Kritik

Gerhahers Schumann-CD: Schweben zwischen Paradies und Abgrund

Die Gesamtaufnahme aller Lieder von Robert Schumann durch Christian Gerhaher.
| Michael Bastian Weiß
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Christian Gerhaher und Gerold Huber bei einem Liederabend.
Clive Barda Christian Gerhaher und Gerold Huber bei einem Liederabend.

Geradezu unheimlich lebensecht sieht Robert Schumann auf den drei verschiedenen Bildnissen aus, die diese 11 CDs zieren: nicht wie gemalt, sondern fotographisch realistisch, ohne dabei aber wiederum an eine vergilbte Daguerreotypie zu erinnern.

Robert Schumann als dreidimensionale Skulpturen

Es handelt sich um computergenerierte dreidimensionale Skulpturen, wie sie der iranische Künstler Hadi Karimi herstellt. Schumann scheint erst gestern abgelichtet worden zu sein, bleibt jedoch gleichzeitig auf geheimnisvolle Weise unwirklich und fremd, sodass man auch nicht an eine bloße Fälschung denkt.

Besser hätte man den Geist dieser Edition nicht illustrieren können. Erklärtermaßen war es ein langgehegter Traum des Baritons Christian Gerhaher und seines ständigen pianistischen Partners Gerold Huber, das ganze Liedwerk von Robert Schumann aufzunehmen. Es ist die wohl wichtigste Einspielung dieses Jahres geworden, weil es unglaublich vielschichtige, gleichsam dreidimensionale Deutung des ganzen Oeuvres liefert.

Gerhaher, der sich auf Zeitgenössisches so versteht wie auf Barockes, holt diese Lieder mit emotional aufregender Unmittelbarkeit ins Hier und Jetzt, schafft aber das Kunststück, dabei auch Schumanns Reflektiertheit, etwa sein musikgeschichtliches Bewusstsein zu erhellen.

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Das sängerische Niveau ist fantastisch

Das ist nicht die erste Gesamteinspielung der Lieder. Sie will auch nicht die vollständigste sein: In der Totale, die vor über zehn Jahren bei Hyperion mit Sängerinnen und Sängern um den Pianisten Graham Johnson entstand, finden sich Jugendlieder, die hier ausgelassen wurden. Was diese Box jedoch der früheren Großtat, in der manche Stimmen gewöhnungsbedürftig waren, voraushat, ist ihr gleichbleibend fantastisches sängerisches Niveau.

Leicht kann man, wenn man das will, Gerhahers hochintelligente Textarbeit ausblenden und nur auf den Bariton an sich hören. Er klang niemals schöner.

Bereits 2004 gab es von Gerhaher eine Aufzeichnung

Die "Dichterliebe" hat Gerhaher schon 2004 eingesungen, als er noch ein bisschen wie Franz Schubert aussah. Während die Stimme unerklärlicherweise in fünfzehn Jahren auch nicht ein Jota gealtert zu sein scheint, hat sein Vortrag wie der seines Straubinger Landsmannes Gerold Huber an Tiefenschärfe, an Kontur, aber auch an Tiefe gewonnen.

Gerhaher und seine Kollegen ergänzen sich wunderbar

Allein, wie Huber die so wichtigen Nachspiele zum Sprechen bringt, nicht ohne dabei die pianistischen Gesangsflügel aufzuspannen, ist wunderbar. Die Kolleginnen und Kollegen, die Gerhaher zu diesem Projekt hinzugeholt hat, stimmen mit ihm im Geiste überein, gleich, ob sie eine verletzliche mädchenhafte Frische ausstrahlen wie Sibylla Rubens in den Liedern auf Gedichte von Elisabeth Kulmann oder eine heikle Balance von Dramatik und Innenschau aufrecht halten wie Wiebke Lehmkuhl in den visionären "Gedichten der Königin Maria Stuart".

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Weil dieses für Robert Schumann so charakteristische unendliche Schweben zwischen Paradies und Abgrund ausnahmslos getroffen wurde, sei diese Edition als ein Weihnachtsgeschenk für eine besonders teure Person empfohlen. Mit einer Warnung: Wer mit der ersten CD begonnen hat, läuft Gefahr, aus diesem Kosmos so schnell nicht wieder herauszufinden.


Robert Schumann: "Alle Lieder" (11 CDs, Sony)

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