„Ich hab mich in diese Rolle verliebt!“

Tief in seinem Inneren muss ein Kraftwerk sitzen. Denn selbst in der letzten Arie dreht John Holiday auf, als sei Händels „Alcina“ für ihn ein Spaziergang. Dabei hat der Countertenor als Ritter Ruggiero gut zu tun. Heute Abend ist er zum letzten Mal in der neuen Festspiel-Produktion zu erleben. Wer keine Karte bekommt, muss sich nicht grämen. Von John Holiday wird man noch hören. Spätestens in der „Fledermaus“.
AZ: John, Händel hat seine Oper zwar „Alcina“ genannt, aber ihr Liebhaber Ruggiero singt eigentlich die Paraderolle.
JOHN HOLIDAY: Allerdings! Die Partie des Ruggiero ist außergewöhnlich. Sowohl Alcina als auch ihre Schwester Morgana singen sechs Arien, bei Ruggiero sind es acht! Dazu kommen das Trio und Chöre. Ich habe mich in diese Rolle verliebt!

Ruggiero vergisst seine alte Liebe - kennt man das nicht aus dem Alltag?
Für einen Ritter gerät Ruggiero aber schnell aus dem Gleichgewicht.
Er steckt ja auch in der Zwickmühle. Ruggiero bemüht sich um die Liebe der Zauberin Alcina - und das obwohl er mit Bradamante verlobt ist. Eigentlich geht das nicht. Aber sagen wir mal so: Von dem, was wir im Alltag beobachten, ist das nicht weit entfernt, oder?
Ihnen scheinen die Koloraturen leicht zu fallen - zumindest klingt es so. Variieren Sie die Verzierungen?
Ich liebe Koloraturen. Mich erinnern sie an die „Riffs“ und „Läufe“, die ich schon als Kind von meiner Großmutter und meinen Tanten in der Kirche gehört habe. Dann denke ich natürlich an die unvergleichliche Ella Fitzgerald, an ihre Kollegin Sarah Vaughan und an den vielseitigen Mel Tormé. Zu variieren, ist für mich ganz normal. In jeder Vorstellung. Und ich habe mit dem Dirigenten Stefano Montaneri wirklich Glück. Er macht das alles mit und gibt mir das Gefühl, dass die Bühne ein Ort des Abenteuers und der Entdeckung ist.
„Ja, das kannst du! Sing, John! Sing, Baby!“
Sie sind in einer Baptistengemeinde aufgewachsen, in der Musik eine große Rolle spielt. Hat Sie das auch zur Oper gebracht?
Auf jeden Fall. Gerade für schwarze Sängerinnen und Sänger ist die Kirche der erste Ort, an dem sie die eigene Stimme kennenlernen. Und wenn ich an den „Amen“-Chor denke, dann sind das die ersten Reaktionen, die mir sagen: „Ja, das kannst du! Sing, John! Sing, Baby!“ Wenn ich auftrete, höre ich in Gedanken immer noch diese bestärkenden Stimmen.
Wann wurde Ihnen klar, dass Ihre Stimme über die üblichen Männerlagen hinausgeht?
Es mag überraschen, aber ich habe mich nie als Tenor oder Bariton gesehen. Ich wusste schon immer, dass ich ein Sopran bin. Das war jedenfalls meine Bezeichnung als junger Student an der Southern Methodist University in Dallas. Und ich hatte von Anfang an Lehrer, die mich in meinem Fach als Countertenor unterstützt haben.
Big Mama ist das große Vorbild
Hatten Sie Vorbilder?
Aber ja! Big Mama! Meine Großmutter singt mittlerweile nicht mehr viel, aber sie war eine der besten Sängerinnen, die ich kenne, und ich wollte genau so sein wie sie. Auch meine Mutter und mein Vater singen ziemlich gut. Das macht viel aus, das Singen ist bei uns eine fundamentale Sache. Mit zwölf sang ich dann im Kinderchor in Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“. Die Mezzosopranistin Denyce Graves spielte die Marguerite, und ich empfand das damals schon als meine Rolle. Bei den Countertenören ist sicher Derek Lee Ragin ein großes Vorbild: ein schwarzer Mann, der genau das tat, was ich selbst vorhatte. Er ist mein Held!
„The Voice“ war ein Riesenspaß
Warum haben Sie dann 2020 bei „The Voice“ mitgemacht?
Während der Corona-Pandemie waren sämtliche Theater und Opernhäuser geschlossen, und ich hatte keine andere Möglichkeit, auf einer Bühne zu stehen, um etwas weiterzugeben, auch eine Energie, die die Menschen damals dringend brauchten. Man hatte ja keine großen Kontakte, abgesehen von den wenigen Nachbarn und Freunden. Bei „The Voice“ hatte ich einen Riesenspaß, viele Freundschaften sind so entstanden - und ich habe meinen Mann kennengelernt!
Bei welcher Art von Musik fühlen Sie sich ganz zu Hause?
Wenn ich am Klavier sitze und Gospels singe. Das habe ich schon als Kind gemacht, und es bereitet mir nach wie vor große Freude. Vor Aufführungen hört man mich in der Garderobe Gospels improvisieren. Auch, um Gott zu danken, denn ich darf das tun, was ich am liebsten mag.

„Meine Wurzeln liegen im Gospel und im Jazz“
Auch auf Ihrer neuen CD „Over My Head“ singen Sie Gospels und Spirituals, dazu zeitgenössische amerikanische Klavierlieder, Gershwins „Summertime“ oder den Sinatra-Hit „Fly Me to the Moon“. Gibt es ein Konzept?
Ich wollte mich als Person mit allem Drum und Dran einbringen, auch die Aspekte zeigen, die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin. Dazu gehören meine Wurzeln im Gospel, der Jazz und eben die klassische Musik, die mir inzwischen so wichtig ist. Einfach den ganzen John Holiday.
Zentral ist der Protestsong „Strange Fruit“, da geht es um zwei gelynchte Schwarze.
Der Bürgerrechtler James Baldwin hat vielleicht am besten in Worte gefasst, was mich bei diesem Stück antreibt: „In den Vereinigten Staaten als Schwarzer zu leben und sich dessen auch bewusst zu sein, bedeutet, fast ständig wütend zu sein. Es geht nicht nur um das, was einem selbst widerfährt, sondern genauso um das, was um einen herum passiert.“ Als schwarzer und schwuler Mann aus dem Süden unterscheiden sich meine Lebenserfahrungen erheblich von denen vieler anderer. Billie Holiday hat „Strange Fruit“ zum ersten Mal aufgeführt und das Publikum ziemlich aufgerüttelt. Ja, dieser Song regt zum Nachdenken an, auch über den Tod von George Floyd oder zuletzt Nolan Wells. Ich will meine Stimme für diejenigen einsetzen, die nicht für sich selbst sprechen können.
Hojotoho? Eine Walküre wäre schon drin. Scherz!
Bei vielen schwarzen Sängern sind Spirituals die Zugaben.
Genau das wollte ich nicht. Auf meinem ersten Album spielen sie die Hauptrolle.
Was würden Sie denn in Zukunft noch gerne singen?
Alles, warum denn nicht?
Auch Wagner?
Nein, nein.
Da gäbe es schon ein paar Rollen, aber sie sind natürlich zu klein…
Obwohl, eine Walküre würde ich mir schon zutrauen. Hojotoho! Halt, ich mach’ Spaß.
Gibt es denn Musik, bei der Sie Nein sagen?
Obwohl ich aus Texas komme, mag ich keine Country-Musik. Natürlich schätze ich Leute wie Garth Brooks, Shania Twan oder Faith Hill, aber ich würde mir das nie als Sänger aussuchen.
Sie unterrichten auch an der Maryland University. Was bringen Sie den Countertenören bei?
Für mich ist es wichtig, ihnen die richtige Technik und einen gesunden Umgang mit der Stimme und dem Repertoire beizubringen. Und wie sie sich selbst treu bleiben. Ich sage ihnen auch: Der Wettbewerb findet im Inneren statt und nicht draußen. Vergleiche nehmen die Freude am Gesang.
Tollwood? Was für ein tolles Festival!
Was machen Sie an Tagen ohne Auftritt?
Ich lerne, einfach mal zu entspannen. Mein Mann De Mario und ich genießen die Zeit miteinander und mit unserem Hund Zeus. Mittlerweile habe ich schon ein paar Mal an der Bayerischen Staatsoper gesungen, und nun erlaube ich mir, etwas mehr mit dem Team und mit Freunden zu unternehmen. Diesmal ging es über Schwabing hinaus, und wir hatten eine gute Zeit am Pool oder beim Grillen. Vor Kurzem waren wir auf dem Tollwood, was für ein Festival! De Mario und ich kochen viel, wir gehen auf Antiquitätenjagd. Und nebenbei lerne ich Deutsch, ich will die Menschen hier verstehen.
Sie kommen im Dezember nach München zurück.
In der „Fledermaus“ singe ich den Prinzen Orlofsky. Für ihn ist alles langweilig, aber für mich so aufregend! Das ist eine herrlich extravagante Rolle! Der Prinz trägt diese unglaublich schönen Kleider mit riesigen Federn - und diese unfassbar hohen Schuhe. Puh! Es wird eine arbeitsreiche Zeit für mich, doch ich bin so froh um meine Münchner Fangemeinde und dieses fantastische Opernhaus. Auch deshalb fühle ich mich hier wie zu Hause. Und wer weiß, was noch alles kommt.
Oper „Alcina“, 28. Juli 2026, 18 Uhr, Prinzregententheater, Restkarten unter Tel. 21 85-19 20, Fledermaus am 31. Dezember 2026 sowie am 3., 5. und 7. Januar 2027.
CD John Holiday: „Over My Head“ (Pentatone)