Erst biedermeierlich gemütlich, dann mit großem Hurra

Das BR-Symphonieorchester unter Iván Fischer mit Beethoven im Herkulessaal.
| Robert Braunmüller
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Christiane Karg und Iván Fischer bei einer Probe.
Christiane Karg und Iván Fischer bei einer Probe. © Astrid Ackermann

München - Die Achte beginnt im dank unserer weisen Staatsregierung nur spärlich besetzten Herkulessaal. Der Rezensent fragt sich angesichts des vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eingeschlagenen Tempos, wie Beethoven wohl den ersten Satz der Achten überschrieben hat. Womöglich mit Allegro moderato? Oder als Allegro ma non troppo? Nein: Allegro vivace. Und damit es der Letzte kapiert, dass es schnell sein soll, hat er noch "con brio" hinzugefügt.

Über das Tempo bei Beethoven wurde viel gestritten. Ein Interpret wird sicher auch immer den Raum berücksichtigen. Aber ein Beethoven ohne drängendes Brio und mit einem gemütlichen biedermeierlichen Bäuchlein ist halt kein Beethoven mehr, gerade bei dieser Symphonie, deren unheimliches Uhrwerk an Chaplins "Moderne Zeiten" erinnert.

Scharfer Kontrast aus Zorn und elegischer Klage 

Wobei Iván Fischer zuzugestehen ist, dass er beim einmal gewählten Tempo bleibt, seine Sicht konsequent durchzieht und - etwa im letzten Satz - eine ruhige Episode herausholt, die andere Dirigenten so bisher nicht entdeckt haben.

Die Ratlosigkeit klärte sich ein wenig bei Beethovens Arie "Ah perfido!", einem Frühwerk zwischen Mozarts Donna Anna und Luigi Cherubinis Medea. Diesen gepflegten Opera-Seria-Klassizismus gestaltet Fischer ausgesprochen lebendig. Auch die Frage, ob diese Arie für Christiane Karg nicht zu dramatisch sei, löste sich in Wohlgefallen auf: Die Sopranistin hatte nicht die geringste Mühe mit dem hier verlangten Tonumfang und der heiklen Stelle in Alt-Lage. Den scharfen Kontrast aus Zorn und elegischer Klage vermittelte die Sängerin mit dem gleichen eleganten Geschmack und ohne jede Überzeichnung, mit dem der Dirigent und das Orchester sie begleiteten.

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Danach die unverwüstliche Fünfte: Sie liegt Fischer entschieden mehr als wie die Achte. Auch hier blieb das Tempo eher gemessen. Aber glücklicherweise entschloss sich der Dirigent mit dem Orchester voll aufs Ganze zu gehen und das triumphale Finale im Unterschied zu vielen seiner Kollegen nicht in Anführungszeichen zu setzen. Fischer riskierte das große Orchester-Hurra. Die drei recht kernigen Posaunen, die erst im Finale mitwirken, bekamen einen Extra-Auftritt und waren leicht seitlich aufgestellt. Sie spielten auf diese Weise im Klang eine eigene Rolle und wirkten nicht nur - wie sonst oft - als trübendes Verdickungsmittel.

Die Wenigen applaudierten heftig, und es gab sogar Bravos

Da stellte sich dann zumindest die Ahnung eines ansteckenden Gemeinschaftserlebnisses ein, das zum Konzert gehört. Die Wenigen applaudierten heftig, und es gab sogar Bravos. Und noch etwas überzeugte: die Aufstellung der Kontrabässe in einer Reihe hinter dem Orchester, wie sie beim Leipziger Gewandhausorchester üblich ist. Womöglich hört da auch das Auge mit, aber die Grundierung der Musik durch die tiefe Lage wirkte auf diese Weise runder und zugleich deutlicher.

Beim BR-Symphonieorchester wird gerne über die Akustik der Münchner Säle geklagt: Aber allzu selten experimentiert ein Dirigent einmal mit der Orchesteraufstellung. Auch in der Isarphilharmonie wäre die Kontrabassreihe einen Versucht wert - einmal abgesehen davon, dass es nicht nur gut klingt, sondern auch gut aussieht.


Das Konzert kann in Kürze auf br-klassik.de nachgehört werden

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