Eric Clapton in der Olympiahalle: Der Gitarren-Gott spielt – aber ignoriert das Publikum

Eric Clapton ignoriert in der Olympiahalle sein Publikum fast vollständig. Die 9000 Besucher feiern ihn trotzdem.
von  Dominik Petzold
Eric Clapton bei einem Konzert 2021 in Hollywood. In der Olympiahalle ließ er keine Fotografen zu.
Eric Clapton bei einem Konzert 2021 in Hollywood. In der Olympiahalle ließ er keine Fotografen zu. © imago images/MediaPunch

Ein Künstler kann sein Publikum kaum umfassender ignorieren als Eric Clapton an diesem Abend in der Olympiahalle. Beim Aufgang auf die Bühne schaut er es nicht an, beim ersten Abgang nach "Cocaine" auch nicht, dazwischen sagt er "Danke und guten Abend", nennt die Namen dreier Solisten - das war’s. Aber wirklich interessant wird es nach der Zugabe.

Da redet er auf der Bühne erst mit Gitarrist Doyle Bramhall II, verbeugt sich kurz mit seinen Musikern, und plaudert dann mit Organist Tim Carmon weiter. Ein Stimmungsschub geht durchs Publikum: Geht es nach dem kurzen Rausschmeißer "Before You Accuse Me" doch noch weiter? Besprechen die beiden eine weitere Zugabe? Nein, sie unterhalten sich einfach, als ob die Zuschauer gar nicht da wären. Dann geht Clapton ab, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Er winkt noch mal kurz, schaut aber geradeaus in Richtung Bühnenausgang und dreht sich nicht mehr um.

Schnelle Läufe spielt Clapton gar nicht mehr 

Der 81-Jährige kommuniziert in der Olympiahalle nur mit seinesgleichen: mit seinen hervorragenden Musikern, auch mit seinem verstorbenen Freund George Harrison. Den grüßt er erst mit dem Eröffnungssong "Badge", den sie 1969 gemeinsam geschrieben haben, und dann mit der Abspannmusik, dem Beatles-Lied "Here Comes The Sun", das George in seinem Garten komponierte. Und die Zuschauer? Die dürfen all dem unbeachtet beiwohnen.

Eric Clapton in Detroit, Michigan 2022
Eric Clapton in Detroit, Michigan 2022 © IMAGO/Depositphotos

Und können darüber doch außerordentlich froh sein: Denn Eric Claptons Gitarrenspiel ist weiterhin ein Ereignis. Dabei kann er nicht mehr wie früher spielen, er selbst sprach vor einiger Zeit von gesundheitlichen Problemen. Bei "Badge" tastet er sich vorsichtig in sein Solo, später spielt er ein paar falsche Noten, nimmt auch mal eine falsche Abzweigung. Als bei "Little Queen Of Spades" vor dem Schlussteil die Tonart wechselt, verliert er die Orientierung, probiert verschiedene falsche Noten, bis er wieder in die Spur findet. Und schnelle Läufe wie früher spielt er gar nicht mehr.

Nach Claptons Solo ist keine Steigerung mehr möglich 

Und doch hat das Spiel von "Slowhand" weiterhin etwas Majestätisches. Mal genügt ein einfaches Lick, mal eine kraftvoll gezogene Saite, um eine gewaltige Energie durch die Halle zu schicken und die Dynamik der Band auf ein anderes Level zu heben. Das Feeling in seinen Händen ist noch immer fantastisch. Schönere, gefühlvollere Blue Notes als Claptons Flageolett-Töne zu Beginn von Robert Johnsons "Little Queen Of Spades" kann man nicht spielen.

Der Mann, der in den Sechzigern in einer Londoner Wandschmiererei zum "Gott" ernannt wurde, lässt aber auch seinen irdischen Kollegen viel Raum, sowohl Organist Tim Carmon als auch der legendäre Pianist Chris Stainton glänzen. Der spielt bei "Little Queen Of Spades" zwölf Takte lang melodiöse, romantische Moll-Motive - und als die Band dann wieder ins Dur wechselt, entfalten seine Blue Notes umso mehr Kraft. Doch das letzte Solo spielt Clapton fast immer selbst - danach ist keine emotionale Steigerung mehr möglich.

Eric Clapton spielte 1974 erstmals in München
Eric Clapton spielte 1974 erstmals in München © picture alliance / dpa

Beim vierten Song "I Shot The Sheriff" treffen seine Töne erstmals mitten ins Herz. Dann folgt schon der äußerst leise akustische Teil: Die spartanische Solonummer "Kind Hearted Woman Blues" klingt wundervoll, "Nobody Knows You When You’re Down And Out" gediegen-unaufregend, "Golden Ring" recht fad.

Ein sehr leises "Layla" 

Bei "Layla" will das Publikum mitklatschen, lässt es dann aber bleiben, vielleicht weil es die stecknadelleise Band sonst übertönt. Doyle Bramhall erzeugt mit seiner verzerrten, aber dezenten E-Gitarre einen fast Sitar-artigen Klang, und bei "Tears In Heaven" holt Chris Stainton einen ähnlichen Sound aus seinem Synthie: ein kleiner Abstecher vom Old-School-Wohlklang des Abends.

Als sich Clapton dann wieder seine schwarze Stratocaster umhängt, kommt der Höhepunkt des Abends: Bei "Old Love" erstrahlt sein Spiel in besonders hellem Glanz. "Crossroads" rockt bestens, und je länger die Show dauert, desto voller wird auch Claptons oft unterschätzte Stimme: Sie hat nicht mehr das Volumen wie in den Neunzigern, klingt aber immer noch gut. Und für zusätzliche Power sorgen, wenn nötig, die Background-Sängerinnen Katie Kissoon und Sharon White.

So hat der Abend faszinierende Momente, und die 9.000 Besucher danken am Ende mit Standing Ovations. Doch macht es Clapton auch Spaß? Während des gesamten Sets verzieht er keine Miene, aber bei der kurzen Zugabe "Before You Accuse Me" lächelt er. Nicht in Richtung Zuschauer, sondern in Richtung seiner Band.

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