Konzertsaal am Ostbahnhof: 43.700.000 Euro für gar nichts

Vor einem Vierteljahrhundert forderte der damals frisch zum Chefdirigenten ernannte Mariss Jansons vom Freistaat einen eigenen Konzertsaal für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Verschiedene Standorte wurden debattiert: der Marstall, der Finanzgarten, eine Fläche im Olympiapark.
Dank der Hartnäckigkeit des Dirigenten und einer lautstarken Minderheit konkretisierte sich das Projekt 2015 unter Horst Seehofer zu einem Beschluss des Kabinetts: Gebaut wird im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof, wo früher die Kultfabrik stand, heute ein Riesenrad steht und die "Mariss Bar" an den Dirigenten erinnert.
Immerhin, die Kultfabrik wurde abgerissen, bald nachdem das Orchester mit Jansons auf dem Dach für ein Foto posiert hatte. Jetzt befindet sich dort eine Brache. Kein Grundstein für den Saal wurde gelegt, kein Kieselstein ausgehoben. Nur eine Menge Geld wurde versenkt: Eine Anfrage der Abgeordneten Claudia Köhler von den Landtags-Grünen ergab nun, wie viel: 43,7 Millionen Euro, davon 520.000 Euro für Öffentlichkeitsarbeit und rund 5,5 Millionen für Mieten und Pachten, so das von Markus Blume geleitete Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Abstimmung mit dem Bauministerium.
Viel Planung für eine kiesige Brache
Zum Vergleich: Für den vom Freistaat in über zehn Jahren verschwendeten Betrag hat die Stadt München innerhalb von drei Jahren die hochgelobte Isarphilharmonie an der Hans-Preißinger-Straße errichtet. Gewiss, ein Provisorium und ein Ersatz für die zu sanierende Philharmonie im Gasteig, dessen ewig verzögerte, eine halbe Milliarde schwere Sanierung auch kein Ruhmesblatt darstellt. Aber die Isarphilharmonie steht. Und sie ist trotz unzureichendem Backstagebereichs ein funktionierender Konzertsaal.

Im Werksviertel hingegen steht: nichts. Und der Unterhaltungswert der 43 Millionen Euro war auch eher gering. Auf den Kabinettsbeschluss folgte ein Architektenwettbewerb, den im Oktober 2017 das angesehene Büro Cukrowicz Nachbaur Architekten aus Bregenz gewann. Das Projekt überzeugte nicht restlos. Aber es wurde munter geplant, Tateo Nakajima vom Büro Arup mit der Akustik beauftragt.
Davor wurde 2016 die Baufläche vom Pfanni-Erben Werner Eckart in Erbpacht erworben. Das kostet jährlich 592.000 Euro, was die 5,5 Millionen für Mieten und Pachten in der Antwort des Ministeriums erklärt. Der Vertrag kann übrigens erst nach 50 Jahren gekündigt werden. Das heißt: Wenn die Staatsregierung das Projekt morgen stoppt, werden außer den bisher ausgegebenen 43,7 Millionen noch einmal 26 Millionen Euro fällig.

Gleiche Qualität, halber Preis
Zwischenzeitlich äußerte der Haushaltsausschuss Bedenken, 2018 wurde das Riesenrad als Zwischennutzung aufgestellt, ein Jahr später starb Mariss Jansons, wiederum einige Planungsjahre später hieß es, die Kosten seien auf 1,3 Milliarden Euro gestiegen. Daraufhin verordnete Markus Söder "eine Denkpause" und gab die Parole "Hundert Prozent Qualität bei halben Kosten" aus. 2024 trat die Staatsregierung dann die Planung von Cukrowicz Nachbaur in die Tonne und zahlte die Preisträger von 2017 aus. Seitdem ist von einer "Redimensionierung des Projekts" die Rede, das von einem Generalunternehmer errichtet werden soll. Es wird auch nicht mehr von einem "Konzerthaus" gesprochen, sondern nur noch von einem "Konzertsaal" ohne kleineren Kammermusiksaal. Details sind allerdings nicht bekannt.

Bei einer Veranstaltung im Marstall kündigte Markus Blume im vergangenen Dezember einen Kabinettsbeschluss zum Konzertsaal für Januar 2026 an, der bislang nicht erfolgt ist. Später war informell vom Frühjahr die Rede, aber auch das geht langsam in den Sommer über. Eine Anfrage der AZ zum Stand der Dinge blieb in der letzten Woche unbeantwortet. Blume hat sich vor fünf Wochen mit Simon Rattle getroffen, dem Nachfolger von Mariss Jansons als Chefdirigenten des BR-Symphonieorchesters. Über ein gut gelauntes Instagram-Video hinaus wurde zum Inhalt der Gespräche nichts bekannt.
Kein Interim, keinen Saal, nur Millionen weniger
Zuletzt sprach der Minister mehrmals davon, der Freistaat wolle den Bau in Partnerschaft mit einem privaten Investor errichten. Außerdem war vom Einbau eines Orchestergrabens die Rede, um den Bau während der anstehenden Sanierung des Nationaltheaters nutzen zu können.

Es gibt anhaltende Gerüchte, Blume würde mit der Büschl-Gruppe über das Paketpostareal verhandeln. Aber es kann sein, dass es bei diesen (mutmaßlichen) Gesprächen um einen Interimsbau für die Staatsoper geht. Dass dieser Interimsbau anschließend als Konzertsaal genutzt werden könnte, hat Blume allerdings mehrmals ebenso ausgeschlossen wie eine Kooperation mit der Stadt bei der Gasteig-Sanierung.
Der Vorschlag, nach der Rückkehr der Münchner Philharmoniker nach Haidhausen, die Isarphilharmonie in einen dauerhaften Konzertsaal für das BR-Symphonieorchester umzubauen, wird von Klassik-Ultras als unangemessen abgelehnt.

Maximalforderungen waren schon immer ein Problem des Projekts. Nur: Im Moment hat die Staatsregierung gar nichts. Keinen Interimsbau für das zu sanierende Residenztheater, keinen ähnlichen Bau für die Staatsoper. Nur sind jetzt 43 Millionen weg, für die man eines dieser Interimslösungen hätte bauen können. Oder einen anderen maroden Kulturbau sanieren, von denen es jede Menge gibt.