Interview

Künneke-Operette im Gärtnerplatz-Livestream: Ohne Kuss, mit Orgasmusorgel

Gärtnerplatz: Regisseur Lukas Wachernig über seine Neu-Inszenierung der Operette "Der Vetter aus Dingsda" von Eduard Künneke.
| Michael Bastian Weiß
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Der diskrete Charme der Siebziger: Daniel Gutmann in Eduard Künnekes Operette "Der Vetter aus Dingsda" im Gärtnerplatztheater.
Der diskrete Charme der Siebziger: Daniel Gutmann in Eduard Künnekes Operette "Der Vetter aus Dingsda" im Gärtnerplatztheater. © Christian Pogo Zach

München - Angefangen hat er am Gärtnerplatztheater als Regieassistent und Spielleiter. Doch seit einigen Jahren macht der gebürtige Obersteirer Lukas Wachernig mit eigenen Inszenierungen auf sich aufmerksam, zuletzt mit der konzentrierten und bildstarken Produktion der "Klugen" von Carl Orff. Am Donnerstag wird seine Inszenierung der Operette "Der Vetter aus Dingsda" von Eduard Künneke als Livestream aus dem Gärtnerplatztheater im Internet übertragen.

AZ: Herr Wachernig, wie probt man Operette in Pandemie-Zeiten?
LUKAS WACHERNIG: Natürlich anders. In 90, 95 Prozent aller Operetten sind Liebe und körperliche Nähe das zentrale Thema, und das ist in Pandemiezeiten schwierig, wenn es immer gilt, auf der Bühne die Abstände einzuhalten. Da ist die Herausforderung an das Regieteam, aber auch an die DarstellerInnen, andere Wege zu kreieren, wie man dennoch starke Gefühle auf der Bühne ausdrücken kann.

Lukas Wachernig: "Man merkt eine gewisse filmische Nähe"

Was sind das für Wege?
Wir haben viel mit Licht gearbeitet und dabei etwa auf Blendeffekte gesetzt. Wenn es also zu einem Kuss kommt, dann stehen die Personen zwar mit zwei Metern Abstand auf der Bühne, aber kriegen ein derartiges Gegenlicht, dass die Silhouetten, die von ihnen übrigbleiben, das Bild kreieren, als ob sie sich in den Armen liegen und küssen würden.

Das klingt nach filmischen Elementen, was ja gut zu Künneke passen würde, der viel Filmmusik geschrieben hat?
Ja, man merkt eine gewisse filmische Nähe, auch daran, wie einzelne Nummern in das Melodrama übergehen. Das erinnert jeden an eine Filmmusik, wo es eine Klangkulisse unter den Dialogen gibt. Diese Verwebung von Melodramen und dem Gesungenen können wir nutzen, um mit Elementen der Überzeichnung und speziellen Konturensetzung mehrere Ebenen in einer Szene zu schaffen und dennoch wiederum alle Abstände zu gewährleisten. Diese Distanz ist für das Stück selbst gar nicht so unvorteilhaft, weil die Figuren sich zueinander ja durchaus distanziert verhalten, besonders das Hauptpaar. Die haben sich ja über so viele Jahre hinweg nicht gesehen und wissen gar nicht mehr, wie sie ausgesehen haben.

Lukas Wachernig stellte sich  in der Spielzeit 2016/2017 mit der Inszenierung von Peter Schindlers Familienmusical "Zirkus Furioso" erstmals als Regisseur am Gärtnerplatztheater vor.
Lukas Wachernig stellte sich in der Spielzeit 2016/2017 mit der Inszenierung von Peter Schindlers Familienmusical "Zirkus Furioso" erstmals als Regisseur am Gärtnerplatztheater vor. © privat/Gärtnerplatztheater

Wie schafft man eine heile Welt, worum es in der Operette ja geht, wenn eine Krankheitsgefahr über allem schwebt?
Ich finde es spannend, dass diese Sehnsucht, die entsteht, wenn man über so lange Zeit keinerlei Kontakt haben kann, automatisch für uns alle zu einem Spiegel der derzeitigen Situation wird. Auch manche von uns können ja die Familie oder PartnerInnen länger nicht sehen, weil man zum Beispiel in einem anderen Land wohnt. Damals hat das Liebespaar aus "Der Vetter aus Dingsda" einen Kommunikationsweg gewählt, der sehr romantisch naiv sein mag, nämlich geschworen, jeden Abend in den Mond zu blicken und aneinander zu denken. So wissen die Liebenden, dass sie einander nahe sind. Heute würde man stattdessen wohl eher auf das Telefon blicken und einen Videoanruf machen. Aber auch das überbrückt die Zeit der Distanz. Die Motivation der Figuren ist dieses Wissen und die Hoffnung, dass man sich eines Tages wieder in die Arme fallen kann, und das ist auch eine schöne Metapher für die Situation unserer Zeit.

Wachernig vermeidet "direkte Anspielungen auf irgendeine Virussituation"

Die pandemische Situation ist also von Anfang an in die Inszenierung eingebaut?
Ja, wir wussten natürlich, dass diese Abstandsgeschichten und weitere Faktoren sind, die man einberechnen muss, weil die Vorgaben einfach so sind. Direkte Anspielungen auf irgendeine Virussituation habe ich aber tunlichst vermieden, weil ich finde, dass ein Theaterabend, auch, wenn er online stattfindet, prinzipiell dazu da ist, ein Publikum für ein paar Stunden in eine andere, vielleicht sogar bessere Welt zu entführen, und die Realität vergessen zu lassen. Außerdem soll die Inszenierung ja auch noch gezeigt werden können, wenn die Pandemie vorbei ist. Dafür war eine sehr kleinteilige, detaillierte Arbeit notwendig, um es so zu gestalten, dass es jetzt funktioniert, aber auch in zwei oder drei Jahren noch Sinn ergibt, ohne umproben zu müssen.

Wie kurzfristig mussten Sie die ursprünglichen Pläne aufgeben oder modifizieren?'
Dass die Premiere im Netz stattfindet, haben wir erst sehr kurzfristig erfahren. Aber im Team haben wir uns schon Gedanken gemacht, als im März diese Situation aufkam, in der Vorahnung, dass es sich vielleicht nicht bessern könnte. Da gab es dann zwei verschiedene Pläne, sodass wir sozusagen nur eine zweite Schublade aufmachen mussten, um trotzdem Lösungen zu finden, die von dem ursprünglichen Gedanken nicht allzu weit entfernt sind. Man muss ja auch auf die Gewerke abseits der Bühne Rücksicht nehmen, Kostüm, Requisite oder Technik, weil da die Mannschaften seit längerem verringert sind. Aber das haben wir durch eine Koordination der verschiedenen Abteilungen ganz gut unter Kontrolle gebracht.

Lukas Wachernig: "Die Reduktion passt perfekt zu dem Stück"

Wie sehr betreffen Reduzierungen das Orchester?
Es sitzen 15 Personen im Orchestergraben. Das Arrangement, das der musikalische Leiter, Andreas Kowalewitz, kreiert hat, ist eine wahre Wohltat. Die Reduktion passt perfekt zu dem Stück, das zusätzlich noch einmal eine Leichtigkeit verliehen bekommt, und ich finde, man vermisst überhaupt nichts - außer, wenn man in den Orchestergraben blickt. Aber rein akustisch braucht das Publikum keine Abstriche zu machen.

Auf der von Ihnen mitbegründeten "Wandelbühne" bringen Sie Theater einem jungen Publikum nahe. Wie macht man das mit der Operette?
Das ist natürlich eine andere Herausforderung. Aber wir arbeiten auf der "Wandelbühne" viel mit musikalischen Elementen, teilweise auch aus der Operette, setzen das aber immer in einen modernen Kontext, sodass sogar junge Leute sofort etwas damit anfangen können und mit Ohrwürmern nach Hause gehen.

In der "Wandelbühne" arbeiten Sie auch im künstlerischen Kollektiv. Geht das auch im Staatstheater?
Es ist natürlich an einem Staatstheater eine andere Arbeit. Die Erarbeitung des Regiekonzepts, die Umsetzung mit Bühnenbild, Kostümen, all das entsteht im gesamten Team, was ich auch enorm wichtig finde, weil jeder seine eigenen Ideen einbringt. Wir handhaben das so: Wenn wir wissen, welches Stück gemacht wird, setzen wir uns, ohne davor gesprochen zu haben, zusammen, und jeder wirft seine Ideen auf den Tisch. Es kristallisiert sich dann in der Gemeinschaft heraus, an welchem Konzept man festhält, weil auch wichtig ist, dass alle davon überzeugt sind, nicht nur der Regisseur. Wichtig ist zum Beispiel die Choreographie von Adam Cooper, damit Szenen und Dialoge unmerklich und fließend, durch einzelne Schritte, Gesten oder Mimiken ineinander übergehen können.

Wachernig zitiert Kultfilm "Barbarella"

Arbeiten Sie mit ironischer Brechung?
Das Stück ist ja jetzt doch hundert Jahre alt und neigt dazu, diesen altbekannten Operettenstaub aufzuwirbeln. Wir haben also versucht, Begriffe, die heutzutage nicht mehr gebraucht werden, zu adaptieren, die Texte für unser Sprachverständnis fließender zu machen. Wir haben auch Kürzungen vorgenommen, um die Geschichte in einer knackigeren Variante zu erzählen. Der Grundgedanke war: Die beiden Damen im Stück sind gerade volljährig geworden beziehungsweise stehen kurz davor und lehnen sich gegen ihre Eltern auf. Unsere Frage war nun: Welche Generation steht dafür, sich gegen die konservative Elterngeneration aufzubäumen? So kamen wir auf die 1960er Jahre. Im Finale gibt es ja diese große Märchensequenz. Wir hatten ein wenig Angst, an diesem Punkt in das klassische Operetten-Klischee abzurutschen, und uns deshalb dazu entschieden, das Zitat eines Kultfilmes hinzu zu nehmen. Konkret haben wir uns mit dem satirischen Science-Fiction-Film "Barbarella" von 1968 beschäftigt. Und so wird dieses Märchen als Barbarella-Zitat dargestellt.

Gibt es auch - wie im Film - eine Orgasmusorgel?
Die Orgasmusmaschine tritt bei uns natürlich verfremdet auf, aber es gibt Ufos, die über die Bühne fliegen. Weil wir die Inszenierung in den 1960er Jahren spielen lassen, kann man das vielleicht zuhause vor dem Bildschirm in Kombination mit einem Campari Orange und einem Toast Hawaii genießen.


Premiere als Livestream am 17. Dezember um 19 Uhr auf www.gaertnerplatztheater.de

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – mitdiskutieren Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren