Kritik

Geheimtipp: Poetischer Country-Rock aus North Carolina

American Aquarium bleiben ihrem Sound zwischen Heartland Rock und Country auf „New Ways to Lose“ treu und üben auf sehr poetische Weise Kritik an den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.
von  Peter Gratz
BJ Barham mit der von ihm zusammengestellten Band.
BJ Barham mit der von ihm zusammengestellten Band. © Joshua Black Wilkins

Er geht seinen Weg, seit 20 Jahren. Sowohl was Sound als auch thematische Ausrichtung angeht, hat BJ Barham, Frontman der Band American Aquarium, noch nie an Anpassung an den Mainstream gedacht. Deshalb sind sie auch immer Geheimtipps geblieben. Was schade ist, denn sowohl auf der musikalischen als auch lyrischen Ebene bringen die Jungs aus Raleigh, North Carolina, höchste Qualität aufs Tonband.

Wenn sogar Unkraut vergeht

Barham ist bekannt als einer der wenigen offen-progressiven Musiker des Großgenres Country und betreibt in seinen Songs gerne große Gesellschaftskritik im Kleinen. So etwa im Opener „Dollar General“, wo es im Refrain heißt:

„When even the Dollar General’s closing down // We’d fix it if we could, but we don’t know how // Can’t put concrete in a casket, if they could they’d bury this town // ‘Cause even the Dollar General’s closing down“

Die schließende Filiale der Billig-Laden-Kette wird zum Symbol für den absoluten Zerfall der ländlichen Kleinstädte. Ganz nach dem Motto: Wenn sogar Unkraut vergeht, beschreiben American Aquarium die andauernde Krisenzeit der Arbeiterklasse.

American Aquarium um Songwriter BJ Barham (verschränkte Arme) im legendären Red Rocks Amphitheatre
American Aquarium um Songwriter BJ Barham (verschränkte Arme) im legendären Red Rocks Amphitheatre © Red Light Management

Der Albumtitel kommt jedoch von einem Ausspruch über das Lieblingsteam des Sängers, dem „Wolfpack“ der NC State University. Diese würden immer wieder neue Wege finden zu verlieren - und ihre Fans zu enttäuschen. Diese bleiben ihnen trotzdem treu, so wie der arbeitslose Kohlearbeiter der republikanischen Partei.

Die elfte Platte wurde wieder im eingespielten Team mit dem Grammy-ausgezeichneten Produzenten Shooter Jennings - Sohn der Country-Legende Waylon Jennings - in Los Angeles aufgenommen. Die in nur zehn Tagen live als Band eingespielten Songs vermitteln ein erdiges Gefühl mit Gitarrenriffs, die an Genregrößen wie Tom Petty oder Bruce Springsteen erinnern. Über allem schwebt wie immer die stets präsente Steel-Guitar, unterstützt von einem Piano, das zwischen bluesy und verträumt hin und her wechselt.

Lieder wie Schnappschüsse aus Kindertagen

Doch die an die Westküste gereisten East-Coast-Jungs können nicht nur harte Kritik üben, sondern auch berührend erzählen. So zum Beispiel in „4x60“, einem Lied wie ein Schnappschuss aus der Jugend des Erzählers.

Der Detailreichtum von BJ Barhams Texten wird hier besonders schön deutlich, wenn er die Fahrt zum sommerlichen Familieneinkauf beschreibt:

„Daddy’s sitting tall in the front seat, if he was there he was drivin’ // Lift a finger at every car we’d meet, early August, second priming // Mama’s sittin’ pretty on the passenger side, puffin’ on a Montclaire cigarette // Run into town to grab a few things that we forgot last week“

Nachdenkliches neben konkreter Kritik

Neben nachdenklichen Liedern - „Favorite Hello“ erinnert an den geliebten Hund der Familie des Frontmanns, - findet sich auch ein ganz direkter, politischer Song auf dem zehn Songs fassenden, recht kompakten Album.

In „History Repeats Itself“ werden die politischen Umstände und das Verhalten großer Teile der Bevölkerung des „American South“ angeprangert. So wird die Entfremdung der Politik von den Menschen kritisiert:

„Little men in ill-fitting suits // Making the decisions for me and you // Tall and skinny, cheap and fast // Who gives a damn how long they’ll last?“

Texter Barham wollte diesen Umstand ändern helfen, konnte den Wahlkampf um einen Gemeinderatssitz in seinem Wohnort aber nicht gewinnen. Gut für uns, dann hat er weiterhin viel Zeit zum Musik machen.
Denn auch auf diesem neuen Werk, liefert American Aquarium wieder ab: mitreißender Sound, einfühlsame Lyrics und eine gehörige Portion Wehmut.

Traurige Songs können glücklich machen

BJ Barham hat einmal gesagt, dass traurige Songs ihn glücklich machen. Zu traurig wird’s hier zum Glück nicht, glücklich macht die Musik beim Hören trotzdem.

So kann man das neue Album auch recht locker von vorne bis hinten durchhören. Im Gegensatz zu früheren Werken, wie zum Beispiel dem an die biblischen Klagelieder Jeremiahs angelehnten „Lamentations“, taugt „New Ways to Lose“ auch als leichterer Hörgenuss.

Optimalerweise beim Autofahren mit heruntergelassenen Fenstern, schließlich bezeichnet „4x60 AC“ die Klimaanlage des kleinen Mannes: vier heruntergekurbelte Scheiben bei 60 Meilen pro Stunde.

Das Cover der neuen Platte der Country-Rocker aus Raleigh. NC.
Das Cover der neuen Platte der Country-Rocker aus Raleigh. NC. © jpc.de

 

American Aquarium: „New Ways to Lose“
(Losing Side Records/Thirty Tigers),
auf allen gängigen Streaming-Plattformen,
americanaquarium.com

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