Kritik

Gracie Abrams neues Album "Daughter from Hell"

Auf ihrem dritten Album wirkt Pop-Superstar Gracie Abrams erwachsener, muss aber noch die Erfahrungen der Spät-Adoleszenz verarbeiten. Das dritte Werk gilt oft als entscheidend: Kann sie ihren kometenhaften Aufstieg verstetigen?
Peter Gratz |
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Gracie Abrams trifft den Zeitgeist der jungen Generationen - rund 37 Millionen Zuhörer bei Spotify bestätigen das.
Gracie Abrams trifft den Zeitgeist der jungen Generationen - rund 37 Millionen Zuhörer bei Spotify bestätigen das. © Julie Greve

Können Sie sich noch erinnern? An die ersten Momente im Leben, in denen man als (fast) Erwachsener auf Kindheit und Jugend zurückblickt? Man merkt, dass doch schon mehr hinter einem liegt als gedacht, und erkennt falsche Entscheidungen und Dinge, die denkbar schlecht gelaufen sind. An so einem Punkt steht auch die 26-jährige Singer-Songwriterin Gracie Abrams gerade und hat ihre Gedanken im neuen Album „Daughter from Hell“ zusammengefasst.


Doch ihre dritte Platte handelt nicht nur von schlechtem Benehmen gegenüber den Eltern, sondern ist auch wieder eine klassische „Tagebucheinträge-über-Beziehungen“- LP. Der Reiz dieses Formats liegt in der intimen, oft fragil klingenden Gesangsdarbietung die typisch für das sehr stark von Billie Eilish geprägte Phänomen des „bedroom pop“ ist.

Der Sound wird erwachsen, die gelungene Bauweise der Lieder bleibt

Davon gibt es auf dem Album, wie leider auch von den auf den Vorgängern oft auftauchenden Folk-Anleihen, dieses Mal weniger. Gracie ist erwachsener und größer geworden. Nun spielen Piano und Electro-Einflüsse eine wichtigere Rolle, auch kann von DIY-Ästhetik keine Rede mehr sein. Der Sound ist von den aus dem Indie-Rock & Folk Spektrum stammenden Produzenten (The Nationals, Bon Iver) sehr clean und ausgefeilt gebaut, wirkt größer, elektronischer, aber auch trauriger als auf den ersten Werken.

Wer “ooh, ooh, ooh“-Passagen nicht mag, sollte sich von Abrams Musik sowieso fernhalten. Abgesehen davon besticht sie jedochnicht durch Einfachheit, sondern überlegten, ausgefeilten Liedbau, der besonders schöne Bridges hervorbringt - eine mittlerweile bedauerlicherweise oft vergessene Kunst. Diese sind vielfach der Höhepunkt der Lieder, die langsam in Fahrt kommen und erst kurz vor dem Ende eine Steigerung erfahren. Sonst gibt es auf der eher faden Instrumentierung schöne Bildsprache und emotionale Lyrics, die einen in die Gefühlswelt einer jungen Erwachsenen mitnehmen.

Hier stechen speziell „Death Wish“, „The Knife“ und „Look at my Life“ heraus. Mit recht martialischer Ästhetik - Messer-Metaphern kommen in fast der Hälfte der Lieder vor - beschreibt sie anschaulich und durchaus bewegend die Auswirkungen gescheiterter Liebe.

Einblicke in das Gefühlsleben einer jungen Frau

Auch in „Good Reason“ heißt es beispielsweise: „Took a sharp knife, more than once or twice / To the heart of this, and you threatened it / Metaphorically, accidentally.“ Wie in einem Tagebucheintrag spricht sie ihr gegenüber direkt an und erzählt von Reue, Bedauern und unglücklicher Liebe. Leider nicht die gewünschte Wirkung entfaltet der Titelsong „Daughter from Hell“. Nach dem entfernt an Oasis erinnernden Intro mit verzerrter E-Gitarre und einer kraftvollen, über dem coolen Riff schwebenden Gesangsstrophe passiert wider Erwarten nichts mehr. Der chorale Background-Gesang inklusive künstlicher Claps kommt zur Rettung zu spät.

In „Men Like You“ reflektiert Abrams wieder eigenes Verhalten, greift aber auch Themen des aktuellen feministischen Diskurses auf. Nachdem man den Begriff „pick-me-girl“ gegoogelt hat, erscheint die Refrain-Zeile: „Girl, I know men like you“ („Mädel, ich kenne Männer wie dich“) in einem ganz anderen Licht. Als einer der wenigen schnelleren Beiträge der Platte überzeugt der Song auch musikalisch.

Voller Einsatz beim Live-Auftritt
Voller Einsatz beim Live-Auftritt © IMAGO/SOPA Images

Zu wenig Abwechslung für 16 Songs

Teilweise wirkt die negative Sichtweise auf die Geschehnisse aber doch etwas eigentümlich, besonders wenn man den Hintergrund der Sängerin kennt. Beide Eltern sind in Hollywood erfolgreich, Privatschule, Studium an einer New Yorker Spitzenuni - so schlimm wird’s schon nicht gewesen sein.

Die erste Hälfte des 16 Lieder umfassenden Albums ist um einiges stärker, als die Nummern 10-16 (einen siebzehnten Song gibt es nur für Kunden, die ihre Vinyl-Edition bei der US-Supermarktkette Target kaufen). Vielleicht sind einzelne Songs gar nicht schlechter als ihre Pendants auf den vorderen Plätzen, aber man hat zu diesem Zeitpunkt alles schon einmal gehört. Das ist bei Gracie Abrams immer schon Fluch und Segen zugleich. Wenn man ihren Stil äußerst gern mag, ist es optimal, dass sie eben diesem Stil durchgängig sehr treu bleibt und keine extremen Variationen einstreut. Alle anderen wünschen sich ein kürzeres knackigeres Album - die ersten zehn Songs würden völlig reichen.

Gracie Abrams beim „Lollapalooza“ im Berliner Olympiastadion
Gracie Abrams beim „Lollapalooza“ im Berliner Olympiastadion © IMAGO/Votos-Roland Owsnitzki

Feature mit Marcus Mumford enttäuscht

Wirklich enttäuschend ist aber das einzige Feature auf der Platte. Auf „What If It’s Right“ soll eigentlich Marcus Mumford - Frontmann der Folk-Rocker Mumford & Sons - vorkommen, man kann ihn aber höchstens erahnen. Er darf kein einziges Mal allein singen und auch in den gemeinsamen Passagen hat der Mixing-Engineer nichts von einem gleichberechtigten Duett gehalten.

Die Mumford typische Power hätte dem Langspieler zum Ende hin noch einmal gutgetan. So bleibt am Ende ein Fazit, dass typisch für die bessere Pop-Musik - zumindest in der Singer-Songwriter-Richtung - der letzten Jahre steht: Das ist recht gut, lyrisch teilweise hervorragend gemacht und trifft die emotionalen Anknüpfungspunkte der Zielgruppe, wahnsinnig spannend ist es insgesamt aber nicht. Mit ihrem dritten Album hat sich Gracie Abrams die Karriere in keinem Fall verhauen, für den Pop-Olymp reicht es aber auch (noch) nicht.

„Daughter from Hell“ (Interscope), auf allen gängigen Streaming-Plattformen und im Musikfachhandel
gracieabrams.com

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