Interview

Enrico Onofri: "Heimat ist da, wo ich arbeite"

Neue CD-Box und neue Saison: Der Dirigent startet mit dem Münchener Kammerorchester in die neue Saison, die unter dem Motto "Heimat" steht. Im Interview erklärt der Italiener aus Ravenna, was der Begriff für ihn bedeuet.
von  Robert Braunmüller
Enrico Onofri und das Münchener Kammerorchester im Prinzregententheater.
Enrico Onofri und das Münchener Kammerorchester im Prinzregententheater. © Florian Ganslmeier

In einer eben erschienenen CD-Box bringt das Münchener Kammerorchester unter Leitung von Enrico Onofri drei Symphonien von Ludwig van Beethoven mit Musik seiner italienischen Zeitgenossen zusammen. Zwei Werke aus diesem Programm eröffnen auch die mit dem Motto "Heimat" überschriebene neue Saison des Orchesters am 10. Oktober im Prinzregententheater: die Siebte, Gaspare Spontinis "Olympie"-Ouvertüre und das Hornkonzert Nr. 1 von sRichard Strauss mit dem Solisten Ben Goldscheider.

AZ: Herr Onofri, warum ist Beethovens Symphonie Nr. 7 das Hauptwerk im ersten Konzert einer Saison, die mit dem Motto "Heimat" überschrieben ist? Ich sehe da keinen Bezug.
ENRICO ONOFRI: Dazu muss ich etwas ausholen. Beethovens Schüler Czerny berichtet, der Komponist sei ein begeisterter Leser der antiken Klassiker gewesen. Er habe die Strukturierung der griechischen Metrik gezielt als kompositorisches Fundament verwendet, um der Sinfonie ihre mitreißende Dynamik zu verleihen, die Richard Wagner dazu veranlasste, das Werk als "Apotheose des Tanzes" zu bezeichnen. Die Antike ist eine Art gemeinsame Heimat für ganz Europa. Und das verbindet Beethoven mit Spontini, dessen Oper "Olympie" in der Zeit nach dem Tod Alexanders des Großen spielt.

Beim Hornkonzert von Richard Strauss ist die Beziehung offenkundig.
Strauss ist in München geboren, das Hornkonzert Nr. 1 schrieb er 1882/83 für seinen Vater Franz, der im Orchester der Hofoper als Hornist wirkte.

"Bach ist die Heimat für alle Musiker"

Und wie passt Rossinis Ouvertüre zu "Wilhelm Tell" da hinein?
Rossini hat 1823 seine italienische Heimat in Richtung Paris verlassen. Sein "Guillaume Tell" beeinflusste Giacomo Meyerbeer ebenso wie Wagner. Gleichzeitig beflügelte der Stoff um den Schweizer Freiheitskämpfer die nationale Bewegung in Italien. Im Risorgimento avanciert der Galopp aus der Ouvertüre zu einem Einheitssymbol vergleichbar dem Gefangenenchor aus Verdis "Nabucco". Das pastorale Englischhorn-Solo am Beginn der Ouvertüre ist außerdem ein musikalischer Gemeinplatz für Heimat in italienischen Opern.

Enrico Onofri wurde 1967 in Ravenna geboren. Er war Geiger in Jordi Savalls Capella Reial de Catalunya, dem Concentus Musicus Wien von Nikolaus Harnoncourt und bei Il Giardino Armonico. 2002 begann seine Karriere als Dirigent. Seit 2022/23 ist er neben Bas Wiegers und Jörg Widmann Associated Conductor des Münchener Kammerorchesters.
Enrico Onofri wurde 1967 in Ravenna geboren. Er war Geiger in Jordi Savalls Capella Reial de Catalunya, dem Concentus Musicus Wien von Nikolaus Harnoncourt und bei Il Giardino Armonico. 2002 begann seine Karriere als Dirigent. Seit 2022/23 ist er neben Bas Wiegers und Jörg Widmann Associated Conductor des Münchener Kammerorchesters. © Florian Ganslmeier

Allerdings schätzte Beethoven Rossini nicht besonders.
Er war eifersüchtig auf seinen Erfolg. Andererseits wurde Rossini von seinen konservativen Landsleuten beschuldigt, Beethoven nachzuahmen. Aber es lassen sich aus der Hirtenmelodie am Anfang der Ouvertüre auch Anklänge an Beethovens "Pastorale" heraushören.

Der Dirigent Enrico Onofri.
Der Dirigent Enrico Onofri. © Florian Ganslmeier

Gibt es eine Beziehung zwischen Beethoven und Spontini?
Beethoven mochte Spontinis Sinn für Dramatik. Aber im Zusammenhang mit "Olympie" zitierte er den Titel von Shakespeares Komödie "Viel Lärm um nichts", weil er die Instrumentierung zu lärmend fand. Aber genau aus diesem Grund habe ich die Ouvertüre ins Programm genommen.

Welche Werke mit Heimat-Bezug werden Sie außerdem dirigieren?
Das "Divertimento" von Béla Bartók entstand 1939, als sich der Komponist entschloss, seine Heimat Ungarn zu verlassen und ins Exil zu gehen. Dann ein Werk des lettischen Komponisten Peteris Vaks mit dem Titel "Pateicibas Dziedajums". Das heißt "Gesang der Dankbarkeit". Damit bedankt sich Vaks anlässlich seines 80. Geburtstags bei seinen Weggefährten und Förderern sowie ausdrücklich bei seiner Heimat. Außerdem steht in diesem Konzert Mozart auf dem Programm: Seine Musik ist wie Bach Heimat für jeden Musiker.

"Heimat ist da, wo ich arbeite"

Was ist Heimat für Sie? Ihre Geburtsstadt Ravenna?
Es ist eine Stadt mit über 2000-jähriger Geschichte. Aber ich fühle mich eher südlicher im Apennin heimatlich, wo meine Familie herstammt. Aber ich kann mit dem Begriff Heimat nicht viel anfangen. Für mich als Musiker ist das dort, wo ich arbeite - auch Deutschland oder Frankreich. Musik zu machen, hat immer damit zu tun, ohne kulturelle Grenzen über Herkunft und Tradition nachzudenken. Denn es ist eine Stärke der westlichen Musik, dass sie auch Menschen aus anderen Kulturen anspricht, die dazu noch eigene, wichtige musikalische Traditionen haben, wie etwa Japan oder Indien.

Gibt es einen Komponisten außer Bach, der Heimatgefühle bei Ihnen auslöst?
Schwierige Frage. Sicher Bach und Beethoven, aber auch die mehrstimmige Musik der Renaissance. Josquin Desprez, Guillaume Dufay oder Pierluigi da Palestrina sind für mich eine Heimat. Aber das gilt aus musikgeschichtlichen Gründen letztendlich für alle Musiker, auch wenn sie die Werke dieser Komponisten gar nicht kennen. Aber wenn ich einen Komponisten nennen müsste, dann Bach.

"Ich könnte überall in Europa leben"

Außer Palestrina keinen Italiener?
Ich könnte auch Monteverdi oder Gesualdo nennen. Aber persönlich steht mir Bach am nächsten.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Italien und Deutschland scheint mir zu sein, dass Heimat regional und nicht national gedacht wird.
Ja und nein. Ich komme aus der Emilia-Romagna. Der Bindestrich ist kein Zufall: Die Region beinhaltete recht verschiedene Landschaften ähnlich wie Baden-Würtemberg oder Nordrhein-Westfalen. Zwischen Piacenza und meinem Haus liegen 150 Kilometer, und ich verstehe den piacentinischen Dialekt kaum. Aber es stimmt: Heimatstolz ist in Italien sehr regional, weil das Land 1500 Jahre lang in kleine Länder aufgeteilt war und wie Deutschland historisch sehr spät zu einem Nationalstaat vereinigt wurde. Aber als Musiker steht man da drüber. Ich könnte überall in Europa leben.

Fühlen Sie sich in München heimatlich?
Im Englischen Garten, weil er einerseits Natur ist und zugleich gestaltet.

Der Dirigent Enrico Onofri.
Der Dirigent Enrico Onofri. © Florian Ganslmeier

Treffen sich die drei Chefdirigenten des Münchener Kammerorchesters eigentlich jemals? Es gibt bis heute kein gemeinsames Foto.
Aus praktischen Gründen und wegen unserer Terminkalender. Ich habe Bas Wiegers zuletzt beim Kammermusikfest in der Villa Stuck getroffen. Jörg Widmann konnte leider nicht dabei sein, weil er in Japan zu tun hatte. Aber es wäre schön, wenn sich mal ein gemeinsames Abendessen ergeben würde.

Das erste Abo-Konzert des MKO am 15. Oktober um 20 Uhr im Prinzregententheater. Infos und Karten unter www.m-k-o.eu. Die Beethoven-Box erschien bei Harmonia mundi.

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