Hart an der Kante

Der Wiener Friedrich Cerha hat für das Gärtnerplatztheater die Komödienvorlage von Billy Wilders Film „Eins, zwei drei“ vertont
| Birgit Gotzes
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Der Komponist Friedrich Cerha.
Manu Theobald Der Komponist Friedrich Cerha.

Einem größeren Publikum wurde er wohl erst durch die Vollendung des dritten Akts von Alban Bergs „Lulu” bekannt. Am Samstag bringt das Gärtnerplatztheater Friedrich Cerhas vierte Oper zur Uraufführung: „Onkel Präsident“ nach Ferenc Molnárs Einakter „Eins, zwei, drei” an - der Vorlage von Billy Wilders gleichnamiger Filmkomödie mit Horst Buchholz.

AZ: Herr Cerha, als Verdi seinen „Falstaff” vollendete, war er 80, Sie sind 87. Warum noch – oder jetzt: eine Oper?

FRIEDRICH CERHA: Es hat mich gereizt, als alter Mann auch einmal Vergnügen an meiner Arbeit zu haben.

Deshalb eine Komödie?

Wahrscheinlich ist es so, dass man in vorgerücktem Alter über Dinge lächelt, über die man als junger Mensch zornig geworden wäre.

„Onkel Präsident” schlägt die Hauptfigur im Prolog einen seiner Arbeitstage als Thema einer Oper vor. Was ist da passiert?

Die ihm anvertraute Tochter seines Chefs hat sich verliebt und ist schwanger. Dem Präsidenten gelingt es, in einer Stunde für die aus den USA anreisenden Eltern aus ihrem Fahrradboten einen präsentablen Schwiegersohn zu machen: einen Grafen, Generaldirektor und Senator.

Wie sind Sie auf die Vorlage für Ihre Oper gestoßen? Über Billy Wilders Film?

Nein. Die Idee kam vom Librettisten Peter Wolf. Wobei ich die Molnár-Stücke immer sehr geschätzt habe. Aber bei uns bleibt der Schluss offen. Und etwas passiert, was in der Geschichte der Oper vielleicht neu ist: Dass die Hauptfigur am Ende nicht triumphiert, nicht stirbt und nicht die Angebetete bekommt, sondern einschläft.

Wie aktuell ist Ihre Oper?

Ich denke, wir erleben ja auf allen Gebieten Karrieren, wo wir die Hintergründe nicht sehen und dann irgendwann auch Abstürze von Leuten, die eine hohe Stellung erklommen haben. Da haben Sie ja in Deutschland in letzter Zeit ein paar schöne Beispiele gehabt.

Ist Ihre Oper ein Kommentar zur Wirtschaftskrise?

Ja. Der Sekretär sagt zum Präsidenten: Sie lenken souverän ihren Konzern. Er antwortet: Ja, aber im Hinterkopf habe ich immer die große Krise, den Absturz.

Tempo, Situationen und Wortwitz erzeugen in Billy Wilders Film die Komik. Welche musikalischen Mittel setzen Sie dafür ein?

Eine ganz scharfe musikalische Charakterisierung der einzelnen Figuren und damit auch der Situation, in der die Figuren sich befinden, war mir wichtig. Es wird natürlich viel zitiert. Wenn schon vom „Falstaff” die Rede ist...

Warum sind komische Opern heute so selten?

Ob die Komponisten nicht mehr lachen oder nichts mehr zu lachen haben, weiß ich nicht. Der Grund ist wahrscheinlich der, dass die Komödie ja immer eine Realität, eine Gegenständlichkeit braucht, und das ist etwas, was sehr vielen heute nicht willkommen ist.

Warum sollen wir in die Uraufführung kommen?

Sie müssen nicht!

Wieso findet sie in München statt?

Ich hab’ ganz wenige Werke für irgendwelche Künstler oder Institutionen geschrieben. Eigentlich sind die allermeisten Stücke einfach aus einem Zwang, einem Bedürfnis entstanden. Wenn sie annährend fertig waren, habe ich mich natürlich umgesehen um eine Aufführungsmöglichkeit und einen Auftrag.

Aber hier nach München gab es doch wohl eine Verbindung durch den Intendanten des Theaters, der ein Landsmann von Ihnen ist?

Ja natürlich, Klagenfurt hat sich interessiert, als Josef E. Köpplinger noch dort war. Er wollte es unbedingt machen. Der Salzburger Festspiel-Chef Pereira hat meine Frau in Salzburg getroffen und hat vorwurfsvoll gesagt: Ihr Mann schreibt nicht für uns in Salzburg, sondern für München!

Von Ruhestand kann bei Ihnen keine Rede sein?

Man fühlt sich von den Dingen, die einen verfolgen, gedrängt – von den Obsessionen, den klanglichen. Ich habe das Dirigieren aufgegeben, mein letztes Konzert gemacht, und muss das Stück für das Festival von Donaueschingen fertigmachen. Ein Orchesterstück hab ich im Kopf, „Eine blassblaue Erscheinung” wird es heißen.

Lebt man mit 87 – wie Peter Hagmann in seiner Siemens-Preisrede auf Sie in München sagte – „ein Leben auf der Kante”?

Ja, aber nicht zu nah auf der Kante. Damit man nicht hinunterfällt.

Premiere am Samstag, 19 Uhr, Prinzregententheater

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