"Life" - die neue CD

Auf seinem neuen Album „Life“ bringt Igor Levit Klaviermusik von Bach, Schumann, Wagner, Liszt und Bill Evans zusammen
| Michael Bastian Weiß
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Der Pianist Igor Levit.
dpa Der Pianist Igor Levit.

In einem Konzert von Igor Levit kann man sich leicht vorstellen, dass man in die Frühphase einer unblutigen Revolution geraten ist. Schon von Anfang an liegt diese gewisse Spannung in der Luft, plötzlich wachsen die Energien körperlich spürbar an – bis sie Pianisten und Publikum erfassen und fast gewaltsam mitreißen.

Dazu passt, dass Levit auch politisch Stellung bezieht. So hatte er vor wenigen Monaten als einer der ersten Preisträger den „Echo“ zurückgegeben, aus Protest gegen die antisemitischen Texte einiger ebenfalls ausgezeichneten Popmusiker.

In diesem Lichte kann man Levits neue CD-Produktion „Life“ sehen, die in wenigen Tagen erscheint. Sie enthält als jüngsten Beitrag nicht zufällig das Stück „A Mensch“, einen Teil aus dem größeren Werk „Dreams“ des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski. Aus dem Jiddischen stammenden, meint „Mensch“ im Englischen nicht nur die Gattung, sondern ist ein herzlicher, quasi umarmender Ehrentitel.

Respektvolle Bearbeitungen

Das 2012 als Hommage an einen verstorbenen Freund entstandene Stück, in dem traurige wie gelöste Erinnerungen improvisatorisch zusammenfließen, kann man nicht ohne persönliche Involviertheit spielen. Levit stellt das so zart empfunden, gleichzeitig aber auch so klar strukturiert vor, dass „A Mensch“ zum Zentrum des Albums werden kann.

Die Auswahl der übrigen Werke mutet nicht weniger privat an, doch ist eine leitende Idee zu erkennen: In fast allen Fällen ist die Musik durch mehrere Hände gegangen, etwa in Form von respektgeleiteten Bearbeitungen. Ein freundschaftliches Moment stellt sich ein, weil Levit zeigt, wie Komponisten gleichsam zusammenhelfen. Ein Beispiel ist die Transkription der Chaconne d-moll von Johann Sebastian Bach durch Johannes Brahms für die linke Hand des Pianisten allein. Levit gelingt das Kunststück, die Huldigung gebührend gravitätisch zu entwickeln und dennoch die sogar leicht humorvolle Distanz zum Original durchscheinen zu lassen, die darin besteht, dass die Bearbeitung sozusagen nie ganz passen kann: Schließlich spielt die linke Hand ständig in der oberen, also rechten und damit falschen Hälfte des Flügels.

Klavier in der Kathedrale

Ein anderes Kunststück ist es, Franz Liszts Arrangements aus Richard Wagners Musikdramen „Tristan und Isolde“ und „Parsifal“ an keiner Stelle nach Klavierauszug klingen zu lassen. Seiner Fantasie und Fuge hingegen legte Liszt den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ aus der Oper „Der Prophet“ des von Wagner so schmählich behandelten Giacomo Meyerbeer zugrunde.

Das imposante Orgelwerk erklingt seinerseits in einer Bearbeitung von Ferruccio Busoni, die Levit Anlass gibt, den Flügel so überwältigend massiv zu behandeln, als ob er einen riesigen Kathedralenraum zu füllen hätte. Gerechterweise kommt auch der verdienstvolle Bearbeiter Busoni selbst mit seiner gewichtigen Fantasie nach Bach 253 sowie der zauberischen „Berceuse“ zu Wort. Für sich allein steht innerhalb dieses durchdachten und beglückend vorgetragenen Rezitals nur das letzte erhaltene Werk von Robert Schumann, seine grenzüberschreitenden „Geistervariationen“.

Hier richtet Levit seinen Blick ganz nach innen und entdeckt einen überirdischen Frieden, der sämtliche Revolutionen lange hinter sich gelassen hat.

CD: Igor Levit: „Life“, bei Sony. Am 25. / 26. Oktober wird Igor Levit um jeweils 20 Uhr im Herkulessaal mit dem BR-Symphonieorchester unter Franz Welser-Möst das Klavierkonzert Nr. 5 von Ludwig van Beethoven (Telefon 0800 5900 594). Am 25. November setzt er um 11 Uhr im Prinzregententheater seinen Beethoven-Zyklus fort: Telefon 811 61 91

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