im Bereich Tanz/Elektronik und steht auch in anderen Ranglisten oben, wobei sie den üblichen Mix bietet: Geige bis zum Saitenbruch, darunter pumpende Beats, darüber ab und zu Gesang, nicht von Lindsey, sondern Stimmtalenten.

Im Live-Konzert sieht man die Gastmusiker auf der Leinwand, eine Sängerin namens Rooty beispielsweise, die als Videobild "Love is just a feeling" zum Retorten-Besten gibt, während Lindsey sich mit der keimfrei erotischen Anmut einer Cheerleaderin über die Bühne dreht und fiedelt, ohne dass die Geige jemals vom Kinn rutscht.

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Auf zwei Podesten hinter ihr thronen Drummer Drew Steen und Keyboarder/Knöpfchendreher Kit Nolan. Vier Tänzerinnen ermöglichen hübsche Choreographien zwischen Zirkus und Stepptanz. Zudem füttern Lichtblitze und Videoanimationen – Flammen, Schnee, Weltraum, Wald – das alltagsmüde Auge, erzeugen Westernambiente oder entführen nach Indien, ohne dass sich musikalisch viel verändert: Keltisch angehauchte Violinen-Musik trifft auf Pop, Dubstep, Hip Hop. Die Geige spielt die Melodie, wiederholt sie eine Oktave höher, eine Oktave tiefer.

An den Tod ihres Keyboarders Jason Gaviati erinnert Lindsey Stirling und widmet ihm eine rührende Ballade, solo an der elektrisch verstärkten Geige. Die Fans sind froh, dass sie ihren Star live sehen dürfen und einen Soundtrack erleben, der sich um Raffinesse wenig schert, aber ein gutes Gefühl erzeugt. Warum nicht? Als Pirouetten drehende Geigenvirtuosin mit Feen-Appeal hat Lindsey Stirling ihr Alleinstellungsmerkmal längst gefunden. David Garrett kann nicht tanzen. André Rieu ist, pardon, ein Opa. Da hat eine doch den Bogen raus, und die Kritiker dürfen ab in die Geigenkiste zum Nörgeln.

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