Konzertmeister Sreten Krstic über Sergiu Celibidache und Valery Gergiev

Konzertmeister Sreten Krstic sagt bei den Philharmonikern Servus und erinnert sich an Chefdirigenten wie Sergiu Celibidache und Valery Gergiev
| Robert Braunmüller
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Der Konzertmeister Sreten Krstic
Hans Engel Der Konzertmeister Sreten Krstic

Fast vier Jahrzehnte spielte der gebürtige Belgrader bei den Münchner Philharmonikern – die meiste Zeit als Konzertmeister am ersten Pult der ersten Violinen. Am Freitag, Samstag und Sonntag verabschiedet sich Sreten Krstic mit Musik von Belá Bartók und György Kurtág von seinen Kollegen und dem Publikum in einer dreifachen Rolle: als Solist, Konzertmeister und Kammermusiker.

AZ: Herr Krstic, wie sind Sie nach München gekommen?
SRETEN KRSTIC: Aus Liebe. Meine erste Frau, die Flötistin Irena Grafenauer, bekam die Solo-Stelle beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Ich war damals Assistent an der Musikhochschule in Belgrad. Aber irgendwann wurde mir das Hin und Her zu kompliziert. Ich habe erst ausgeholfen, dann wurde eine Stelle frei, auf die ich mich beworben habe.

Konzertmeister wurden Sie erst ein wenig später.
Ich war erst zwei Jahre Stimmführer der zweiten Geigen, dann ging einer der Konzertmeister weg. Ich habe wieder vorgespielt und die Stelle bekommen.

Ein eher unüblicher Wechsel.
Ich glaube, dass es das davor und danach auch nicht gegeben hat.

Der Konzertmeister spielt am ersten Pult und übernimmt Soli – wie etwa im „Heldenleben“ von Richard Strauss. Was macht er sonst noch?
Gut Geige zu spielen ist nur ein Teil der Aufgabe, aber zugleich die Voraussetzung dafür. Viel wichtiger ist die menschliche Ebene. Der Konzertmeister ist ein Mittler zwischen dem Orchester und dem Dirigenten. Das erfordert viel Fingerspitzengefühl und Diplomatie im Umgang mit heiklen Situation – und zwar auch musikalisch.

Sie meinen den Fall, wenn der Dirigent mehr stört als hilft?
Das kann vorkommen. Dann muss der Konzertmeister aktiv eingreifen und durch Bewegungen den Kollegen zeigen, wo es langgeht. Man spricht vom „Führen“. Dabei kommt es sehr auf den richtigen Moment an, weil man das Orchester auch nicht irreführen darf.

Sie kamen kurz nach dem legendären Chefdirigenten Sergiu Celibidache zu den Philharmonikern. Wie haben Sie ihn erlebt?
Ich bin auch – im Unterschied zu manchen Kollegen – mit ihm sehr gut ausgekommen. Celibidache war im besten Sinn ein Lehrer. Er konnte sehr gut erklären und hat das kammermusikalische Aufeinander-Hören im Orchester sehr gefördert. Für mich war das prägend.

Bei welcher Musik war Celibidache für Sie am besten?
Ich finde seine Interpretation französischer Musik von Claude Debussy und Maurice Ravel unerreicht. Man konnte das Parfum von seinen Händen gleichsam riechen.

Viele Menschen verbinden mit Celibidache vor allem die Bruckner-Aufführungen.
Niemand hat die Idee dieser Musik besser verstanden wie er. Celibidache formte einerseits riesige Blöcke und konnte zugleich, einen Bogen über eine musikalische Entwicklung von 20 Minuten schlagen. Trotzdem wirkte alles natürlich.

Nach seinem Tod wurde James Levine sein Nachfolger.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich meine das ohne jede Wertung. Levine hatte eine sehr heitere Seite, bei ihm war die Musik immer hell, beweglich und kraftvoll. Man konnte loslassen. Wir haben unter ihm immer mit viel Freude gespielt. Wie tief das ging, ist die andere Frage. Aber man hätte nichts vermisst, wenn man Celi nicht gekannt hätte.

Und dann kam Christian Thielemann.
Ihn verband manches mit Celi: das Innerliche, Schwere, nicht auf die Oberfläche bedachte. Sein Nachfolger Lorin Maazel hatte eine perfekte, absolut verlässliche Schlagtechnik. Unter ihm konnte man fast blind spielen. Jetzt haben wir das schiere Gegenteil.

Auch von außen hat man manchmal den Eindruck, dass unter Gergiev die Konzertmeister stärker gefordert sind.
Er weiß auch, dass seine Art zu Dirigieren sehr speziell ist. Das musste das Orchester erst lernen. Gergiev interessiert sich für die Musik als Ganzes und den Klang. In Momenten, die einen klaren Schlag brauchen, sind die Konzertmeister sehr gefragt. Er achtet allerdings sehr auf die Gestaltung musikalischer Phrasen. Die Führung einer Melodie darf nicht vom Bogentechnischen abhängig gemacht werden. Man muss ihr zuhören. Das verbindet Gergiev wiederum mit Celibidache.

Haben Sie sich die Stücke zu Ihrem Abschied selbst ausgesucht?
Es war Barbara Hannigans Idee, mich als Solist, als Kammermusiker und als Konzertmeister vorzustellen. Ich dachte bei der Auswahl eher an etwas Romantisches, sie an Balkan. So kamen wir auf Bartók, obwohl ich kein Ungar bin. Mich hat seine Rhapsodie gereizt, weil ich sie nie zuvor gespielt habe. Und in „Zur Erinnerung an einen Winterabend“ für Sopran, Violine und Zymbal von György Kurtág tritt die Dirigentin auch als Sängerin auf.

Was machen Sie im Ruhestand?
Ich bin Künstlerischer Leiter und Konzertmeister eines Kammerorchesters, der Zagreber Solisten. Außerdem leite ich ein weiteres Kammerorchester in Belgrad und spiele Kammermusik mit dem Gelius-Trio. Demnächst spiele ich mit Kollegen in Kelheim ein Violinkonzert und andere Werke von Mozart. Da ergibt sich so einiges.

Das Programm mit Musik von Bartók, Haydn, Ligeti und Kurtág unter Leitung von Barbara Hannigan mit Krstic als Solisten am Samstag, 4. Mai, um 19 Uhr und am Sonntag, 5. Mai um 11 Uhr im Gasteig. Restkarten an der Kasse eine Stunde vor Beginn

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