"Ich diktiere keine Frisuren"

Seit 50 Jahren ist der Musikproduzent Dieter Oehms im Geschäft. Ein Gespräch über den Wandel der Branche
| Robert Braunmüller
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Heute: Valer Sabadus als Sony-Künstler
Uwe Ahrens/Sony 2 Heute: Valer Sabadus als Sony-Künstler
Der Plattenproduzent Dieter Oehms.
2 Der Plattenproduzent Dieter Oehms.

Zu seinen beruflichen Stationen zählten die Deutsche Grammophon und Philips. 1995 gründete er für Bertelsmann das Budget-Label Arte Nova. Hier brachte Dieter Oehms den höchst erfolgreichen Beethoven-Zyklus mit David Zinman und die ersten Aufnahmen von Christian Gerhaher und Gerold Huber heraus. 2002 gründete er sein eigenes Label OehmsClassics, bei dem jährlich rund 50 Klassik-Produktionen entstehen. In diesem Monat ist er seit 50 Jahren im Geschäft.

AZ: Herr Oehms, Klagen und Krisengerede gehört zur Musikbranche. Wie geht es Ihnen?

DIETER OEHMS: Gut. Ich mache Alben, weil ich mein Leben lang nichts anderes gemacht habe. Als Bertelsmann damals Arte Nova trotz Gewinnen geschlossen hat, habe ich aus Zorn mein eigenes Label gegründet, weil mir diese Arbeit Spaß macht.

Trotz Krise erscheinen heute mehr CDs denn je. Jeder Straßenmusiker hat sein eigenes Album.

Nach wie vor gibt es 5000 Klassik-Produktionen pro Jahr. Das sind rund 450 in jedem Monat. Es ist heute sehr billig, ein Studio zu mieten. Aber es gibt keinen Handel mehr. In München gab es früher das Disco Center, Radio Rim, Lindberg und noch 15 Läden mehr, deren Namen ich vergessen habe. Heute wissen nur Experten, dass sich im fünften Stock eines Textilhauses ein Plattenladen befindet.

Wo kaufen die Leute heute?

Sie gehen ins Konzert und sehen im Foyer eine CD. Die Digitalisierung ist wie eine Flasche Schnaps: Wenn der Korken raus ist, verflüchtigt sich der Alkohol im Raum. Musik ist heute überall verfügbar. Man kann sich eine CD kaufen, man kann sie brennen, die Daten downloaden oder auch klauen. Und die Qualität bleibt perfekt. Aber die meisten jüngeren Kunden wollen die Musik heute gar nicht mehr für die Ewigkeit wie in den Zeiten der Langspielplatte.

Es gibt mindestens 100 Gesamtaufnahmen der neun Symphonien von Ludwig van Beethoven. Wozu braucht man eine neue?

Als David Zinman damals mit dem Tonhalle Orchester Zürich einen Beethoven-Zyklus aufnehmen wollte, hat man ihn bei Decca ausgelacht. Der Manager des Orchesters ging von Label zu Label, bis er bei Arte Nova landete. Ich fand Zinmans Ansatz spannend. Er wollte Beethoven nach der neuen Ausgabe von Jonathan del Mar aufnehmen.

Die Unterschiede hören aber nur Musikwissenschaftler.

Aber es war ein Verkaufsargument. Und auch künstlerisch hatte Zinman etwas zu sagen. Jede Zeit hat ihre eigene Interpretation. Daher sind Neuaufnahmen durch lebende Künstler notwendig. William Youn, ein in München lebender Pianist aus Korea, hat für mein Label begonnen, alle Mozart-Sonaten aufzunehmen. Die gibt es auch schon 100-mal. Trotzdem: Er hat etwas zu sagen. Die Rezensionen sind gut und die Alben ein Erfolg.

Wird die CD irgendwann doch aussterben?

Das glaube ich nicht. CDs befriedigen im Unterschied zu einem Download das Ego von Künstlern. Sie brauchen CDs, um sie an Veranstalter verschicken zu können. Für Opernhäuser und Orchester sind eigene CD-Editionen zur Imagepflege und Dokumentation wichtig. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hatte früher einen Vertrag bei Sony. Aber irgendwann wollten sie sich nicht mehr von einem Label diktieren lassen, welches Repertoire sie aufnehmen.

Sind die Groß-Labels für Sie eine Konkurrenz?

Die Majors machen Aufnahmen mit Martin Stadtfeld oder Lang Lang, weil diese Künstler vom Image und der Persönlichkeit her interessant sind. Das hat aber nichts damit zu tun, dass diese Pianisten bessere oder interessantere Interpreten sind. Das ist die Chance für unabhängige Labels.

Ärgert es Sie, dass Sie Künstler aufbauen, die Ihnen dann von den Großen weggeschnappt werden?

Ich habe die ersten CDs mit dem Counter Valer Barna-Sabadus herausgebracht. Als er zu Sony ging, wurden zuerst einmal der Bart und die langen Haare gestutzt. Auch sein Name war zu schwierig. Jetzt heißt er Valer Sabadus. Dann wurde er frisiert wie Herr Stadtfeld und so gekleidet.

Er singt immer noch gut.

Ich diktiere keine Frisuren und kein Repertoire. Ein Künstler soll aufnehmen, was ihm liegt und wozu er als Interpret etwas zu sagen hat.

Was ist Ihre momentane Lieblingsplatte von Oehms Classics?

Jeden Tag eine andere. Mir ist keine CD gleichgültig. Ich liebe Bruckner seit ich seine Musik unter Eugen Jochum kennengelernt habe: Daher schätze ich den Zyklus aller Symphonien, die Simone Young mit den Philharmonikern Hamburg bei uns herausgebracht hat. Oder das neue Mozart-Album von Valer Barna-Sabadus. Im Herbst erscheint ein Advent-Album des Vokal-Ensembles Singer Pur. Die sind seit zehn Jahren bei mir unter Vertrag.

 

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