Konzert-Kritik: Zubin Mehta liefert geschmeidigen Honig

Zubin Mehta, Camilla Nylund und das Bayerische Staatsorchester mit Schubert und Strauss im Livestream aus dem Nationaltheater.
| Michael Bastian Weiß
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Zubin Mehta und die Sopranistin Camilla Nylund bei ihrem Konzert im Nationaltheater.
Zubin Mehta und die Sopranistin Camilla Nylund bei ihrem Konzert im Nationaltheater. © Wilfried Hösl

München - Mit seinen bald 85 Jahren könnte sich Zubin Mehta eigentlich auf das verlassen, was sich seit einem halben Jahrhundert für ihn bewährt hat: Talent, Technik und dass ihn die Orchester so gern mögen, dass sie mit ihm am Pult immer ein bisschen besser klingen.

Auf eine späte Experimentierlust ist man also eher nicht gefasst. Und doch ist bei dieser "Großen Symphonie" von Franz Schubert, je nach Zählung Nr. 8 oder Nr. 9, auf jeden Fall aber in C-Dur, alles anders. Die Holzbläser sind nicht wie sonst im Hintergrund eingegliedert, sondern sitzen auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper direkt vor Mehta - vor den Streichern.

Akzente des Solistenoktetts kommen knackig heraus

Mehta hat diese originelle und absolut unübliche Idee zwar vor sechs Jahren schon einmal mit den Münchner Philharmonikern präsentiert. Doch hat sie sich nie durchgesetzt, sodass dieser Kunstgriff immer noch eine Nachricht wert ist.

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Leider kann man die Wirkung im Nationaltheater pandemiebedingt nicht unmittelbar studieren. Doch was sich in der Live-Übertragung mitteilt, ist spektakulär: Das ohnehin feinsinnige Bayerische Staatsorchester klingt nicht nur transparenter, sodass in den lauten Tutti die Holzbläser nicht als erste verschwinden, sondern auch die Akzente des Solistenoktetts kommen knackiger heraus.

Zubin Mehta: Leise "Bravi" ans Orchester

Mehta dirigiert mit sparsamen Bewegungen, aber das Orchester, dessen Chef er acht Jahre lang war, reagiert auf jede Regung. Die symphonische Entwicklung hat einen stabilen Puls, geht nach vorn, doch in honiggleicher Geschmeidigkeit. Am Schluss richtet Mehta halblaut, aber deutlich vernehmbar, einige "Bravi" an das Orchester. Zu Recht.

Auch Camilla Nylund hätte sich tosenden Beifall verdient. Die finnische Sopranistin fügt den oft gesungenen "Vier letzten Liedern" von Richard Strauss wirklich neue Facetten hinzu.

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Allein durch ihre Persönlichkeit: Denn sie entdeckt eine gewisse Dramatik, wo Kolleginnen sich zumeist pietätvoll zügeln, eine untergründige Erregtheit, die sie auch mimisch sichtbar macht.

Camilla Nylund: Ruhe, Klarheit und Frische 

Auch weiß sie, was sie singt, es fesselt etwa, wie sie das Wort "Not" von "Freude" absetzt und somit auch den Sinn der Gedichte bewahrt. Dabei bleibt ihre Stimme ohne jede Schärfe, das Phänomenale an Camilla Nylund ist immer, wie die Ruhe, Klarheit und Frische ihres Gesangs direkt zu seiner Schönheit beitragen.

Sie verkörpert diese Werke in der Gestalt einer der idealistischen Frauengestalten des Komponisten, als eine Kaiserin aus der "Frau ohne Schatten" etwa, die sie ja auch im Repertoire hat. Eine Wohltat, selbst vor dem heimischen Bildschirm.


Auf staatsoper.tv ist das Video des Konzerts kostenpflichtig für 9,90 Euro abrufbar.

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