Gilles Vonsattel über "The Age fo Anxiety" von Leonard Bernstein

Gilles Vonsattel spielt mit den Münchner Philharmonikern unter Kent Nagano "The Age fo Anxiety" von Leonard Bernstein
| Marco Frei
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Der in der Schweiz lebende Pianist hat in den USA auch Politik und Wirtschaft studiert.
Marco Borgreve Der in der Schweiz lebende Pianist hat in den USA auch Politik und Wirtschaft studiert.

Gilles Vonsattel spielt mit den Münchner Philharmonikern unter Kent Nagano "The Age fo Anxiety" von Leonard Bernstein

Mit Programmen, die das Erbe und die Moderne vereinen, schafft Gilles Vonsattel spannende Diskurse. Jetzt debütiert am Mittwoch bei den Münchner Philharmonikern. Unter der Leitung von Kent Nagano ist er in Leonard Bernsteins Symphonie Nr. 2 „The Age of Anxiety“ für Klavier und Orchester von 1948/49 zu erleben. Der Titel geht auf das gleichnamige Gedicht von W. H. Auden zurück. Es galt damals als Sinnbild für eine ganze Generation.

AZ: Herr Vonsattel, wie politisch ist Bernsteins „Zeitalter der Angst“?
GILLES VONSATTEL: Vordergründig scheint das Werk politisch zu sein, zumal der Titel stark ist und zur damaligen Zeit passte. Die Stunde null nach dem abgründigen Zweiten Weltkrieg, der beginnende Kalte Krieg zwischen Ost und West, das atomare Wettrüsten: Das war ein „Zeitalter der Angst“. Auch Bernstein selbst wurde immer wieder angefeindet in den USA, nicht nur während der antikommunistischen McCarthy-Ära.

Also ist die Symphonie politisch?
Nicht wirklich, weil der Titel ein Missverständnis ist. Überdies kennen zwar viele den Titel allgemein, haben aber das Gedicht nicht gelesen.

In dieser „barocken Ekloge“ von 1947 geht es um drei Männer und eine Frau, die sich während des Zweiten Weltkriegs in einer Bar in New York begegnen. Zeitgleich künden die Nachrichten von Tod und Vernichtung.
Richtig, aber vieles dreht sich eben auch um das Nacherzählen der Entwicklung eines Menschen: Kindheit, Jugend, das Erwachsen- und Älterwerden. Überdies gerät Rosetta zwischen drei Männern. Auf diese Stränge bezieht sich Bernstein: besonders stark etwa im berühmten, jazzigen Abschnitt „The Masque” mit Schlagzeug und Klavier. Deshalb war wohl Auden auch nicht besonders begeistert von Bernsteins Version. Gegenüber Igor Strawinsky hat er es sogar als „Mist“ bezeichnet.

Woran könnte das liegen?
Bernstein war ein großartiger Musiker, und vieles hat er in dem Werk verarbeitet – Gustav Mahler, Dmitri Schostakowitsch, Johannes Brahms, Jazz. Das Werk ist ein originelles Pasticcio. Er war ein glühender Optimist. Auden erschien die Komposition zu bunt und naiv.

Inwieweit erleben wir ebenfalls ein „Zeitalter der Angst“, geschürt von Populismus und Nationalismus?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich total erledigt bin von dem, was in den USA passiert. Es fühlt sich an, als ob ein geliebter Mensch verstorben sei – eine unbeschreibliche Leere und tiefe Frustration. Ähnlich wie damals bei den Anschlägen des 11. September 2001, als ich gerade in New York war. Etwas scheint vorbei zu sein, und wir müssen es wieder aufbauen. Für meine Generation und für mich selbst, die wir nach vorne schauen, scheint etwas verloren zu sein. Selbstverständliche Werte werden infrage gestellt. Ja, es ist tatsächlich ein „Zeitalter der Angst“, und Sie haben Recht: Wie muss sich der Titel „The Age of Anxiety” damals angefühlt haben, angesichts allgegenwärtiger Destruktion und Unsicherheit?

Sie haben auch Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert.
Das Klavier und die Musik waren stets meine große Liebe, aber ich stamme aus einem Akademikerhaus. Ich liebte stets auch Wissenschaft. Geschichte, Wirtschaft, Politik. Es gab in New York das Angebot eines Doppel-Abschluss-Programms zwischen der Juilliard School of Music und der Columbia University. Das sind zwei fantastische Institutionen, nur wenige U-Bahn-Stationen voneinander entfernt. Für mich war das ein Traum, trotz des immensen Arbeitsaufwands.

Inwieweit sind Partituren auch beeinflusst vom sozialen Kontext, von politisch-historischen Entwicklungen oder Geistesströmungen?
Mich hat immer jener Unterricht und Diskurs ganz besonders inspiriert, der über den Horizont hinausblickte, der mit einbezieht, was sonst in der Zeit passierte und geschaffen wurde, als eine Partitur entstand. Dieses „Aufgeklärtsein“ ist aus meiner Sicht für jede Interpretation von Vorteil. Ich hatte das Glück, auf Lehrer und Musiker zu stoßen, die umfassend gebildet waren und offen waren für moderne und zeitgenössische Musik.

Obwohl es in den USA schwierig ist, abseits des Mainstreams zu programmieren.
Für große Symphonieorchester ist das knifflig, aber es gibt wunderbare, neugierige Ensembles und Kammerorchester, die das offen angehen. Vieles dreht sich ums Geld: In einem öffentlich geförderten Kulturleben wie größtenteils in Europa ist es viel einfacher, mehr zu „riskieren“. Kommen in Amerika zu einem Konzert nur wenige Besucher, können existenzielle Probleme entstehen. Immer geht es zuvörderst um den Kartenverkauf, was nicht die erste Sache sein sollte in der Kunst. Das ist eine erschreckende Situation. Wir müssen die Kunst verteidigen.

Und wie?
Natürlich benötigen wir gebildete, kultivierte Geldgeber, die Verantwortung übernehmen und zuhören – auch ein gegenseitiges Vertrauen, was ebenso das Publikum einbezieht. Allerdings müssen sich auch die Musiker selbst von der Einstellung trennen, moderne Musik wie Gemüse zu behandeln: Man isst es, weil es gesund ist, aber nicht, weil es einem schmeckt. Es reicht nicht aus, dieses Repertoire einfach zu spielen, um zu sagen: „Ich habe drei Stücke uraufgeführt.“ Es muss Herzensanliegen sein, eine echte, gefühlte Mission. Marco Frei

Mittwoch, 15., Freitag 17. März, Philharmonie, 20 Euro

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