Karajan: Maestro, NS‑Opportunist – und ein Vermögen von 500 Millionen D‑Mark
Der 1989 verstorbene Herbert von Karajan ist noch immer der Inbegriff eines Dirigenten. Der gebürtige Salzburger studierte am Mozarteum und in Wien und wurde 1930 Kapellmeister in Ulm. 1934 wechselte er nach Aachen, 1938 debütierte er an der Berliner Staatsoper. 1955 wurde er auf Lebenszeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, später leitete er zeitweise die Wiener Staatsoper und kontrollierte erst als künstlerischer Leiter und später als Direktoriumsmitglied bis zu seinem Tod die Salzburger Festspiele.
Der in München lehrende Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert entwirft auf der Grundlage zahlreicher neuer oder bislang unbekannter Dokumente ein differenziertes Bild dieser komplexen Persönlichkeit – mit dem Ziel, ihre notwendige Entmythisierung fortzuführen.
AZ: Herr Rathert, haben Sie Karajan noch selbst im Konzert gehört?
WOLFGANG RATHERT: Leider nein. Ich bin zwar im Herbst 1980 zum Studieren nach Berlin gegangen. Aber die Philharmonie war immer ausverkauft oder ich hatte kein Geld dafür, und außerdem war Karajan damals für mich Vertreter einer elitären Musik-Hochkultur. Ich habe mich damals mehr mit der musikalischen Avantgarde beschäftigt.
Wie hat es Karajan geschafft, zum Mythos zu werden?
Das ist die zentrale Frage meines Buches. Da sind eine Menge Faktoren zusammengekommen. Zum einen sind da eine außerordentliche musikalische Begabung und ein phänomenales Gedächtnis: Es gibt keinerlei Eintragungen in seinen Partituren. Der zweite Punkt ist die musik- und zeithistorische Konstellation: Das "Dritte Reich" war das Sprungbrett für ihn. In der Nachkriegszeit begünstigte die technologische Entwicklung seine Karriere: der Aufstieg der Langspielplatte, später Filme und der Beginn der digitalen Ära am Ende seines Lebens. Der dritte Punkt ist der Aufstieg des Interpreten, der durch ihn so wichtig wird wie der Komponist. Für Karajan stand der Interpret an erster Stelle.
Ein Vermögen durch Schallplatten
Das ist vor allem in seinen Musikfilmen zu spüren, in denen Orchestermusiker nur als Ornament vorkommen.
Daraus spricht ein gewisser Narzissmus. Karajan versuchte, seine Interpretationen als endgültig und Optimum darzustellen.

Hat er wie in diesen Filmen immer auswendig dirigiert?
Nicht immer und auch nicht immer mit geschlossenen Augen. Aber bei seinem Kernrepertoire schon.
Der Philosoph Theodor W. Adorno nannte Karajan den "Dirigenten des Wirtschaftswunders". Würden Sie ihm widersprechen?
An dieser Diagnose ist zweifellos etwas dran. Karajans zweiter Aufstieg in der Nachkriegszeit vollzog sich in dieser Zeit. Karajan war durch seine Netzwerke auch wirtschaftlich erfolgreich und hinterließ ein Privatvermögen von 500 Millionen D-Mark. Karajan verdiente dieses Geld hauptsächlich durch die Schallplatten.

Wie stehen Sie zur Kritik an der polierten Oberfläche dieser Schallplattenästhetik?
Ich halte sie für berechtigt. Man hat von einer Legato-Ästhetik gesprochen, die ganz vom Klang ausgeht und zum Klang zurückgeht. Der sinnliche Genuss steht im Vordergrund, nicht die dramatische Erzählung. Das ist der Kern von Karajans Musikauffassung, die er als "Ästhetik des Schönen" bezeichnet hat. Auch bei Werken wie der "Symphonie fantastique" von Hector Berlioz weigerte er sich, das Geräuschhafte zu betonen. Oder auch bei Strawinskys "Sacre". Und bei der älteren Musik gibt es keine Klangrede, wie sie später Nikolaus Harnoncourt prägte, der bei den Wiener Symphonikern zwölf Jahre unter Karajan als Cellist spielte.
Die Ästhetik des Schönen
Ist das der ganze Karajan?
In späten Live-Auftritten zeichnete sich eine Abkehr von dieser Ästhetik des Schönen ab. Aber auch der frühe Karajan setzte bei manchen Werken, die früher romantisierend aufgeführt wurden, eine moderne, sachliche Auffassung durch. Das entsprach eher nicht den bürgerlichen Hörgewohnheiten.
Spielen Sie auf damit auf Karajans Rivalen Wilhelm Furtwängler an?
Furtwängler hat immer für sich in Anspruch genommen, hinter die Musik zurückzutreten und den Gottesdienst des Werks zu zelebrieren. Letztendlich war aber sein Subjektivismus sein Markenzeichen. Furtwängler war ein Selbstdarsteller wie Karajan, der ihn sehr genau beobachtet hat. Als Diener an den Werken sind Bruno Walter oder Otto Klemperer viel glaubhafter für mich, und in bestimmter Hinsicht auch Richard Strauss, der auch eines der Vorbilder Karajans war.

Ihr Buch erscheint in einer Reihe, in der sowohl der musikalische Stil eines Interpreten wie auch das Leben gewürdigt werden. Ich war überrascht, dass Sie das Biografische doch stark in den Vordergrund stellen.
Über den Interpreten Karajan gibt es mittlerweile viele gute Veröffentlichungen. Bei diesem Dirigenten sind musikalische Interpretation und Person nicht voneinander zu trennen. Die Reibung mit der Politik bei gleichzeitiger Nähe ist das Leitmotiv seines Lebens, und seine Aufnahmen scheinen mir das zu spiegeln. Karajan wurde auch seine verdrängte Nähe zum NS-Regime nie wieder los. Das war immer ein Thema, so etwa bei Auslandsreisen mit den Berliner und Wiener Philharmonikern.
Nachher war er ein Opfer
Karajans Beziehung zum NS-Regime hat sich zur Anekdote verdichtet, er sei dreimal in die Partei eingetreten. Was ist da dran?
Dazu muss man das komplizierte Aufnahmeverfahren in die Partei verstehen. Karajan ist nur einmal aktiv in die NSDAP eingetreten: am 8. April 1933 in Salzburg. Der Streit dreht sich um die Frage, ob er bereits im Mai gleichen Jahres in Ulm oder erst später in Aachen eine höhere Mitgliedsnummer bekommen hat. 1939 wurde das alles vom Mitgliedsamt in der Münchner Parteizentrale bereinigt. Was auf den erhaltenen Mitgliedsdokumenten steht, interpretiert der Historiker Michael Wolffsohn in seinem kürzlich erschienenen Buch "Genie und Gewissen" anders als ich.

War Karajan wirklich Nazi?
Er war ein Karrierist und kulturpolitischer Opportunist. In Aachen hat er sich klar zum Nationalsozialismus bekannt. Dazu habe ich in meinem Buch ein Dokument erstmals vollständig veröffentlicht, seinen programmatischen Zeitungstext zu seiner ersten Saison als Generalmusikdirektor. Karajan dirigierte Konzerte der Organisation "Kraft durch Freude", leitete im Zweiten Weltkrieg in besetzten und verbündeten Ländern propagandistische Konzerte und trat 1944 mit dem Reichs-Bruckner-Orchester in Linz auf.
Und nach 1945?
Karajan ist es gelungen, sich in der Entnazifizierung als Opfer darzustellen. Er hat sogar eine Entschädigung verlangt, weil er ab 1942 in Berlin keine Opern mehr dirigieren durfte. Er hat sich auch nie zu den Opfern des Nationalsozialismus geäußert.

Sollte man Karajan-Straßen in Salzburg und Berlin umbenennen?
Straßennamen sollten vernünftig kontextualisiert werden, wie das vorbildlich in Salzburg geschehen ist, aber – noch – nicht in Berlin. Man sollte offen und transparent mit der Geschichte umgehen. Es geht mir auch nicht um ein moralisches Urteil oder eine Demontage, sondern um eine neue Bewertung aus der Distanz heraus.
Was wäre Ihr Karajan-Hörtipp?
Die jüngst von den Berliner Philharmonikern auf ihrem Eiggenlabel herausgegebenen Konzertmitschnitte, auch wenn die Boxen sehr teuer sind. Es scheint mir auch lohnend, ganz frühe mit den späten Aufnahmen zu vergleichen, in denen sich Karajan auch stilistisch in die Nachfolge Furtwänglers stellt. Und es gibt natürlich kanonische Aufnahmen wie den ersten Beethoven-Zyklus mit den Berliner Philharmonikern oder seine Wagner-Einspielungen.
Wolfgang Rathert: "Herbert von Karajan: Macht - Ohnmacht - Vermächtnis" (Edition Text & Kritik, 346 Seiten, 29 Euro)
- Themen:
- Richard Strauss
- Salzburger Festspiele

