Konzertreihe musica viva: Mitten im Leben

Die musica viva des Bayerischen Rundfunks streamt ein Konzert mit Werken von Wolfgang Rihm.
| Michael Bastian Weiß
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Die Bratschistin Tabea Zimmermann mit Christian Gerhaher bei der Aufführung von Wolfgang Rihms "Stabat Mater" im Prinzregententheater.
Die Bratschistin Tabea Zimmermann mit Christian Gerhaher bei der Aufführung von Wolfgang Rihms "Stabat Mater" im Prinzregententheater. © Astrid Ackermann/BR

München - Noch bevor in diesem Jahr die Pandemie ihren Lauf nahm, wurde ein Film über den Komponisten Wolfgang Rihm ausgestrahlt. Mit dem Titel "Das Vermächtnis" war der 68-jährige, der seit langer Zeit mit einer schweren Krankheit kämpft, allerdings hoch unzufrieden. Das klang ihm zu sehr nach Nachruf zu Lebzeiten.

Kompositionen von Rihm aus dem Prinzregententheater

Als ein solcher war auch dieses Konzert der "musica viva" nicht geplant, in welchem ausschließlich Kompositionen des Karlsruhers live aus dem Prinzregententheater gestreamt wurden. Rihm steht mitten im Leben - und man darf ihn deshalb auch kritisieren.

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So hinterlässt das älteste der drei Werke, "Sphäre nach Studie", einen Eindruck, der für Rihm charakteristisch ist. Aus der kühlen Klanglichkeit der sechs Instrumente, die im leeren Prinzregententheater reizvoll nachhallen, schälen sich interessante Einfälle heraus, blasse Erinnerungen an Akkorde oder skelettierte Gesten.

Spielwiese für Bariton Christian Gerhaher

Aber es ist dies keine Musik, die mit dem Hörer kommuniziert; die Ereignisse, etwa das von Tamara Stefanovich angestochene Klavier, erscheinen einfach als das, was sie sind, nicht als Stationen eines Prozesses, wodurch sie für den Hörer mit Bedeutung aufgeladen würden. Eine solche Sinnhaftigkeit kann auch der Dirigent Stanley Dodds nicht entdecken, der die Solisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks nüchtern koordiniert.

Mit seinen an Musik des späten Mittelalters erinnernden Klängen ist das jüngste der Stücke, das "Stabat Mater", das zugänglichste. Rihm folgt in der Deklamation eng dem lateinischen Gedicht und deutet einzelne Wörter wie Rufe: eine Spielwiese sowohl für den Bariton Christian Gerhaher, der hier sein phänomenales inneres Gehör beweist, als auch für die Bratscherin Tabea Zimmermann mit ihren vielfältigen Abstufungen zwischen sonorem Streichen und scharfem Anschneiden. Auch hier macht man freilich eine typische Rihm-Erfahrung: Irgendwann scheint im Wesentlichen alles gesagt, die Kontraste sind aufgebraucht, das Stück ist da aber noch nicht zu Ende.

Sirenen über Kopfhörer: Rihm ohne formale Ordnung

Bei "Male über Male 2" kommen noch die hohen Töne der Klarinette Jörg Widmanns dazu, die, per Kopfhörer genossen, dem Ohr wehtun wie Sirenen. Ist das wirklich so gedacht? Dem spricht entgegen, dass die neun Instrumentalisten des BR-Symphonieorchesters weitaus sensibler, auch klanglich sauberer, auf den Solisten antworten. Dieser macht aber auch kaum einmal Pause.

Auch diesem Stück würden dramaturgisch effektvoller gesetzte Orientierungspunkte, überhaupt eine sich unmittelbar mitteilende formale Ordnung gut tun. Wolfgang Rihm wäre zu wünschen, dass das eine neue Richtung ist, die sein Komponieren in den nächsten Jahrzehnten einschlagen wird.


Einen Mitschnitt des Konzerts ist am 12. Januar 2021 um 20 Uhr auf BR-Klassik zuhören. Online wird in Kürze ein Video davon eingestellt.

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