"Klassik am Odeonsplatz": Die Rückkehr der Leichtigkeit

Die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bei "Klassik am Odeonsplatz".
| Robert Braunmüller
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Wie zu schönsten Vor-Pandemie-Zeiten durfte sich - endlich wieder - viel Publikum bei Klassik am Odeonsplatz einfinden. Das hat Signalwirkung.
Wie zu schönsten Vor-Pandemie-Zeiten durfte sich - endlich wieder - viel Publikum bei Klassik am Odeonsplatz einfinden. Das hat Signalwirkung. © Marcus Schlaf

München  - Die Ungleichbehandlung nicht nur kultureller Veranstaltungen und der Fußball-Europameisterschaft durch die Politik ärgert viele Menschen. Da schadet es nicht, dies beim ersten Groß-Konzert seit Beginn der Pandemie einmal anzusprechen.

Aber ohne Grant und Verbissenheit, genau so, wie es der für die Orchester verantwortliche Programmdirektor Kultur des Bayerischen Rundfunks in seiner Begrüßung beim ersten Konzert des zweiten Abends von "Klassik am Odeonsplatz" getan hat.

Das Publikum verhielt sich absolut diszipliniert

Reinhard Scolik lobte nicht nur pflichtgemäß die Online-Aktivitäten der Musiker seines Senders in der Pandemie. Er sprach auch davon, dass er notfalls Fahnen verteilt und einen Kicker am Odeonsplatz aufgestellt hätte, um das Konzert in eine Sportveranstaltung zu verwandeln.

Das war letztendlich nicht nötig: Zweimal 2.000 Besucher waren an den beiden Abenden zugelassen, und das Publikum verhielt sich außergewöhnlich diszipliniert. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit verteilte Fragebogen zur wissenschaftlichen Auswertung des Pilotprojekts. Sogar Zelte mit einem VIP-Bereich für die Gäste der Sponsoren gab es: mit behördlicher Genehmigung.

Chefdirigent darf nicht aus Russland einreisen

Am ersten Abend betonten die beiden Bürgermeisterinnen Katrin Habenschaden und Verena Dietl sowie der Kulturreferent Anton Biebl die kulturpolitische Signalwirkung des Konzerts und warben für den bevorstehenden Aufbruch durch die Sanierung des Gasteig und den Umzug in die neue Isarphilharmonie. Außerdem entschuldigten sie den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, der aufgrund der aktuell geltenden Vorschriften nicht aus Russland einreisen konnte.

Für Valery Gergiev sprang am Freitag Lorenzo Viotti ein. Er dirigierte mit viel Schwung und Esprit spanisch inspirierte Werke von Emmanuel Chabrier, Nikolai Rimski-Korsakow und Maurice Ravel. Davor spielte Yuja Wang mit Emphase, Ekstase und Leichtigkeit das Klavierkonzert Nr. 2 von Sergej Rachmaninow. Allerdings trennte die Klangregie das Klavier nicht hinreichend vom satten Sound der Münchner Philharmoniker.

Pianistin Yuja Wang und Dirigent Lorenzo Viotti.
Pianistin Yuja Wang und Dirigent Lorenzo Viotti. © Marcus Schlaf

Kraftvoll, leise, schwunghaft: Klassik am Odeonsplatz funktioniert

Den Werken des zweiten Tags kam die Verstärkung mehr entgegen. In Robert Schumanns Cellokonzert kam eine glückliche Balance zwischen dem Soloinstrument und dem Orchester zustande, die sich im Konzertsaal nur sehr selten einstellt. Und weil sowohl Sol Gabetta als auch der Dirigent Daniel Harding den kraftvollen Schwung der Musik betonten, gelang eine ungewöhnlich runde, kompakte Deutung dieses oft in schöne Einzelheiten zerfallenden Werks.

Sol Gabetta hat ein Händchen für Schumann.
Sol Gabetta hat ein Händchen für Schumann. © Marcus Schlaf

Eher leise Musik wie Claude Debussys "La Mer" funktioniert auf dem Platz immer überraschend gut. In Igor Strawinskys "Feuervogel"-Suite erschreckten Harding und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks das Publikum am Beginn des Höllentanzes mit einem pistolenschussartigen Orchesterschlag, um dann mit bestens aufgelegtem Blech die abschließende Hymne effektvoll zu steigern.

Klassik am Odeonsplatz wurde live im TV übertragen

Die Konzerte wurden nach längerer Pause wieder moderiert. Maximilian Maier vermied die bei solchen Anlässen im Angesicht von Fernsehkameras leider übliche Betulichkeit, ersetzte sie durch charmante Ironie und sprach auch kein Wort mehr als nötig.

Leicht absurd wurde es allerdings, als Maier auf die Missachtung zu sprechen kam, die Schumanns Frau Clara einst entgegenschlug. Es ist schon bizarr, einer Komponistin posthum etwas Gratis-Mitleid zu spenden und dann ein altbekanntes Werk ihres berühmteren Gatten zu spielen.

"Klassik am Odeonsplatz" ist - auch dank der Fernsehübertragung - ein Schaufenstertermin der städtischen Kulturpolitik und des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags. Es ist zwar das Erfolgsrezept dieses Events, ein typisches Symphoniekonzert unter freiem Himmel aufzuführen. Aber auch das ganz normale Konzert ist nicht mehr so konservativ, wie es sich die hier Verantwortlichen vorstellen. Statt, wie heuer, wieder bereits mehrfach in der Feldherrnhalle gespielte Stücke aufzuführen, wäre es an der Zeit, endlich die Odeonsplatz-Premiere des Werks einer Komponistin zu wagen.

Klassik am Odeonsplatz sollte gratis sein - für alle Münchner eben

Dirigentinnen soll es übrigens mittlerweile auch geben, und solche mit Starqualität ebenfalls. Aber wir wollen die Stadt und die von ihr beauftragten Organisatoren nicht überfordern. Daher schweigen wir auch von der überfälligen Umwandlung von "Klassik am Odeonsplatz" in eine schwellenlos zugängliche Gratis-Veranstaltung, wie sie seit Jahrzehnten von der Bayerischen Staatsoper durchgeführt wird. Denn einmal im Jahr muss die vom Steuerzahler hochsubventionierte Kultur für alle kostenlos sein.

Das Freitags-Konzert mit den Münchner Philharmonikern wird am 17. Juli, 20.15 Uhr, auf 3sat wiederholt. Beide Konzerte sind 30 Tage lang auf www.br-klassik.de abrufbar

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