Kritik

Nick Cave: Statt Halle‑Ekstase ein düsteres Konzert am Königsplatz

Nick Cave kehrte kurz nach dem Olympiahalle‑Hype nach München zurück, diesmal auf den Königsplatz — und das Open‑Air wirkte deutlich düsterer und weniger euphorisch. Die Bad Seeds lieferten starken Sound, "Henry Lee" und das a cappella gesungene "Joy" stachen hervor.
Dominik Petzold
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ als Quelle bevorzugen
Nick Cave spielt vor 13.500 Zuschauern auf dem Königsplatz.
Nick Cave spielt vor 13.500 Zuschauern auf dem Königsplatz. © Jens Niering

Im Oktober 2024 gab Nick Cave mit seinen Bad Seeds in der Olympiahalle ein unvergessliches Konzert und trieb das Publikum in die kollektive Raserei. Schon 22 Monate später tritt er auf dem Königsplatz auf, das ist eine sehr kurze Spanne zwischen Großkonzerten. Und viele Zuschauer von 2024 dürften wieder gekommen sein. Können sie die Sternstunde nochmals erleben?

Nein, sie erwartet ein völlig anderes Konzert. Vor zwei Jahren strahlte Cave mit jeder Pore Warmherzigkeit und Freude aus und feierte mit einem zunehmend euphorisierten Publikum eine Rock-Messe. Auf dem nicht ausverkauften Königsplatz wirkt Cave völlig anders: düsterer, dunkler, ein wenig grimmig. "Thank you, fucking Munich", sagt er zu Beginn und gibt fluchend die Richtung vor.

Da passen die rockenden, rhythmusbetonten Eröffnungsstücke bestens zur Stimmung. Auf "Get Ready For Love" folgt das düster-obsessive "From Her To Eternity". Da erklimmt der 68-Jährige erstmals die Menge und lässt sich von den Fans tragen. Doch als er nach "Train Long Rocking", noch so einer wilden frühen Berliner Nummer, die Rampe abschreitet, gibt er die Liebe nicht uneingeschränkt zurück. "You can keep that", sagt er zu einem Fan, das kannst Du behalten. Von einem anderen lässt er sich einen Fächer reichen, kühlt sich kurz, gibt ihn wortlos zurück.

"Henry Lee" ist einer der Höhepunkte des Abends

Nein, Cave umarmt die Fans nicht wie in der Olympiahalle, hin und wieder baut er das Wort "Motherfucker" in seine Ansagen ein. Bei "O Children" holt er einen Jungen auf die Bühne und lässt ihn Zeilen des Refrains mitsingen. Aber als das Kind das letzte Mal "Rejoice" anstimmt, hält Cave das Mikrofon gedankenverloren woanders hin. Wer würde da annehmen, dass später eine Zuschauerin für den erinnerungswürdigsten Moment des Abends sorgen darf?

Nick Cave liebt das Spiel mit dem Publikum.
Nick Cave liebt das Spiel mit dem Publikum. © Jens Niering

Konzerte seien der Versuch, eine echte Gemeinschaft herzustellen, sagte Cave letztes Jahr in einem Interview der Zeitschrift "Galore". Und: "Musik ist eine, wenn nicht die letzte Bastion für das gemeinsame Erleben einer heiligen Erfahrung abseits der Kirche." 2024 hatte er in der Olympiahalle genau das erreicht und eine weltliche Messe abgehalten. Aber auf dem Königsplatz stellt sich dieselbe Magie nicht ein.

Der Funke springt nicht so über wie in der Olympiahalle 

Damals geriet das Publikum in Brand, befeuerte sich auch selbst mit seiner Euphorie. Jetzt springt der Funke zwar in die ersten Reihen, verlöscht aber in den Weiten des Königsplatzes. Das Publikum applaudiert sehr zufrieden an diesem lauen, lauschigen Spätsommerabend, an dem der Mond über der Bühne strahlt. Aber Ekstase wie vor zwei Jahren? Nein.

Gut ist das Konzert dennoch: Die Bad Seeds rocken mit Wucht, die sechs Musiker spielen wie aus einem Guss, und der Sound ist transparent und voluminös. Immer wieder hüpfen und tänzeln die Basslinien von Radiohead-Musiker Colin Greenwood vor der Klangwand umher. Und der Sound wird noch prächtiger, wenn der dreiköpfige Background-Chor einstimmt.

Aus diesem tritt Sängerin Janet Ramus einmal heraus, um mit Nick Cave das Duett "Henry Lee" zu singen wie einst PJ Harvey. Cave steht höflich vom Hocker auf und beklatscht sie, bevor sie in die Rolle der Mörderin schlüpft.

"Jubilee Street" klingt mörderisch intensiv

Auch Zuschauer bejubeln sie, und die Vorschusslorbeeren sind gerechtfertigt: Schon mit den ersten Tönen bekommt man Gänsehaut, ihr Volumen und Timbre sind fantastisch. "No, no, no", wispert Cave hinter seinem Flügel immer wieder, seine Figur Henry Lee fleht die liebestolle, verschmähte Frau um Gnade an. Aber ach, "a little bird lit down on Henry Lee" und ein kleines Taschenmesser macht ihm den Garaus. Die Mörderballade ist einer der Höhepunkte des Abends.

Ein besonderer Moment ist "Joy"

Wie auch "Red Right Hand": Am Ende jeder Strophe erschüttert ein Schlag aufs Metall den Königsplatz, Tausende grölen mit Cave die Kirmesorgelmelodie und besser als mit dem Instrumentalteil könnte man die Apokalypse kaum vertonen. Ein weiteres Highlight ist "Jubilee Street": Da besingt Cave eine arme Prostituierte aus der Perspektive ihres Mörders, irgendwann steigert die Band das Tempo und der Song wird mörderisch intensiv.

Nick Cave spielt vor 13.500 Zuschauern auf dem Königsplatz.
Nick Cave spielt vor 13.500 Zuschauern auf dem Königsplatz. © Jens Niering

Ein besonderer Moment ist "Joy": In dem Lied besingt Cave den Tod seines Kindes. 2015 kam der 15-jährige Arthur ums Leben, als er bei einem Drogenexperiment von einer Klippe fiel, im Jahr 2022 starb sein ältester Sohn Jethro mit 31 Jahren. "I woke up this morning with the blues all around my head", hebt der Song mit einer Standard-Blues-Zeile an, und markerschütternd reimt Cave: "I felt like someone in my family was dead." Da stehen Tränen in seinen Augen, sein Gesicht nimmt einen gespenstischen Ausdruck an, die Intensität ist gewaltig. Eine Strophe singt er a cappella auf der Rampe: Der Königsplatz ist mucksmäuschenstill, vom lauten Grundbrummen der PA abgesehen.

Zum Abschluss singt Nick Cave mit den Fans 

Und gegen Ende wird es spannend. Da liest Cave ein Schild, das ihm jemand aus der ersten Reihe entgegenhält. "Das ist eine sehr schlechte Idee", sagt er. "Wir sollten das nicht tun." Besser kann man nicht anteasern, dass gleich etwas Besonderes passieren wird, und schon steht eine junge Frau auf der Bühne.

Lesen Sie auch

Cave stellt sie nicht vor, spricht nicht mit ihr, sondern kündigt einfach den Song an: "This is a weeping song, motherfucker", sagt er "but we won't be weeping long." Saiten-Derwisch Warren Ellis zählt gröhlend ein, die Bad Seeds legen los, und schon singt die unbekannte Frau die ersten Zeilen, die im Original-Duett Blixa Bargeld gesungen hatte. Sie bewegt sich dazu höchst elegant. Dann nimmt Cave das Mikro und übernimmt seinen Part. Sie reichen sich das Mikro hin und her, beim Refrain stehen sie Arm in Arm, und die junge Frau performt erstaunlich cool.

Das spontane Duett ist so berückend, weil Cave nichts erklärt. Er stellt die junge Frau  noch nicht mal vor, macht sie einfach zum Teil der Show. Nach einer Umarmung entlässt er sie wieder in die erste Reihe. Und schickt sogleich knarzig hinterher: Fans sollen jetzt nicht zum Üben anfangen. "That was beautiful", sagt er. Aber: "Das war das erste und letzte Mal."

Vor der letzten Zugabe fordert Cave dann das ganze Publikum zum Singen auf: Die Bad Seeds gehen ab, Nick Cave begleitet sich und die 13.500 Zuschauer. Gemeinsam singen sie sehr schön "Into My Arms". So endet dieses zwar nicht überwältigende, aber gute, kantige Konzert.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.