„Ich bin gegen eine Abschottung“

Christoph Eschenbach war ein Kind, als er gegen Kriegsende mit seiner Großmutter flüchtete. Heute ist er einer der gefragtesten Dirigenten der Welt
| Julia Kilian
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Mit Helmut Schmidt und Justus Franz spielte er Bach und Mozart. Christoph Eschenbachs Kindheit verlief dramatisch: Die Mutter starb kurz nach seiner Geburt in Breslau, sein Vater, ein Musikwissenschaftler, war Gegner der Nazis. Er kam in einem Strafbataillon ums Leben. Mit der Großmutter floh er aus Schlesien; sie starb in einem Flüchtlingslager in Mecklenburg. Eschenbach wurde später adoptiert, lernte Klavier und gewann bald erste Preise. Nun dirigiert der 75-jährige das National Symphony Orchestra aus Washington auf einer Europatournee.

AZ: Herr Eschenbach, Sie haben selbst Flucht erfahren. Wie verfolgen Sie die Debatte in Deutschland?

CHRISTOPH ESCHENBACH: Die interessiert mich natürlich sehr, wie Sie sagen, auch aus meinem eigenen Schicksal. Nur ist es jetzt ein globales Thema geworden, während es am Ende des Zweiten Weltkriegs eher ein europäisches, ein deutsches Problem war. Das macht die Sache schwieriger.

Erinnern Sie die Bilder sehr an Ihre Vergangenheit?

Natürlich. Wenn ich Bilder sehe von Leuten, die in Schlauchbooten über das Mittelmeer kommen. Nicht so anders sah es aus in meiner Jugend. Das war zwar nicht in Schlauchbooten, aber im tiefen Schnee des Winters ‘45. Wo man irgendwo eine Krume Brot suchte. Und wo Leute vor einem, neben einem und hinter einem starben. Insofern kann ich dieses Phänomen sehr, sehr gut verstehen.

Hierzulande wird heftig gestritten – Abschottung oder nicht?

Ich bin gegen eine Abschottung, total dagegen. Natürlich ist das immer eine Frage der Integration, und die muss man sehr klug handhaben. Aber ich bin ein Gegner davon, Grenzen zu schließen. Ich finde es interessant, dass sich die Kulturen vermischen. Deswegen sollte man die Flüchtlinge nicht so als Problem sehen, sondern man sollte viel aufgeschlossener sein. Wir sollten interessierter sein, was die Menschen, die nach Norden strömen, an Kultur mitbringen.

Weil sich auch unsere Kultur verändert?

Ja. Zum Beispiel: Wir beginnen unsere Europatournee mit dem National Symphony Orchestra jetzt in Spanien. Und wenn Sie die spanische Musik angucken, die Folklore oder die Architektur, dann sehen Sie sehr viel vom Islam darin. Und das meine ich mit Kulturvermischung. Das geht schon seit Jahrhunderten, Jahrtausenden vor sich.

Man liest, Sie hätten als Kind nach der Flucht angefangen zu schweigen?

Ja. Ich war zu. Ich brauchte ein Ventil, das mich wieder öffnet. Und das war die Musik.

Eschenbach und das National Symphony Orchestra Washington gastieren am 15. Februar im Gasteig, Karten unter Telefon 93 60 93

 

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