Kurwenal als Isolde: Ludovic Tézier singt die Wesendonck-Lieder
Bei den Zugaben zeigt es sich, wie eine Sängerin oder ein Sänger zum Genre Kunstlied steht. Nimmt er (oder sie) das Genre für voll? Oder begreift er (oder sie) es primär als Vehikel zur stimmlichen Selbstdarstellung?
Ludovic Tézier entschied sich nach Abschluss des offiziellen Teils im gut besuchten Prinzregententheater für Wolframs „Blick ich umher“ und das Lied an den Abendstern aus Richard Wagners „Tannhäuser“. Die Rolle könnte er auf der Opernbühne problemlos singen, für einen Liederabend ist sein Deutsch hingegen nicht natürlich genug. Und bei aller Zuneigung zur kleinen Form liebt er es noch mehr, bei einem Liederabend die Möglichkeiten seiner opulenten Stimme vorzuführen.
Beides wurde zuvor bei Robert Schumanns „Stille Tränen“ und Wagners Wesendonck-Liedern deutlich. Letztere sind explizit für eine Frauenstimme komponiert. Wenn sie trotzdem von einem Bariton interpretiert werden, rückt das sonst etwas unterbelichtete Lied „Schmerzen“ ins Zentrum. Sonst ist der Gender-Transfer nicht sonderlich erhellend: Zwischen Kurwenal und Isolde klafft eine unüberbrückbare Lücke.
Robuste Stilistik
Téziers dunkle, erzerne und zugleich flexible Stimme erwies sich als ideal für die weitgeschwungenen Kantilenen von Franz Liszt und Henri Duparc im ersten Teil. Der 57-jährige Franzose steigerte die musikalische Entwicklung dieser Lieder klug und mit Effekt. Wenn er aus dem Vollen schöpfen kann, ist der Bariton in seinem Element. Wenn es jedoch darum geht, aus dem Forte wieder ins Piano zurückzugelangen, wird die Stimme schnell fahl und bisweilen auch brüchig.
Trotz eines dezidiert französischen, in der Höhe leicht nasalen Timbres klingen französische Lieder in seiner Deutung immer ein wenig nach Verdi, weil der Künstler am liebsten laut singt. Das macht ihn zu einem tollen Rigoletto oder Scarpia, für Kunstlieder hingegen scheint seine Stilistik ein wenig zu robust.

Es ist eine noble Geste des Respekts, den Pianisten der Liederabende der Staatsoper neuerdings ein Solo zuzubilligen. Julius Drake machte das Beste daraus: Der Brite spielte zwei „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und bestätigte den Eindruck, den sein Auftritt auch sonst weckte: Er setzt selbstbewusst auf fast orchestrale Opulenz und klangliche Wärme. Aber dabei spielt er sich nie in den Vordergrund und bleibt musikalischer Partner. Das macht ihn zu einem idealen Begleiter eines Interpreten, der das Lied letztendlich doch als kleinere Filiale des Operngesangs versteht.
Am 22. Juli um 20 Uhr singt Diana Damrau Lieder mit solistischer Klarinette (Andreas Schablas) im Nationaltheater, Restkarten, am 20. Juli interpretiert Christian Gerhaher den Zyklus „Elegie“ von Othmar Schoeck (einzelne Restkarten), am 27. Juli folgt die „Winterreise“ im Nationaltheater (Restkarten)
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