Interview

Florian Helgath über seine Aufnahme von Mozarts „Requiem“

Florian Helgath über seine Aufnahme von Mozarts „Requiem“ und die gegenwärtigen Schwierigkeiten mit dem Chorgesang
| Robert Braunmüller
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Das Chorwerk Ruhr.
Pedro Malinowski 2 Das Chorwerk Ruhr.
Der Chorleiter und Dirigent Florian Helgath.
Chorwerk Ruhr 2 Der Chorleiter und Dirigent Florian Helgath.

Mozarts „Requiem“ gehört zu seinen beliebtesten Werken. Aber es blieb unvollendet und wurde erst von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr aufführbar gemacht. Diese Fassung ist unter Musikern und Wissenschaftlern nicht unumstritten. Der Dirigent und Komponist Michael Ostrzyga hat eine eigene Vollendung geschaffen, die von Florian Helgath mit dem Chorwerk Ruhr und Concerto Köln im August 2019 beim Rheingau Musik Festival uraufgeführt wurde. Sie ist nun auch als CD erschienen.

AZ: Herr Helgath, an Aufnahmen und Neuvollendungen von Mozarts „Requiem“ herrscht kein Mangel. Warum haben Sie das Werk trotzdem aufgenommen?
FLORIAN HELGATH: Eine berechtigte Frage. Als Michael Ostrzyga mich gefragt hat, ob ich an seiner Version interessiert bin, war mein erster Impuls: „Warum denn noch mal?“ Außerdem hatte ich nach Aufführungen der Komplettierung des „Requiems“ durch den österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas mit dem Werk meinen Frieden geschlossen. Seine Fassung enthält nur Mozarts Noten. Man erlebt in der Aufführung sozusagen den Tod des Komponisten, weil sich das Stück im Verlauf immer weiter ausdünnt. Haas setzt da in hartem Bruch eigene Klänge dagegen.

Was hat Sie bewogen, trotzdem noch Michael Ostrzygas neue „Requiem“-Version auszuprobieren?
Mozarts „Requiem“ begleitet mich schon ein Leben lang. Das geht sicher auch anderen Menschen so. Außerdem war es mein Diplomstück beim Abschluss des Dirigierstudiums. Jede Annäherung an das Fragment bleibt eine Utopie.

Bei Ostrzygas Version höre ich nicht viel Unterschiede zu Süßmayrs Normalversion.
Das ist ein gutes Zeichen. Die Hosanna-Fuge steht in Mozarts Skizze in B-Dur. Bei Süßmayr ist es D-Dur. Aber das Thema ist nicht für diese Tonart entworfen, und der Chor gerät an die Grenzen des Stimmumfangs. Es klingt zwar wie Mozart, aber es klemmt. Ostrzyga hat aus der Originaltonart der Hossana-Fuge geschlossen, dass das vorangehende Sanctus in strahlendem D-Dur, sondern in d-moll enden muss. Das irritiert anfangs, aber es entspricht den Tonart-Beziehungen in anderen kirchenmusikalischen Werken Mozarts, mit denen sich Ostrzyga intensiv auseinandergesetzt hat, um daraus Lösungen zu gewinnen.

Trotzdem wirkt diese Version vollendet.
Wenn ich mich wieder mit dem Werk beschäftige, werde ich entweder die den Fragmentcharakter betonende Haas-Version oder die für mich sehr runde Ostrzyga-Komplettierung machen.

Ihre CD enthält noch ein weiteres Stück, das sich in der Besetzung stark abhebt.
Das ist das „Libera me“ von Ingnaz von Seyfried. Er war ein enger Vertrauter Beethovens. Bei dessen Begräbnis wurde das Mozart-Requiem gespielt, das „Libera me“ für Männerchor a cappella wurde auf dem Weg zum Grab gesungen. Das Stück ist deswegen interessant, weil es Motive und den Stil Mozarts aufgreift.

Was machen Sie und das Chorwerk Ruhr in der weitgehend chorfreien Coronazeit?
Unser letztes Konzert war im Februar. Jetzt planen wir Alternativprojekte in Oktettbesetzung im Rahmen des Möglichen mit viel Abstand.

Wie ist das Chorwerk Ruhr organisiert?
Ich arbeite mit einer konstanten Besetzung, die zu 80 Prozent identisch ist. Die restlichen 20 Prozent kommen aus einem Pool von etwa 20 Leuten. Wenn jemand neu dazukommt, ist das eine bewusste Entscheidung.

Sind die Mitglieder Profis?
Alle haben Gesang studiert. Die jährlichen Projekte des Chorwerks sind für sie etwa ein halber Job. Die meisten arbeiten nebenbei solistisch oder als Gesangslehrer. Wir zahlen projektbezogen. Das hat den Vorteil, dass mit hohem Engagement gearbeitet wird. Jetzt allerdings ist es hart. Eine meiner Sopranistinnen, die oft auch solo singt, sitzt bei Rewe an der Kasse und wartet darauf, dass es wieder weitergeht. 

Wolfgang Amadeus Mozart: „Requiem“ (Chorwerk Ruhr, Concerto Köln, Gabriela Scherer, Anke Vondung, Tilman Lichdi, Tobias Berndt, Florian Helgath, bei Coviello Classics)

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