Igor Levit und Lionel Bringuier in der Philharmonie

Igor Levit spielt in der Philharmonie Beethoven, Lionel Bringuier debü
| Michael Bastian Weiß
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Lionel Bringuier und Igor Levit im Konzert.
Peter Meisel Lionel Bringuier und Igor Levit im Konzert.

Igor Levit spielt in der Philharmonie Beethoven, Lionel Bringuier debütiert beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Webern, Ravel, Florent Schmitt

Der erste Akkord des Largos ist schon fast verklungen, da setzt Igor Levit die Melodie erst fort, in grandioser Ruhe. Den nächsten Klang hält er mit dem Pedal fest, so dass der folgende mit diesem höchst unorthodox zusammenfließt. Igor Levit macht aus der Philharmonie geradezu eine Kathedrale, so überirdisch hallt dieser Beethoven’sche Gesang aus der Tiefe des Raumes.

Zwar bringt Lionel Bringuier dann beim ersten Orchestereinsatz ein Moment der Belebung mit hinein. Doch er ist sich einig mit seinem Solisten, den Mittelsatz von Ludwig van Beethovens 3. Klavierkonzert c-moll als dessen episches Zentrum aufzufassen. Bringuier dirigiert in Sechzehnteln, doch die beispiellose Zeitlupe hat nichts Quälerisches.

Einzigartig!

Beide verstehen dieses frühe Konzert vom spätesten Beethoven her und machen vor allem aus dem Largo eine metaphysische Übung. Das könnte kaum funktionieren, würde Levit nicht über ein konkurrenzloses Pianopianissimo verfügen. Er spielt meist tief über die Tastatur gebeugt, mit dem Ohr fast direkt an den Saiten.

Schon das Ende der Solokadenz des Kopfsatzes hat mehr von einem intimen Klavichord als vom modernen Steinway, und zum Ende der Kadenz des Largos verhaucht das Klavier in der konzentriertesten Vereinzelung, als hätte Anton Webern diese Musik komponiert. Für diese anrührend magische Interpretation nimmt Levit auch eine betont reduzierte linke Hand in Kauf, die weniger Akzente setzt als Farben mischt. Einzigartig.

Kunststück!

Sämtliche Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks hören sensibel auf ihren Solisten und halten die Begleitung dadurch transparent, dass sie die Artikulation, speziell die locker getupften Staccati, begeisternd genau verwirklichen. Das ist schon ein Kunststück in sich.

Ein weiteres ist das so bunte wie beziehungsreiche Programm, mit dem der noch nicht einmal dreißigjährige französische Dirigent Lionel Bringuier beim BR-Symphonieorchester debütiert. Denn jener Anton Webern, an den Levits Klavierkunst erinnert, kommt einleitend zu Gehör. In dessen früher Passacaglia d-moll vermittelt Bringuier geschickt zwischen den kammermusikalischen und den wuchernden Passagen. Maurice Ravels „Boléro“ leitet er lange Zeit nur mit den Augen, die Hände vor dem Körper verschränkt. Der unerbittliche Rhythmus dieser Studie kommt rein aus dem BR-Symphonieorchester selbst, vornehmlich von der Kleinen Trommel Guido Marggranders, der dieses gefürchtete Solo souverän meistert.

Pianokultur

Auch hier legen die Musiker in sämtlichen Soli größten Wert auf Pianokultur. Von besonderem Interesse schließlich ist Florent Schmitts „La tragédie de Salomé“, ein selten zu hörendes Tongemälde, in welchem das Symphonieorchester unter Bringuier sowohl schwüle Atmosphäre entwerfen, als auch zündende Rhythmen tanzen kann. Lionel Bringuier ist zweifellos eines der vielversprechenden Talente seiner Generation.

 

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