Helge Schneider: Das Leben ist extrem minimiert

Helge Schneider kommt nach München und spielt am 9. und 10. August im Innenhof des Deutschen Museums
| Interview: Thomas Becker
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Helge Schneider beim AZ-Sternefest 2020.
Daniel von Loeper Helge Schneider beim AZ-Sternefest 2020.

Eigentlich wollte Helge Schneider im Mai dreimal im Circus Krone spielen, aber daraus wurde wegen Corona natürlich nichts. Nun kommt er doch nach München, um wenigsten zwei Konzerte im Innenhof des Deutschen Museums zu geben.

AZ: Herr Schneider, Mitte Mai haben Sie mit einem ungewöhnlich ernsten Facebook-Video zu den Corona-Folgen Ihre Fan-Gemeinde in Aufregung versetzt. Sie wollten erst wieder auftreten, "wenn alle Freiheiten wieder da sind". Letzter Satz: "Wenn das so weitergeht, war’s das." Was heißt das für Sie als Bühnenmensch?
HELGE SCHNEIDER: Ich sehe das realistisch: Die nächsten zwei, drei Jahre wird das erst mal so vor sich hindümpeln. Ich habe mich aber entschlossen, Solo-Konzerte zu machen - aber nicht vor Autos. Ne Leinwand und die Band spielt im Keller: Das geht nicht, das ist Quatsch. Sondern live, auf einer Bühne und vor Leuten, die da wirklich sitzen. Jetzt gibt es die Möglichkeit, vor mehreren hundert Leuten zu spielen - das ist dann so, wie ich angefangen habe, nur dass die weiter auseinander sitzen. Das geht ja auch. Ich muss spielen, denn die Leute müssen ja ein bisschen was vom Leben haben – und ich auch. Diese Nähe, die Jazz-Musik mit sich bringt, wenn man in einem kleinen Club oder irgendwo auf engstem Raum spielt: Das ist vorbei, für lange, lange Zeit. Beim letzten Konzert vor tausend Leuten in Halle, am 10. März, wusste ich schon: Das wird jetzt für Jahre nicht mehr so sein.

Mal vom Geld abgesehen: Geht Ihnen das auch körperlich ab?
Die Kohle ist zweitrangig, immer schon gewesen bei mir. Körperlich abgehen: Das hält sich in Grenzen. Ich hab’ jetzt ein paar Sachen gemacht: Das war ganz nett - weil die Leute auch anders sind, sehr zuvorkommend. Die nehmen das anders auf. Es ist nicht so ein Gedrängel. Es geht also in der Form auch, aber das Leben in Form des Wortes leben ist extrem minimiert.

Spielen Sie nun live Ihr Jazz-Programm "The deadly brothers" ohne Komik-Anteil?
Och, ich misch’ das so, nach Bedarf. Ich bring’ meine Orgel mit, sing’ auch mal eins meiner neuen Lieder, mach’ so meine Scherzchen – ich kann das auch nicht anders. In einem Rahmen mit Konzertbedingungen kann ich nicht nur Musik machen. Ich mach’ eigentlich immer noch dasselbe wie vor fast 50 Jahren.

Ende August werden Sie 65. Sie könnten in Rente gehen.
Nee, muss ja Miete zahlen.

Mal über das Leben nach der Bühne nachgedacht?
Ich hab’ ja mein Leben lang darauf hingearbeitet, das bis zum Ende zu machen. Ich hätte gar keine andere Idee. Ich könnte mir vorstellen, als Oppa mit’m Stock durch so ein Dörfchen zu laufen – aber dann kommt ein Anruf, und ich muss wieder nach München.

Sie touren seit 1993 durchs Land. Wie gehen Sie damit um, nichts mehr planen zu können?
Für mich ist es nicht so schlimm, für manche Veranstalter dagegen schon. Auch Musiker müssen nun stempeln gehen.

So ging ja Ihre TV-Karriere los: Auf Vermittlung des Arbeitsamts Düsseldorf haben Sie 1984 bei einem Schimanski-"Tatort" mitgespielt. Wie war das?
Ach, den Schimanski hab’ ich damals gar nicht so wahrgenommen.

Was für eine Rolle hatten Sie?
Irgendso ‘nen Typen von einer Rockerbande.

Nicht wahr? Sie haben einen Rocker gespielt?
So ‘nen ganz Fiesen. Einmal musste ich auf einen einprügeln, und dann hat der mich sofort umgehauen.

Toller Job!
Irgendwann wurden dann beim Dreh alle Rocker versammelt, und einer sagte zu mir: "Du nicht." Dabei wollte ich doch berühmt werden! Ich hatte auch noch andere Jobs beim Fernsehen.

Welche denn?
"Ignaz der Gerechte" hieß die Serie, mit so nem Anwaltstypen, und ich sollte irgendwo Feuer legen und in einer Garage ein Auto klauen. Dann hab’ ich so total übertrieben, dass die alles rausgeschnitten haben: "Nein, so geht’s nicht!"

Da macht man seine Filme doch lieber selber, wie Sie mit Ihren Doc-Snyder-Filmen. Ist es eine Überlegung, künftig wieder mehr Film zu machen, wenn man schon nicht ordentlich auftreten kann?
Nein, der Plan ist, dass ich auftrete. Ich wollte mal wieder einen Film machen, aber das ist nicht so einfach. Das Auftreten ist für mich schon das Elixier, das Leben.

Ihre neue Platte "Mama" erscheint am 28. August. Ein sehr bunter Mix: Es geht unter anderem um Ayurveda, Ebay, Striptease, die Raumpatrouille, Western, Samba und einen Friseurbesuch.
Alles, was man nicht mehr so richtig kennt.

Wie entsteht so ein Album? Hocken Sie da allein im Studio, oder gibt es noch jemanden, der an den Knöpfen dreht?
Nee, mach’ ich alles selbst. Das ist am bequemsten.

Kein Korrektiv? Niemand, der den Daumen hebt oder senkt?
Nö, Daumen hoch oder runter mach’ ich selbst. Das muss man dann aber können.

Brauchen Sie viele Takes, oder sind Sie eher schnell mit sich zufrieden?
Meistens ein oder zwei. Es ist nicht so einfach. Bei "Ich setz mein Herz bei Ebay rein" zum Beispiel ist ja so ein Break am Anfang: Nach dem Sänger setzt die Band ein – eine Frage des Timings. Timing ist das Wichtigste überhaupt in der Musik, nicht unbedingt der Takt. Je nachdem wie jemand seine Stimme phrasiert, kommt dieses "Ebay rein" vielleicht ein bisschen zu spät, und das klappt mit der Band nur, wenn der Typ wirklich dabei ist. Ich hab’ das so gemacht: mit der linken Hand die Akkorde am Klavier gespielt, ins Mikro gesungen und mit der rechten Hand mit der Sambarassel den Rhythmus gemacht.

Und so solo machen Sie das immer?
Nee, nicht immer, aber bei meiner ersten Platte 1983 hatte ich auch nur einen Schlagzeuger dabei.

Wie lange sitzen Sie an einem neuen Album?
An "Mama" habe ich zehn Tage gearbeitet, aber sehr intensiv. Morgens um halb sieben aufgestanden, an der Schreibmaschine Texte geschrieben für einen Song, der mir gerade eingefallen ist. So habe ich 12, 13 Songs zusammenbekommen.

Zehn Tage für 13 Songs, fix und fertig, ready to print? Das ist flott, Respekt.
Das muss so sein. Man will das auch zu Ende bringen. Das ist wie beim Kuchenbacken: Irgendwann will man den auch essen.

Wann haben Sie die Platte aufgenommen?
Vor fünf Wochen. Aber die kommt ja erst Ende August raus - bis dahin hab’ ich das schon längst wieder vergessen. Für mich ist das schon von gestern, ich könnte schon wieder ne neue Platte machen.

Das heißt, dann ist "Forever at home" tatsächlich aktuell und sozusagen der Song zum Virus?
Das war die Initialzündung. Stefan Raab hatte mich gefragt, ob ich beim "Free European Song Contest" mitmachen will. Ich wollte sowieso ne Platte machen, aber mit meiner Band. Dann kam Corona, und wir haben die Band sozusagen aufgelöst. Normalerweise hätte ich den Auftritt bei Raab vielleicht nicht gemacht, aber wir sind gut befreundet, und dann hab’ ich gedacht: ,Machste das’. Hab’ mir den Song einfallen lassen, ihm das gleich am Telefon vorgesungen, und er meinte: "Hömma, das hört sich gut an!" Zwei Stunden später hab’ ich ihm den Text geschickt. Und die Musik. Im Studio hab’ ich das dann live gesungen. Hat sehr viel Spaß gemacht, ist auch nicht einfach, in einem leeren, riesigen, abgedunkelten Raum so ganz alleine mit einer Band im Hintergrund. Vierten Platz hab’ ich glaub’ ich gemacht.

Kaum zu glauben, dass es da drei Bessere gab!
Is’ eigentlich ‘n Ding, ne?
    
Helge Schneider spielt am 9. und 10. August im Innenhof des Deutschen Museums; geplant sind die ausgefallenen Konzerte im Circus Krone nun für 3. bis 5. Dezember, Karten für alle Veranstaltungen gibt es unter Telefon 089-344 975

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