Konzerte mit Mariss Jansons und Christian Thielemann

Mariss Jansons und Christian Thielemann dirigieren die Staatskapelle Dresden bei den Osterfestspielen
| Robert Braunmüller
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Mariss Jansons.
OFS/Matthias Creutziger 3 Mariss Jansons.
Musiker der Staatskapelle Dresden mit Tobias Moretti im Mozarteum.
OFS/Matthias Creutziger 3 Musiker der Staatskapelle Dresden mit Tobias Moretti im Mozarteum.
Musiker der Staatskapelle Dresden mit Tobias Moretti im Mozarteum.
OFS/Matthias Creutziger 3 Musiker der Staatskapelle Dresden mit Tobias Moretti im Mozarteum.

Die Staatskapelle Dresden sei kein Mahler-Orchester, hat deren ehemaliger Chefdirigent Herbert Blomstedt bemerkt. Auch bei den Osterfestspielen Salzburg, die das Orchester seit 2013 bestreitet, sind Aufführungen vorgekommen, die ein solches Urteil bestätigen. Denn das Musizieren vor Goldgrund verträgt sich nur bedingt mit dem gebrochenen Tonfall der Symphonien des Komponisten. Kein Zufall also, dass dieses Orchester eher für satte Klänge von Wagner, Brahms oder Richard Strauss berühmt ist.

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Aber die Zeiten ändern sich. Die jüngere Generation von Musikern versteht sich stärker auf stilistische Vielfalt. Wenn alle Bedingungen stimmen, hat ein Mahler-Aficionado wie Mariss Jansons kein Problem, die Staatskapelle ohne den Verrat an ihren Grundwerten in ein Mahler-Orchester zu verwandeln. Franz Welser-Möst ist vor zwei Jahren Ähnliches gelungen.

Natürlicher Fluss

Die Aufführung der Symphonie Nr. 4 unter Jansons war – neben dem Debüt von Georg Zeppenfeld als Sachs in den „Meistersingern“ – der Höhepunkt der diesjährigen Osterfestspiele. Weil Jansons das Grelle durch Genauigkeit bändigt, verband sich sein persönlicher Zugriff ideal mit der Klangkultur der Staatskapelle.

Jansons versuchte gar nicht erst, mit Hilfe eines verschleppten Tempos artifizielle Naivität herzustellen. Die Musik floss natürlich, aber zugleich wie nervös getrieben und trübte sich bei jeder Wiederholung weiter ein. Die fast katastrophale Zuspitzung kurz vor Schluss des Satzes wirkte trotzdem bestürzend – eine Verbindung von Widersprüchen, auf die sich Jansons ganz besonders versteht.

Auch der große Ausbruch im langsamen Satz, wenn sich gleichsam der Himmel öffnet, wirkte in dieser Aufführung nicht ächzend herbeigezwungen. Zuletzt gelang Regula Mühlemann auch noch das Kunststück, das Lied von den Himmlischen Freuden so natürlich und klar zu singen, wie man es fast nie hört.

Haydn mit Mahler-Effekt

Vor der Vierten leitete Jansons die „Militärsymphonie“ Nr. 100 von Joseph Haydn. Ohne auch nur einen Hauch historisierend zu wirken, vertrieben der Dirigent und das Orchester durch sanft betonte Bläser jenen cremigen Mischklang, der diese Musik ruinieren könnte. Jansons bewies auch, dass nicht mit voller Kraft auf die Große Trommel geschlagen werden muss, damit sich eine Mischung aus Verspieltheit und Bedrohung einstellt. Das gilt auch für den von Jansons hinzuerfundenen Einmarsch des Schlagzeugs samt Schellenbaum im letzten Satz, der sich ähnlich auch beim Concertgebouw Orkest Amsterdam bewährt hat und der Haydn gleichsam mit einem Mahler-Effekt zur Kenntlichkeit bringt.

Die übrigen Konzerte wirkten konventioneller. Für Antonín Dvoráks „Stabat mater“ als traditionelles geistliches Werk kam der Chor des Bayerischen Rundfunks nach Salzburg. Er wirkte mit seiner dunklen klanglichen Wärme seelenverwandt zur Staatskapelle. Bei einem Werk aber, das 90 Minuten lang die gleiche Trauerstimmung variiert, müsste vom Pult her mehr Differenzierung eingefordert werden, als Christoph Eschenbach es tat.

Sofia Gubaidulinas „Der Zorn Gottes“ wurde nicht rechtzeitig fertig. Dafür dirigierte Thielemann am Montag Carl Maria von Webers „Jubel-Ouvertüre“, die Wagner offenbar im Ohr hatte, als er den Schluss der „Tannhäuser“-Ouvertüre komponierte. Auf das von Frank-Peter Zimmermann strahlend gespielte Mendelssohn-Konzert folgte die durch ein freies Tempo romantisierte „Große“ Symphonie in C-Dur von Franz Schubert. Auch wer diesen Ansatz weniger schätzt, vermag sich nicht der Konsequenz zu entziehen, mit der Thielemann diese Musik über den Ruhepunkt des Trios bis zur jubelnden Ekstase im Finale steigerte, ohne klanglich ins Schwitzen zu geraten.

Das Showdown steht noch aus

Dass Orchester kammermusikalisch spielen, wird gerne freundlich attestiert. Bei einem Konzert im Mozarteum interpretierten Musiker der Staatskapelle neben Schuberts Quartettsatz in c-moll und Beethovens Septett auch Arnold Schönbergs „Ode an Napoelon“ – kein Werk, das Festspielbesucher gleich ins Herz schließen.

Aber der Intendant Peter Ruzicka hatte es richtig gemacht: Er gewann Tobias Moretti („Jedermann“) für die schwierige Sprechrolle. Es war – naturgemäß – ein Triumph. Nicht nur, weil Moretti den Tonfall zwischen Singen und Sprechen ungewöhnlich gut beherrscht und sein eher scharfer Stimmklang zu Byrons höhnischem Text passt. Sondern auch, weil der Schauspieler nach einem Unfall mit Krücken erschien und nicht abgesagt hatte.

Derlei Ecken mit eher sperriger Moderne sind bei den Osterfestspielen ein Verdienst des scheidenden Intendanten Ruzicka. Als seinen Nachfolger haben die Politiker Nikolaus Bachler gewonnen, der 2021 die Münchner Oper verlässt. Er steht für eine Mischung aus künstlerischem und ökonomischem Erfolg, wie ihn Salzburg braucht. Der Künstlerische Leiter Thielemann schließt eine Zusammenarbeit mit Bachler aus. Das Showdown steht noch aus. 

Das Konzert mit Jansons wird am Ostersonntag, 19 Uhr, wiederholt, die „Meistersinger“ am Montag. Infos unter www.osterfestspiele-salzburg.at

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